Das Wichtigste im Umgang mit der Pandemie sei Vertrauensbildung, sagen Hermann Otto Solms (l.) und Thilo Schwandner (r.).
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Das Wichtigste im Umgang mit der Pandemie sei Vertrauensbildung, sagen Hermann Otto Solms (l.) und Thilo Schwandner (r.).

Gespräch mit Thilo Schwandner von Asklepios-Klinik

FDP-Politiker Solms: Vernünftige Strategie beim Impfen "nicht erkennbar"

  • vonStefan Schaal
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Die Corona-Krise und der Umgang mit der Pandemie hinterlassen Fragen und Kritik - auch beim Licher FDP-Politiker Hermann Otto Solms und dem Ärztlichen Direktor der Asklepios-Klinik, Thilo Schwandner. Vor allem bei den Corona-Schutzimpfungen sehen sie noch Verbesserungsbedarf.

Falten bilden sich in Hermann Otto Solms’ Maske. Auch wenn der Mund- und Naseschutz sein Gesicht weitgehend verdeckt, zeichnet sich dahinter ein Schmunzeln ab. Seinen 80. Geburtstag vor wenigen Wochen, erzählt der Licher, habe er bewusst und mit Weisheit gewählt. "Damit gehöre ich zur Risikogruppe, die als erstes geimpft wird", sagt er. "Ich bin bereit."

Solms sitzt in einem Besprechungszimmer der Asklepios-Klinik. Eiskalte frische Luft und Motorengeräusche dringen durch das geöffnete Fenster. Dem FDP-Politiker sitzt Dr. Thilo Schwandner gegenüber, der Ärztliche Direktor der Klinik in Lich. Es ist ein Besuch unter Nachbarn.

Zwischen Solms und Schwandner entspinnt sich ein Gespräch über Corona-Regeln und die Situation in Krankenhäusern und Pflegeheimen - zu einem Zeitpunkt, als eine Maßnahme bevorsteht, die allmählich die Rückkehr zur Normalität und ein Ende der Ausnahmesituation verspricht: Am 19. Januar nimmt das Impfzentrum des Landkreises in Heuchelheim die Arbeit auf.

Die Corona-Schutzimpfungen beginnen nun freilich in einer kritischen Situation, in der das Virus im Gießener Land stark wütet. "Wir spüren in den Krankenhäusern eine Überlastung", sagt Schwandner. "Wir haben noch Ressourcen. Aber auch hier im Landkreis werden langsam die Betten knapp." Das Pflegepersonal sei "am Ende der Kräfte", fügt der Chefarzt hinzu. "Covid-Patienten zu versorgen ist sehr anstrengend."

Schwandner blickt hoffnungsvoll auf die bereits laufenden Schutzimpfungen. "Ich sehe darin den entscheidenden Faktor, 2021 dieses Virus zu bekämpfen", sagt er.

Solms übt unterdessen Kritik an den politischen Entscheidungsträgern. "Eine vernünftige Strategie ist nicht erkennbar", sagt der FDP-Politiker. Es werde immer nur auf Sicht gefahren. "Die Regierungen auf Bundes- und Landesebene schwimmen ständig hinter der Welle. Dabei müssten sie vor der Welle schwimmen."

Eine Diskussion entwickelt sich zwischen Schwandner und Solms nicht. "Ja, ich hätte den Lockdown schon etwas früher erlassen", erklärt der Ärztliche Direktor. "Und ich hätte mir gerade für das Impfen mehr Strategie und Planung gewünscht." Doch mit politischen Forderungen oder Kritik halte er sich zurück. "Ich bin Arzt."

Gleichzeitig macht Schwandner indes deutlich, dass er eine Aufklärungskampagne und mehr Informationen zum Impfen vermisst. "Es geht um viel mehr als nur um die Verabreichung des Impfstoffs", erklärt der Chefarzt. In der Bevölkerung gebe es viele Fragen und Skepsis. So müsse beispielsweise anschaulich erklärt werden, wie der Impfstoff funktioniert. "Was passiert dann im Körper? Und welche Nebenwirkungen könnte eine Impfung haben?"

Solms ergänzt: "Wie werden eigentlich alte Menschen geimpft, die nicht transportfähig sind?" Allen Bedenken und Fragen müsse man begegnen, betont Schwandner. "Da braucht es viel Vorbereitung. Wir müssen die Menschen überzeugen."

Fragen und Sorgen bereitet Solms unterdessen die aktuelle Situation in Seniorenzentren. "Dort herrscht ein viel höheres Sterberisiko", sagt Solms. Bei Menschen, die älter als 80 sind, liege die Sterberate infolge einer Corona-Infektion über 16 Prozent, bestätigt Schwandner. "In Pflegeheimen hätte man im Sommer strenge vorbeugende Maßnahmen treffen müssen", erklärt der FDP-Politiker. "Darauf hätte man den Schwerpunkt legen müssen. Das ist der wesentlichste Fehler überhaupt."

Und plötzlich kommt es doch zu einem Hauch von Diskussion. In mancher Hinsicht sei man gegen das Virus "machtlos", erklärt Schwandner. Vor allem, wenn der Ursprung der Infektion nicht gleich festzustellen sei. "Im Altenheim ist das extrem schwierig", Bei einem Mitarbeiter oder einem Besucher ohne Symptomen könne der Schnelltest eben ein negatives Ergebnis haben. "Der Mitarbeiter geht dann ins Seniorenzentrum, pflegt, tut seine Arbeit, viele Bewohner sind geschwächt oder vorerkrankt, dann gibt es gemeinsame Essen. Da kann sich das Virus mit seiner hohen Ansteckungsrate extrem schnell ausbreiten."

Es hätte einheitliche und strengere Regeln für die Pflegeheime geben müssen, sagt Solms, beispielsweise auch verpflichtende Tests bereits im Sommer. Derartige Einschätzungen oder Forderungen seien rein retrospektiv, entgegnet Schwandner. "Aber es war vorherzusehen", erklärt Solms. "Es war leichtfertig."

Man habe dazugelernt, sagt Schwandner. "Auch in den Krankenhäusern." Dass zum Beispiel der Cortisonwirkstoff Dexamethason bei Erkrankungen helfe. Oder dass infizierte Patienten nicht mehr durch das ganze Haus, sondern direkt auf die Corona-Station gebracht werden. "Die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt funktioniert hervorragend."

Das Wichtigste im Umgang mit der Pandemie und nun mit der Schutzimpfung sei Vertrauensbildung, betont der Chefarzt. Der Zick-Zack-Kurs vor allem in den ersten Monaten der Krise sei "normal. Das Virus hat uns vor die schwierigste Aufgabe der Nachkriegsgeschichte gestellt. Trotzdem habe ich mich in Deutschland in dieser Zeit immer noch am besten gefühlt." Am Ende des Gesprächs kommt es doch noch einmal zu einem Widerspruch. "Nein", sagt Solms. "In Taiwan wäre ich lieber gewesen." FOTO: SRS

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