Die Musiker von "Radio Europa" zeigen sich auf ihrer Reise durch Europa melancholisch, aber auch fröhlich und verspielt.
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Die Musiker von "Radio Europa" zeigen sich auf ihrer Reise durch Europa melancholisch, aber auch fröhlich und verspielt.

Die erste europäische Boyband

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Lich(usw). Am Donnerstagabend war "Radio Europa" im Rahmen der Sommermusikwelten im Kino Traumstern zu Gast. Das Quintett bot eine Reise durch den Kontinent und seine Lieder. Das durch die coronabedingten Maßnahmen reduzierte Publikum erwartete sympathisch Vertrautes. Das routinierte Ensemble packte die Zuhörer denn auch mühelos und servierte das gewünschte Genre, hilfsweise Weltmusik genannt. Die Sache ging jedenfalls sehr gut aus.

Im Prinzip machte schon die Besetzung klar, dass es sich um Folklore handeln würde. Wolfgang Lell (Akkordeon), Alex Bayer (Bass), Jörg Wiedmoser (Violine), Roland Duckarm (Perkussion) und Andreas Wiersich (Gitarre) wurden diesen Erwartungen auch voll gerecht. Und die Ankündigung, "fünf ganz persönliche Europageschichten aus Deutschland, Österreich, Ungarn, Russland und Schweden" zu erzählen, lösten sie dann auch durchaus ein, als "die erste europäische Boyband".

Los gings mit einem osteuropäisch klingenden Tanzstück, das mit gewohnter Flinkheit ablief, musikalisch aber blass blieb. Zum zweiten Titel (vorläufig wurde noch nichts angekündigt) fand man einen sehr jazzigen Einstieg, die Geige erwachte: weiter schnell, aber deutlich substanzieller kam das. Die Gitarre mühte sich noch, aber "Radio Europa" streuten sehr früh Soli der einzelnen Mitglieder ein, eine Praxis, die dem langjährigen Beobachter rätselhaft bleibt, denn die machten wenig her, eine alte Jazzunsitte, der sich kaum ein Musiker gewachsen zeigt. Später, als alle auf Betriebstemperatur waren, wurde das ganz anders. So kam ein enttäuschender Eindruck von Tempo ohne Tiefenglanz auf. Das änderte sich jedoch umgehend. Eine melancholische Weise folgte, mit einem originellen Wechsel zu einem temperamentvollen Tango, mit prima Dynamikgestaltung sehr versiert realisiert ("aus dem Norden") machte wieder Hoffnung auf Freude.

Knackige Funkelemente

Allmählich wurde der Ton im "Radio Europa" klarer. Schlagzeuger Duckarm wechselte in "Mandolina" zu zwei Blumentöpfen, die er erst mit Stöcken, dann nur mit den Händen bediente, das Volumen sank sanft ab, es blieb aber spritzig und sehr variabel, mit leiser Präzision, insgesamt fröhlich und tanzbar. Das Publikum begann, sich zu bewegen.

Das erste Glanzlicht des Abends war der Titel über Beethoven. "Wir zeigen Ihnen mal, was man draus machen kann," sagte Duckarm in seiner Moderation. Anhand des Themas aus "Freude schöner Götterfunken", mit einem gefühlvollen Geigenintro, begann dann eine Reise durch die Klassik und den Jazz. Die einzelnen Stimmen übernahmen abwechselnd das Thema und variierten, es entstand ein großer, ästhetischer Klang.

Witzig wurde ein Abstecher nach Irland, den Widmoser auf der Violine höchst glaubhaft realisiert. Da muss man erst mal drauf kommen. Die Gitarre jazzte und lieferte knackige Funkelemente, die Geige sprach auch noch andere Dialekte: "Radio Europa" waren in ihrem Element und entfachten ein echtes Jazzgeschehen rundum, die Violine glänzte mit schöner Eigenständigkeit, und alles endete in einem ansprechenden, witzigen Folkfinale - exzellent.

Gleichermaßen gelungen ging es weiter, man reiste nach Spanien und Frankreich, Duckarm erzählte eine schöne Geschichte, und dann kam Wolfgang Lell zur Entfaltung. Der lieferte erst eine brillante Musette-Phase und glitt dann in spanische Flamencoanklänge hinüber, mühelos, fließend, stilistisch erstklassig. Dann ein souverän umgesetzter Sirtaki-Klassiker mit attraktiver Geige- und Gitarrenkooperation, es rollte.

Aus dem anfangs leicht uniformen europäischen Ethnogemisch blitzte dann noch ein Glanzlicht auf, "The Irish Fiddler", ein irisches Konzert, das Jörg Wiedmoser souverän mit Looper auf der Geige gestaltete. Sehr stimmungsvoll, teils sehr erzählerisch, überhaupt höchst abwechslungsreich und handwerklich eindrucksvoll; eine exzellente Leistung.

Der abschließende Abstecher zu und mit Vivaldis "La Stravaganza" klang im "Radio Europa" dann fröhlich und verspielt, war flüssig gejazzt, brachte schöne, expressive Geigenparts - das war einfach rund und gut.

Die Besucher im Licher Traumstern waren hörbar einverstanden mit diesem Konzert und applaudierten heftig, was zwei Zugaben zur Folge hatte. FOTO: USW

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