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Regisseurin Grit Lemke bei der Filmvorführung im Kino "Traumstern". FOTO: JOU

Ein "gescheiterter Held"

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Lich(jou). Das lebhafte Publikumsgespräch bei der Matinee am Sonntag im Kino "Traumstern" zeigte, in welchem Maße Filmemacherin Grit Lemke mit ihrer recht subjektiven Dokumentation über den ostdeutschen Liedermacher Gerhard Gundermann (1955 bis 1998) Denkanstöße zu gesellschaftlichen Grundsatzfragen zu liefern vermag. Dabei stand die Finanzierung des spannenden Projekts "Gundermann Revier" erst auf der Kippe: Geldgeber hielten Lemke entgegen, in Westdeutschland würde den DDR-Rockmusiker kaum jemand kennen. Dies änderte sich mit einem Mal, als Andreas Dresens Filmbiografie 2018 in die Kinos kam und mehrfach ausgezeichnet wurde.

Wie Gundermann ist Lemke, zehn Jahre jünger, in Hoyerswerda aufgewachsen, folglich mit seinem sozialen Umfeld vertraut. Dies merkt man der Offenheit der Protagonisten in den Interviews auch an. Zu Wort kommen etwa Gundermanns Lebensgefährtin Conny, eine ehemalige Lehrerin sowie Musikerkollegen der Brigade Feuerstein. Viele Menschen konnten sich in der DDR mit Gundermann identifizieren, der als Baggerfahrer im Braunkohlebergbau Muße fand, über das Leben zu reflektieren und Lieder zu dichten.

Die Filmemacherin greift ausgiebig auf Archivmaterial, beispielsweise von Konzertauftritten, zurück und zeichnet ein differenziertes Bild des eigenwilligen Sängers und Gitarristen, der von Bandmitgliedern kompromisslose Einsatzbereitschaft erwartete und andere Meinungen kaum tolerieren konnte. Mit seinen Idealen habe er sich denn auch, wie Lemke im "Traumstern" anmerkte, "immer schnell an der Realität gerieben": Er flog aus der Offiziersschule und der Sozialistischen Einheitspartei. Aus Überzeugung sei er für die SED und den Staatssicherheitsdienst tätig gewesen, habe sich damit auch erhofft, das Bewusstsein für Missstände im Bergbau wecken zu können, was sich als illusorisch erweisen sollte.

Als zentralen thematischen Aspekt bezeichnete Lemke die "übersprungene Generation": Gundermann habe darauf hingearbeitet, politisch Einfluss zu nehmen - und just zu dem Moment, als Machthebel in Reichweite schienen, kam die Wende, stand er als "gescheiterter Held" da.

Der Liedermacher habe wohlgemerkt aus Fehlern wie seiner Stasi-Tätigkeit zu lernen versucht. Lemke räumte mit dem Vorurteil auf, jeder zweite DDR-Bürger sei Spitzel gewesen; in Wirklichkeit handele es sich nur um einen Bruchteil.

Wichtiger sei ihr, in dem Film auch heute noch aktuelle Themen wie Heimat, Arbeit und Umwelt zu beleuchten, die Gundermann viel bedeutet hätten. Gereizt habe sie dessen leicht autistischer Hang, Dinge anzusprechen, die keiner hören will, ohne sich um Konsequenzen zu kümmern. Durch Gundermann habe sie begriffen, dass der Reichtum in uns selbst liege: Wo auch immer wir lebten - auch fern einer Großstadt - könnten wir kulturell etwas auf die Beine stellen. So sei gleichsam aus dem Nichts das Revier Hoyerswerda erschaffen worden. Dieser "utopische Entwurf" spiegelt sich auch in Gundermanns Liedern und bildet die interessanteste Ebene der Dokumentation.

"Gundermann Revier" läuft noch bis Mittwoch, jeweils um 17 Uhr, im Kino Traumstern.

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