1. Gießener Allgemeine
  2. Kreis Gießen
  3. Lich

Hausgemachtes Eis vom Bauernhof: Besonderheit im Kreis Gießen seit über 20 Jahren

Erstellt:

Von: Christina Jung

Kommentare

Wurst, Gemüse, Eier oder Nudeln gibt es im Gießener Land auf etlichen Bauernhöfen zu kaufen. Hausgemachtes Eis hingegen nicht. In Lich-Eberstadt ist das anders.

Lich - Gut zwei Dutzend Kunststoffschälchen reihen sich auf einem Tisch aneinander. Im Fünf-Sekunden-Takt kommt ein weiteres dazu. Arnhild Görlach steht vor dem Portionierer und füllt Joghurt-Kirsch-Eis in die kleinen Behälter. Mitarbeiterin Katharina Schulz geht ihr zur Hand. Heute ist Produktionstag auf dem Bauernhof in Eberstadt.

Eigentlich sind im Januar Betriebsferien. Aber der eiskalte Genuss aus dem Stadtteil von Lich ist auch im Winter gefragt, und für das Frühjahr muss vorproduziert werden. »Ab Mai schaffen wir das nicht mehr«, sagt Arnhild Görlachs Ehemann Sven. Denn dann ist auch wieder mehr auf dem Aussiedlerhof zu tun, den die Familie in dritter Generation führt und dort nicht nur 120 Milchkühe hält, sondern auch Ackerbau betreibt.

In die Eisproduktion sind die Görlachs 2001 eingestiegen. Die Idee kam ihnen, als die BSE-Krise gerade die Landwirtschaft überschattete. »Wir wollten damals eine zusätzliche Einnahmequelle generieren, aber niemandem Konkurrenz machen«, erzählt Sven Görlach. Wurst, Kartoffeln, Zwiebeln, Nudeln oder Eier verkauften allerdings schon andere.

Hausgemachtes Eis aus Lich-Eberstadt (Kreis Gießen): Ehemaliger Schweinestall wurde zur Produktionsstätte

Über eine Annonce in einer Fachzeitschrift wurden der Landwirt und seine Frau - selbst große Liebhaber der eiskalten Desserts - auf Bauernhof-Eis aufmerksam, kontaktierten die zuständige Firma in Holland, schauten sich vor Ort eine Vorführung an und waren so begeistert, dass sie Nägel mit Köpfen machten. Ein ehemaliger Schweinestall wurde zur Produktionsstätte umgebaut, und im November 2001 lief das erste Speiseeis aus der niederländischen Spezialmaschine.

ti_eis4_190123_4c
Landwirtin Arnhild Görlach (vorne) und ihre Mitarbeiterin Katharina Schulz bei der Eisproduktion auf dem Bauernhof in Eberstadt. © Tina Jung

Mittlerweile stellt Arnhild Görlach bis zu 25 verschiedene Sorten her, unterstützt wird sie dabei von mehreren Aushilfen. Denn beim Abfüllen, insbesondere in die kleinen, 180 Milliliter fassenden Kunststoffschälchen, sind Präzision und Geschwindigkeit gefragt. Das Eis muss nach dem Abfüllen möglichst schnell ins Kühlhaus, damit die Qualität stimmt«, erklärt die Chefin.

Verwendet wird für die cremigen Erfrischungen aus Eberstadt selbstverständlich die Milch der eigenen Kühe, die fettiger als bereits pasteurisierte und damit geschmacksintensiver ist, erklärt Sven Görlach das Geheimnis der Eiskreationen vom Bauernhof.

Darüber hinaus kommen Sahne - die wird mittlerweile zugekauft, weil die Eigenproduktion zu aufwendig ist -, eine Zuckermischung sowie je nach Sorte pürierte Früchte aus der Region oder Pasten in das Eis.

»Wir verwenden ausschließlich natürliche Zutaten«, sagt Sven Görlach. Lediglich das Fruchteis wird mit Wasser zubereitet.

