Kinokritik

"In den Gängen" – Eine Liebesromanze im Großmarkt

  • vonSascha Jouini
    schließen

Eine fragile Liebesgeschichte, die auf einem Großmarkt spielt – diese bringt Regisseur Thomas Stuber auf die Leinwand. Unser Kinokritiker Sascha Jouini hat den Film gesehen.

Über weite Strecken spielt dieser Film in einem sächsischen Großmarkt. Wer angesichts der sterilen Neonröhren-Atmosphäre öde Monotonie befürchtet, wird indes positiv überrascht. Die Kameraführung wirkt sehr ausgefeilt, fängt das Geschehen mal von Nahem, dann aus nüchterner Distanz ein. Auch die raffinierte Klang- und Geräuschkulisse beeindruckt. Da entlarvt Regisseur Thomas Stuber etwa durch ausgedehnte Berieselungsmusik die inhaltsleere Konsumwelt. Manchmal können Klänge ihr eigentliches Ziel wohlgemerkt auch verfehlen: In der Nachtschicht präsentiert der Chef den Arbeitern sanfte Barockmelodien, die eher entspannen als zu motivieren.

Neu im Markt tätig ist Christian (Franz Rogowski). In der Getränkeabteilung wird der Anfangdreißiger angelernt durch den erfahrenen Kollegen Bruno (Peter Kurth). Der bringt ihm das Gabelstaplerfahren bei, korrigiert geduldig Fehler. Ebenso sensibel reagiert er, als sich Christian in Marion (Sandra Hüller) von der Süßwarenabteilung verliebt. Hier zeigt sich besonders prägnant die durchdachte Inszenierung: Als Christian Marion erstmals sieht, unterstreichen Meeresgeräusche seine Sehnsucht. Diese träumerische Ebene greift Stuber im weiteren Verlauf immer wieder leitmotivisch auf. So erinnert ein Südseeposter im Pausenraum an die Urlaubsstimmung. Christian wünscht sich nichts mehr als Abwechslung vom Alltagstrott, hat er doch kein richtiges Privatleben. Er wohnt in einem anonymen Hochhaus und muss sich von seinen einstigen Kumpels, mit denen er auf die schiefe Bahn geraten war, lossagen, um noch die Kurve zu kriegen. Franz Rogowski verkörpert virtuos den scheuen Protagonisten, lässt den Zuschauer intensiv spüren, wie viel Überwindung es den Außenseiter kostet, den Mund aufzumachen. Gleichermaßen überzeugend spielt Sandra Hüller die offene Kollegin. Deren humorvoll-freche Art täuscht über Beziehungsprobleme hinweg. Auch die anderen Lagerarbeiter plagen private Sorgen.

Kleine Späße der Arbeitswelt

Stuber beleuchtet einfühlsam das soziale Gefüge im Großmarkt. Es ergeben sich Konflikte um vermeintliche Nichtigkeiten; Ablenkung finden die Kollegen in kleinen Späßen. Zu amüsieren vermag, wie die an sich disziplinierte Belegschaft gelegentlich gegen Vorschriften verstößt, beispielsweise abgelaufene Lebensmittel isst oder heimlich raucht. Vorwiegend geht es in dem Film jedoch ernst zu. In der Berufsfachschule wird Christian mit Demonstrationsvideos konfrontiert, die ganz auf Schockwirkung setzen. Die Realität erweist sich bisweilen als noch tragischer: Wer keine Freude am Leben hat, kann die Strapazen auf Dauer nicht durchstehen. Christian schämt sich für seine Vergangenheit und lügt Marion etwas vor, setzt alles dran, ihr zu gefallen. Wird er seine Chance nutzen, sich in die Gesellschaft wieder einzugliedern?

Basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Clemens Meyer, ist "In den Gängen" ein rundum sehenswerter, originell inszenierter Film – die fragile Liebesgeschichte fesselt bis zum Schluss. S. Jouini

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare