Die Sperrstunde trifft viele Gastwirte im Kreis Gießen hart. (Symbolbild)
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Die Sperrstunde trifft viele Gastwirte im Kreis Gießen hart. (Symbolbild)

Um 23 Uhr ist Schluss

Kreis Gießen: Sperrstunde trifft Gastwirte – „Pandemie schlägt auf die Psyche“

  • vonStefan Schaal
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Wie sehr schadet die Sperrstunde im Kreis Gießen den Lokalen auf dem Land? Besuche in einer traditionellen Dorfkneipe, einer Shisha-Bar und einer Tankstelle.

  • Wegen stark steigender Corona-Zahlen gilt im Kreis Gießen eine Sperrstunde.
  • Ab 23 Uhr müssen Lokale schließen: Wie kommt das in den Dörfern und Gemeinden rund um Gießen an?
  • Für viele Gastronomen ist die Maßnahme ein Einschnitt, ein Club schließt komplett

Lich/Linden/Reiskirchen/Gießen - Ein süßlicher Duft nach exotischen Früchten und Vanille liegt über den Tischen. Mergim Bytyqi nimmt auf einem Stuhl in der »Smokkin Lounge« Platz, einer Shisha-Bar am südlichen Rand Lichs. Er trägt Mund- und Nasenschutz. Für einen Augenblick ist dennoch zu erkennen, wie er hinter der Maske die Lippen zusammenpresst. Denn in einer Stunde wird er die Gäste bitten müssen, zu gehen. »Man kann es nicht ändern«, sagt er.

Die Shisha-Bar ist an Samstagen eigentlich bis 3 Uhr in der Nacht geöffnet. Doch heute steht auf einer Tafel vor der Eingangstür ein Hinweis: »Sperrstunde ab 23 Uhr«.

Corona im Kreis Gießen: Neue Maßnahmen des Landkreises in Teilen überzogen?

Gerade in Zeiten von Isolation und Home-Office seien Orte zum Ausgehen und Lokale, in denen man Freunde trifft, wichtig, sagt Bytyqi. »Die Pandemie schlägt doch auf die Psyche.« Die neuen Maßnahmen des Landkreises aufgrund der steigenden Fallzahlen könne er verstehen. Dass die Gaststätten im Gießener Land seit Samstag nun aber bereits um 23 Uhr schließen müssen, halte er nicht für sinnvoll.

In der Shisha-Bar steigt gerade eine Geburtstagsparty. Es ist kurz nach 22 Uhr. Die Gäste sitzen an den Tischen, halten sich an die Abstandsregeln. Laufen sie durch den Raum, ziehen sie eine Maske über. Zwei der Gäste stehen an einem Billardtisch. Sie fühlen sich durch die Sperrstunde bevormundet, sagen sie. »Ich kann doch auch um 22 Uhr eine Wodkaflasche leeren und zur Gefahr werden«, sagt der 28 Jahre alte Mario. Neben den bisherigen Hygieneregeln reiche doch der gesunde Menschenverstand aus. »Wenn mein Hals kratzt, bleibe ich eben zu Hause. Da brauche ich keine Sperrstunde.«

Kreis Gießen: Sperrstunde ist für viele Gastronomen schwerer Einschnitt

Für die Shisha-Bar in Lich ist die neue Regel ein schwerer Einschnitt. Die meisten Gaststätten im Kreis aber können mit der Sperrstunde leben, wie ein Besuch in mehreren Restaurants und Kneipen am Samstagabend verdeutlicht. Die Mehrheit der Wirte schließt ihre Gaststätte bereits früher - auch weil derzeit angesichts der Pandemie ohnehin die Gäste ausbleiben.

»Hätte ich noch Familienfeiern oder würden sich abends noch Vereine hier bei mir treffen, müsste ich vielleicht um 23 Uhr Leute rausschmeißen«, sagt Salih Incesu, Betreiber des Lindener Hofs in Großen-Linden. Mehr als ein halbes Jahr aber ist es inzwischen her, dass der Gesangverein Harmonie und ein Shanty-Chor hier regelmäßig geprobt haben. Der 70 Jahre alte Wirt setzt sich für einen Moment an einen der leeren Tische. Nebenan klirren Gläser, eine Gruppe von zehn Menschen stößt an. Sie sind die einzigen Gäste, nach ihnen schließt Incesu sein Lokal gegen 22 Uhr. Vor Corona-Zeiten habe er samstags häufig bis 1 Uhr in der Nacht geöffnet gehabt. »Da wird niemand mehr kommen. Das Licht würde umsonst brennen«, sagt er.

Sperrstunde im Kreis Gießen: Unsicherheiten in Tankstellen wegen Corona-Regeln

Die Corona-Regeln könne er nachvollziehen, sagt der Gastronom. Er habe aber seit März eine inzwischen fünfstellige Summe verloren. »80 Prozent meiner Gäste sind alte Leute«, sagt er. »Die haben Angst wegen Corona, die kommen nicht.« Incesu ist seit 53 Jahren Gastronom, den Lindener Hof führt er seit 29 Jahren. »Ich habe von Berlin bis Bad Reichenhall schon überall gearbeitet und viel erlebt«, sagt er. »Aber so etwas noch nicht.« Draußen diskutieren zwei Gäste bei einer Zigarette über die Sperrstunde. »Um 23 Uhr bin ich satt und fertig«, sagt einer von ihnen. »Ich kann damit leben.«

Die Tour im Kreisgebiet endet an einer Tankstelle. Neben der Sperrstunde hat der Landkreis auch verfügt, dass ab 23 Uhr keine alkoholischen Getränke mehr »zum Verzehr im öffentlichen Raum verkauft werden.« Die Regelung zielt vor allem auf Kioske und Imbissbuden ab. Doch sind auch Tankstellen betroffen?

Es ist kurz nach 23 Uhr, als Ivan Lautenschläger an der Licher Aral-Tankstelle drei Bierflaschen kaufen will. Ist das erlaubt? Der Verkäufer hinter dem Nachtschalter ist sich unsicher. Von der Allgemeinverfügung des Kreises, sagt er, habe er noch gar nichts gehört. Hektisch ruft er bei seinem Chef an, der geht aber nicht ran. Dann gibt er die drei Flaschen heraus.

Corona im Kreis Gießen: Diskothek „Fun“ schließt

Würde Lautenschläger das Bier draußen vor der Tankstelle trinken, hätte der Verkäufer gegen die Verfügung des Kreises verstoßen. Doch der Kunde steigt in ein Auto und braust davon.

Am Sonntag werden derweil die neuen Corona-Fallzahlen bekannt. Im Kreis Gießen ist die Inzidenz von 50 überschritten. Und so wird klar: In den kommenden Tagen dürfte niemand mehr über die Sperrstunde reden, sondern wohl über härtere und noch einschneidendere Maßnahmen.

Die Sperrstunde ab 23 Uhr trifft im Kreisgebiet insbesondere die Diskothek »Fun« in Reiskirchen. Seit Samstag ist der Club, der normalerweise erst um 23 Uhr öffnet, geschlossen.

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