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Einrichtung vom Trödel, frische Backwaren, Kaffee und belegte Sachen: Erik Wunsch hat mit seinem Start-up "Muschenheim Industries" einen ganz besonderen Dorfladen eröffnet.

"Muschenheim Industries"

Ein ganz besonderer Dorfladen in Muschenheim

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Möbel vom Trödel, Backwaren aus Lich und jede Menge kreative Ideen: Mitten in Muschenheim hat mit "Muschenheim Industries" ein ganz besonderer Dorfladen eröffnet.

Anderswo kauft man belegte Brötchen. Aber nicht bei "Muschenheim Industries": Da ordert man einen "Busfahrer", einen "Merzer" oder einen "Heiligen Stein". Auch sonst fällt der Laden, der Anfang August mitten in Muschenheim eröffnet hat, aus dem Rahmen. Links des Eingangs wartet einladend ein gemütliches Sessel-Sammelsurium, darüber funkeln in einem Wandregal bunte Flaschen mit coolen Drinks. Vor der Theke kann man an einem großen Holztisch Platz nehmen. An der hinteren Wand hängen Sportklamotten von "Style Supply", auf der Theke stehen große Glasballons mit Weingummis, Colafläschchen und anderem Süßkram. Und hinter der Theke steht Erik Wunsch.

Zu seinem Dorfladen ist Wunsch ein bisschen gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Als er am 1. Dezember 2018 das leere Ladenlokal am Alten Rathausplatz bezog, hatte er weder Brotladen noch Café im Sinn. Er suchte vielmehr nach einem neuen Standort für sein Start-up namens "Muschenheim Industries", das kultige Drinks wie den "Muschenheimer Kelch", "Eiskeule" oder "Hot Toddy" kreiert und vertreibt. Hinten, in der Küche, wollte er sie abfüllen, der Laden vorne sollte als "Showroom" genutzt werden. "Man muss ja eine Geschichte erzählen", sagt der 36-Jährige.

Zutaten aus Lich

Es kam ein bisschen anders. Die Betreiber des "Brotlädchens" um die Ecke gaben ihr Geschäft aus Altersgründen auf, der Muschenheimer Dorfverein hielt Ausschau nach einer anderen Lösung für den Stadtteil mit seinen rund 900 Einwohnern und fragte bei "Muschenheim Industries" nach. Ob sie nicht Brötchen und Brot anbieten könnten. Gesagt, getan. "Ich habe dann eine Kaffee- und Milchbar angemeldet und einen großen Kühlschrank gekauft", erzählt Wunsch. Seit Anfang August steht er täglich von 6.30 bis 11.30 Uhr hinter der Theke oder in der Küche. Nachmittags kümmert er sich um das Geschäft mit den Drinks. Sein Bruder Jonas, mit dem er "Muschenheim Industries" aufgebaut hat, kümmert sich schwerpunktmäßig ums zweite Standbein "Style Supply", die Produktion von Sporttrikots.

An Kreativität mangelt es Erik Wunsch nicht. "Man muss probieren, was läuft. Du hast zehn Ideen und eine funktioniert. Die musst du dann vorantreiben", sagt er.

Die Zutaten, die im neuen Dorfladen verarbeitet werden, kommen bevorzugt aus Lich.

Mit dem bloßen Verkauf von Wasser- und Roggenbrötchen, Einback oder Sauerteigbrot gibt er sich nicht zufrieden. Er serviert auch heißen Kaffee und kalte Getränke, schmiert Stullen, die bei ihm "Das Brot" heißen und belegt "Busfahrer", "Muschenheimer" oder "Kalli Seppel". Dass seine ausgefallenen belegten Brötchen auch ausgefallene Namen haben, erklärt er mit einem knappen Halbsatz. "Muss ja zu uns passen."

Die Zutaten kommen bevorzugt aus Lich. Die Wurst stammt von der Metzgerei Schneider, die Backwaren stammen vom Bäcker Röhm. "Bei uns sind sie natürlich ein bisschen teurer. Dafür muss man aber auch nicht in die Stadt fahren", sagt der gelernte Außenhandelskaufmann, der mit seinem Konzept ganz unterschiedliche Kundenkreise erreicht. Morgens vor der Schule schauen die Kids herein, manchmal machen sie noch schnell ihre Hausaufgaben. Handwerker legen bei "Muschenheim Industries" einen Stopp fürs zweite Frühstück ein, Seniorinnen reichen Stoffbeutel über die Theke und sagen "Wie immer". "Heute waren ganz früh auch zwei Jäger da, die kamen direkt aus dem Wald", erzählt Wunsch.

Tauschbörse, Weinproben, Bierathlon

Was gerade erst anläuft, ist sein Lieferservice für Firmen aus der Region. Ein größeres Unternehmen hat schon angebissen: Die Mitarbeiter der Firma Merz aus Lich können jeweils freitags kollektiv belegte Brötchen made in Muschenheim ordern. Nicht umsonst heißt eine der Kreationen "Der Merzer".

Erik Wunsch lebt seit 20 Jahren in Muschenheim. "Ich glaube, dass das hier ein Ort mit Zukunft ist", sagt er. Und er will dazu beitragen, dass das Dorf lebendig bleibt. Vor der ersten Runde der Bürgermeisterwahl hat er zu Diskussionsabenden mit den Kandidaten eingeladen, er gehört zu den Organisatoren des Dorfflohmarkts am kommenden Wochenende. Im Laden selbst befindet sich eine regionale Wand im Aufbau. Hier gibt’s zur Zeit Kürbisse vom Matheshof in Treis und mit Blick auf den bevorstehenden Winter warme Muschenheimer Kolter. Auch eine Tauschbörse für überzähliges Obst- und Gemüse kann er sich vorstellen. Oder Weinproben. Oder einen Bierathlon.

Manche Kunden aber sind mit dem Laden, so wie er ist, schon glücklich. Zum Beispiel Elfriede Bender, die "ein Roggenmisch, eine Käsestange und ein Dinkel-Honig" verlangt und sich nebenbei noch nach der jüngsten Hochzeit im Ort erkundigt. So ein Geschäft im Dorf sei doch wichtig, sagt die Seniorin. "Vorher musste ich mir mein Brot von meiner Tochter mitbringen lassen."

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