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Der Zugang zum Gewölbekeller. Diese Wand ist aus bislang ungeklärter Ursache zerstört.

Ehemalige Papiermühle

Geheimnisse im Bessinger Boden

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Die verschwundene Ober-Bessingener Papiermühle beflügelt die Phantasie. Von dem Gebäudekomplex ist nur ein teils zerstörter Keller übrig. Archäologen dokumentieren die Geschichte der Mühle und die Spuren des Bauwerks.

In einer Senke nahe Ober-Bessingen ist seit über hundert Jahren ein Loch im Boden. Dahinter öffnet sich ein gut 20 Quadratmeter großer Keller. An einigen Stellen ist er mannshoch, an anderen Stellen so sehr mit Schutt und Unrat verfüllt, dass nur noch wenig vom eigentlichen Raum zu sehen ist. Der Keller und die verschwundene Papiermühle, zu der er gehört, beflügeln seit Jahrzehnten die Phantasie: Kinder im Dorf erzählen sich, dort würde das gruselige Steinesweibchen hausen. Mancher Erwachsene glaubt, dass die Ahnen des Weltkonzerns Henkel aus der Mühle stammten.

Da dies aber alles nur Erzählungen sind, reizte es einige Ober-Bessinger seit vielen Jahren, die wahre Geschichte herauszufinden. Einer von ihnen ist Gerhard Schäfer. Eines Tages stand er am Gartenzaun bei Johanna Kranzbühler und Christoph Röder, die nach Ober-Bessingen gezogen waren. "Ihr seid doch Archäologen?" Als er den beiden von dem Keller erzählte, da wurden diese neugierig.

Fall für die Archäologie

Um es sich jedoch vor Ort anzuschauen, war einiger Aufwand notwendig. Zum einen musste die Untersuchung genehmigt werden. Zum anderen liegt das Areal der Papiermühle schon seit langer Zeit brach. Mit Motorsense und Heckenschere schlug eine Gruppe junger Ober-Bessinger den Weg zum Keller frei.

Bei einer ersten Untersuchung waren die beiden Archäologen erstaunt. "Nur zehn Prozent des Kellers fehlen", sagt Kranzbühler. Dabei handelt es sich um den Eingangsbereich, der als Loch im Boden aufklafft. Ob die fehlende Wand bei einer Explosion des dort für den Steinbruch gelagerten Sprengstoffs zerstört wurde - auch eine Geschichte, die im Dorf erzählt wird - lässt sich derzeit weder beweisen noch widerlegen. Fest steht, dass der Kellerhals mit Treppe hinab noch unter Schutt und Erde verborgen liegt. Das Kellergewölbe selbst ist in einem recht guten Zustand. "Mittelfristig besteht aber Handlungsbedarf", sagt Röder. Der Archäologe erklärt, dass nun mehrere Prozesse gleichzeitig ablaufen. Zum einen soll geklärt werden, wie der Keller als Bodendenkmal langfristig erhalten werden kann. Die fehlende Wand kann aus Naturstein nur ein Fachmann wieder aufbauen. "Das kostet Geld", sagt Röder. Unklar ist auch, ob er dann zugänglich gemacht oder als Fledermausquartier dienen soll.

Zudem braucht es ein Konzept, wie die Geschichte der Papiermühle vermittelt werden soll. Eine Visualisierung im Gelände? Din digitales Führungskonzept oder eine App? Da die Ruine der Papiermühle nur wenige Meter vom Lutherweg und R6-Radweg entfernt liegt, hoffen die Archäologen sowie René Schäfer, dass man für Touristen einen weiteren Zwischenstopp im Dorf einrichten kann. "Vielleicht gibt es irgendwann auch einen Ober-Bessinger Rundweg", schmunzelt Schäfer.

Weitere Ausgrabungen sind zunächst nicht geplant. Stattdessen denken Kranzbühler und Röder über grabungsfreie Untersuchungen nach. Etwa eine geomagnetische Messung, um herauszufinden, ob sich noch mehr Grundmauern und Spuren im Untergrund finden lassen. Denn wie viel von der Papiermühle übrig ist, das ist fraglich: Zwischen 1920 und den 1950er Jahren wurde das Gebiet als Abraumhalde des Steinbruchs genutzt. Zudem wurden damals gerne Steine aus Ruinen abtransportiert und in Neubauten wiederverwendet. Gleichzeitig wollen die Archäologen die Geschichte der Papiermühle wissenschaftlich untersuchen und dokumentieren. Diese Arbeiten dürften allerdings noch Jahre in Anspruch nehmen.

Keine Henkel-Ahnen in Ober-Bessingen

Fest steht allerdings bereits jetzt nach Recherchen der Gießener Allgemeinen Zeitung: Die Familie des Weltkonzerns Henkel haben keine Vorfahren aus Ober-Bessingen. Im Familienbuch lässt sich nachlesen, dass Friedrich Karl Henkel, Gründer des Weltkonzerns, geboren am 20. März 1848 und aufgewachsen in Vöhl am Edersee als Sohn eines Lehrers, Enkel von Wilhelmina Dornemann ist. Sie wurde am 6. April 1779 in der Papiermühle in Londorf geboren. Durch Ehen sind jedoch die Familien Dornemann und Illig verbunden - und ein Mitglied dieser Familie übernahm Mitte des 18. Jahrhunderts die Erbleihe der Papiermühle bei Ober-Bessingen: Johann Heinrich Illig. Er ist der Bruder von Juliana Illig, der Großmutter von Wilhelmina Dornemann. Eine direkte Verbindung nach Ober-Bessingen besteht also nicht.

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