Die Wirte Yordanos und Ghirmay Habton blicken auf die verwaisten Tische in ihrem Restaurant "Savanne". 		FOTO: PAD
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Die Wirte Yordanos und Ghirmay Habton blicken auf die verwaisten Tische in ihrem Restaurant »Savanne«. FOTO: PAD

Sorge um Weihnachtsgeschäft

Kreis Gießen: Todesstoß für Restaurants? Gastronomen fürchten Lockdown-Verlängerung 

  • vonPatrick Dehnhardt
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Die Gastronomen im Landkreis Gießen sind skeptisch, ob der Lockdown am 1. Dezember wirklich endet. Ein Experte fürchtet, dass einen dritten Lockdown viele Betriebe nicht mehr überstehen werden.

Gießen – Für Ghirmay Habton, Wirt des Licher Kulturrestaurants »Savanne«, ist der Beruf Berufung. Er liebt es, mit seinen Gästen zu reden und Künstlern in seinem Restaurant eine Plattform zu bieten. Der November treibt dem sonst so fröhlichen Gastwirt jedoch die Sorgenfalten auf die Stirn: Er muss so wie alle anderen Gastronomen seinen Laden schließen. »Wir haben uns immer an die Regeln gehalten, die Kunden haben sich an die Regeln gehalten. Es ist für alle traurig.«

Einige hätten Speisen bestellt und abgeholt, um das Restaurant zu unterstützen. Andere seien nur kurz zum Essen vorbeikommen und danach gleich wieder gegangen. Zu Zeiten der Sperrstunde hätten alle Verständnis dafür gehabt, dass sie einen Tisch nur für eine bestimmte Zeit buchen konnten, berichtet der Licher. » Wir haben immer eine Lösung gefunden.« Diese Woche sollte ein Wintergarten errichtet werden, um mehr Platz für Gäste zu haben. »Ich hatte Glück, dass ich das noch stoppen konnte.«

Gastronomen im Kreis Gießen: Von Lockdown nicht überrascht

Ein paar Kilometer entfernt, im »Landhaus Klosterwald«, ist man von der Entscheidung der Bundesregierung für den Lockdown nicht überrascht. Geschäftsführer Markus Müller hatte ihn aufgrund der steigenden Infektionszahlen erwartet.

Nach dem Sommer 2020 hatte er eigentlich Hoffnung. Es wären ungewöhnlich viele Urlaubsgäste angereist. »Einige sind zehn Tage im Landkreis Gießen geblieben - das kannte ich vorher nicht«, sagt Müller.

Dem »Landhaus« kommt zugute, dass es recht breit aufgestellt ist: Von Restaurant über Hotel und Tagungen bis hin zu Familien- und Hochzeitsfeiern reicht das Angebot. »Wir haben eine Verantwortung für die Region und unsere Mitarbeiter«, sagt Müller. Nun kommt wieder der Lockdown. Die Zwangspause wird genutzt, um das Hotel zu renovieren. Zudem werden immer sonntags Speisen im Abholservice angeboten.

DEHOGA: Haben funktionierende Hygienekonzepte im Kreis Gießen

Stefan Herzog, Vorsitzender des Kreisverbandes Gießen/Gleiberger Land des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA), kann die Entscheidung der Bundespolitik nicht nachvollziehen: »Wieso wird ein erfolgreiches, hygienekonformes und nachvollziehbares Konzept zur Pandemiebekämpfung gestoppt, während dem ›allgemeinen‹ Wirtschaftsbetrieb in all seiner Vielfalt und mit all seinen Gefahren nur ›kosmetische‹ Beschränkungen auferlegt werden?«, fragt er.

Kontaktbeschränkungen seien in der aktuellen Lage sinnvoll, sagt Herzog. Jedoch würden sich nun die Treffen nur vom öffentlichen in den privaten Raum verlagern. »Die Menschen in nicht kontrollierbare Wohnbereiche zu schicken, ist mit Bezug auf echte Kontaktbeschränkungen gewaltig realitätsfern.«

Wirt aus Gießen fürchtet, dass Menschen an Einsamkeit kaputtgehen

Sein Restaurant sei ein Platz gewesen, an dem sich die Menschen unter den geltenden Hygienevorgaben hätten treffen können, sagt Savanne-Wirt Habton. »Die Menschen brauchen nach der Arbeit und dem Stress einen Austausch mit Freunden. Es werden viele an der Einsamkeit kaputtgehen.« Er überlegt nun, einen Abholservice anzubieten, um mit seinen Gästen in Kontakt zu bleiben.

Auch viele andere Restaurants gehen diesen Weg. Doch eine Dauerlösung ist das nicht. »Die gesamte Gastro-Branche wird wieder sehr hart getroffen, für viele Betriebe ist diese Zwangsruhe existenzbedrohend, besonders, da nicht wirklich abzusehen ist, dass sich die allgemeine Pandemie-Situation nicht noch weiter verschlechtert«, sagt Herzog.

Die vom Bund angekündigten nicht-rückzahlungspflichtigen Hilfen seien zwar eine Unterstützung. »Jedoch müssen weitere Kredite zurückbezahlt werden, und das bei gesunkenen Umsätzen«, sagt Herzog.

Zumal nun das Weihnachtsgeschäft ansteht: Der DEHOGA-Vorsitzende rechnet damit, dass es im Vergleich zum Vorjahr um zwei Drittel zurückgehen wird, »bei weitgehend gleichen Fixkosten«.

Gastronomen in Gießen: Kurzes Weihnachtsgeschäft befürchtet

Auch Geschäftsführer Müller vom »Klosterwald« ist bezüglich des Weihnachtsgeschäfts äußerst skeptisch. In einem normalen Jahr würden sie die ersten Weihnachtsfeiern Mitte November veranstalten. Der Terminkalender für 2020 war bereits voll. »Doch von diesen Feiern findet keine einzige mehr statt.« Derzeit könne man nur hoffen, dass der Lockdown am 1. Dezember auch wirklich endet. »Ich bin noch nicht sicher, dass wir aufmachen dürfen - wenn überhaupt, dann in der Weihnachtswoche. Wenn nach Ostern nun auch das Weihnachtsgeschäft wegbricht, wäre das eine Katastrophe.«

Dass die Gaststätten im Landkreis überhaupt so gut durchhalten können, liege daran, dass es sehr viele gestandene Betriebe sind, die seit Jahrzehnten am Markt sind, sagt Müller. Sein Blick in die Zukunft ist sorgenvoll: »Dass Corona 2021 verschwinden wird, das glaubt hier niemand mehr.«

Was also würde passieren, wenn es im Frühjahr erneut einen Lockdown gibt? Dehoga-Mann Herzog sagt: »Eigentlich will ich darüber gar nicht nachdenken, aber die Vielfalt unserer Gastronomie wird nicht weiterbestehen können und zahlreiche individuell gestaltete Gastronomiebetriebe stehen vor dem Ruin.«

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