Hausgemachtes Eis aus Lich-Eberstadt (Kreis Gießen): „Ich schaue prinzipiell nicht, was andere machen“

Immer mal wieder probiert Arnhild Görlach neue Sorten aus, wobei sie sich dabei weniger an dem orientiert, was gerade angesagt ist, sondern was sich Familie, Mitarbeiter oder Freunde wünschen würden. »Ich schaue prinzipiell nicht, was andere machen, sondern frage in meinem Umfeld: Worauf hättet ihr mal Bock?«, so die Diplom-Agraringenieurin. Wenn sie einen Vorschlag gut findet, beginnt sie mit der Kreation. Das heißt, sie nimmt eines der fünf vorhandenen Grundrezepte und wandelt es ab. »Ich schaue, in welches Segment die Sorte reinpassen würde, was ich zugeben und verändern muss, damit das Eis am Ende rund auf der Zunge ist und die Konsistenz passt«, so die zweifache Mutter.

Bis das perfekte Rezept steht, kann es allerdings dauern. Arnhild Görlach erinnert sich an die Sorte Buttermilch-Kirsche-Banane. Was daran so schwierig war? Mehr Zutaten als gewöhnlich, die zum Teil auch noch einen besonderen Umgang bei der Eis-Herstellung erfordern. Und dann wünschte sich Sven Görlach auch noch Schokolade darin. »Diese Sorte hat uns viele Nerven gekostet«, so die 49-Jährige. Während es diese Geschmacksrichtung nur im Sommer zu kaufen gibt, sind andere nur in den Wintermonaten erhältlich - Spekulatius etwa, Zimt oder Marzipan. Denn wer glaubt, Eis sei nur etwas für heiße Tage, der irrt. »Der Dezember ist bei uns ein ebenso starker Monat wie der Juli«, so Sven Görlach.

»Ich gehe kurz Milch holen«, sagt Katharina Schulz und verlässt den Produktionsraum in Richtung Kuhstall, einen großen Metalleimer in der Hand. Die 32-Jährige ist an diesem Morgen für die richtige Mischung der zu produzierenden Sorten zuständig, wiegt die Zutaten ab und gibt am Ende alles in die Eismaschine, aus der sie dann nach einer halben Stunde als verzehrfertiges Dessert wieder herauskommen, in den Portionierer umgefüllt und von Arnhild Görlach auf die vorgesehenen Behälter verteilt werden. Gerade ist Haselnuss an der Reihe.

Hausgemachtes Eis aus Lich-Eberstadt (Kreis Gießen): Klassiker-Sorten machen die meisten Umsatz

Produziert wird immer morgens zwischen 8 und 11 Uhr, weil es am besten in den Alltag auf dem Bauernhof passt. Momentan einmal pro Woche, im Sommer drei bis fünf Mal. Je nach Bedarf. Für Arnhild Görlach bedeutet das früh aufstehen, denn bevor es losgehen kann, müssen alle Maschinen, Werkzeuge und Behälter desinfiziert sein.

Als die Görlachs vor über 20 Jahren mit dem Eismachen anfingen, hätten sie nicht gedacht, dass es so gut laufen würde. 80 Liter waren pro Woche angepeilt, also gut 4000 Liter im Jahr. Mittlerweile produziert man ein Vielfaches. Die gesamte Menge Milch von zwei Kühen wird für das Eis verwendet.

Den meisten Umsatz macht die Familie mit Klassikern wie Vanille, Stracciatella, Schokolade, Erdbeere oder Nuss. Erhältlich ist das Eis in verschiedenen Packungseinheiten. 180, 500, 1000, 2500 und 5000 Milliliter - je nach Kundenwunsch. Die Kunden, das sind vor allem andere Bauern. Knapp 40 Abnehmer zählen die Görlachs, dazu gehören der örtliche Landhandel, Hofläden, Cafés, Märkte. Außerdem verleihen sie Eisboxen für Events.

Mittlerweile ist es nach 11 Uhr, mit der Geschmacksrichtung Schokolade läuft die letzte Sorte aus der Maschine - die vierte an diesem Tag. Wenn die 60 Liter Eiscreme abgefüllt sind und im Kühlhaus stehen, muss noch geputzt werden. Aber vermutlich schon kommende Woche wird Nachschub produziert. (Christina Jung)

Auch interessant

Kommentare