Im Lockdown hat Andrea Wiedemann-Schumacher (r.) Fotos ihrer Ware auf Facebook geteilt und konnte dadurch erfolgreich per "Click und Collect" Schuhe verkaufen. Aktuell sind die Umsätze bei ihr sogar höher als sonst um diese Zeit.
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Im Lockdown hat Andrea Wiedemann-Schumacher (r.) Fotos ihrer Ware auf Facebook geteilt und konnte dadurch erfolgreich per »Click und Collect« Schuhe verkaufen. Aktuell sind die Umsätze bei ihr sogar höher als sonst um diese Zeit.

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Trotz Umsätzen auf Vorkrisen-Niveau: Weiterhin Unsicherheit im Einzelhandel im Kreis Gießen

  • Lena Karber
    VonLena Karber
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Der Einzelhandel hat im Juni erstmals wieder einen Umsatz auf Vor-Krisen- Niveau erreicht. Doch die Pandemie hat Spuren hinterlassen - das zeigt ein Besuch in der Licher Innenstadt. Der Geschäftsführer des Handelsverbandes Hessen sieht nun Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung in der Pflicht.

In dem Damemodengeschäft »nara« in Lich ist die Stimmung gut. »Außer, dass wir die hier tragen, ist für uns alles normal«, sagt Karin Schmidt und deutet auf ihre Maske. Über das Thema Corona wollen sie und ihre Kollegin Galina Birich am liebsten gar nicht reden. »Die Kundinnen haben Lust auf Shoppen«, sagen die beiden. Endlich wieder stöbern, anfassen, fühlen. Eine Frau, die sich gerade im Laden umschaut, bestätigt das: »Ich habe es so vermisst, die Sachen anzufassen.«

Im Einzelhandel scheint aktuell kollektives Aufatmen angesagt. So verzeichnete gerade der vom Lockdown sehr stark gebeutelte Handel mit Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren im Juni ein deutliches Umsatzplus von 70,5 Prozent gegenüber dem Vormonat - und lag damit erstmals wieder über dem Vor-Krisen-Niveau vom Februar 2020. Das macht sich auch in Lich bemerkbar, etwa im Schuhgeschäft »Perpedes«, wo die Umsätze aktuell höher sind als sonst zu dieser Zeit. Doch die vergangen Monate haben auch Spuren hinterlassen - in vielerlei Hinsicht.

Umsätze auf Vorkisen-Niveau: Dennoch Unsicherheit im Licher Einzelhandel

Ein Punkt ist die Unsicherheit, die bisweilen zu spüren ist. »Ich bin unsicherer als vergangenes Jahr«, sagt etwa Perpedes-Inhaberin Andrea Wiedemann-Schumacher. Damals sei ein so langer Lockdown für sie »unvorstellbar« gewesen. Das ist er jetzt nicht mehr, auch wenn sie nicht glaubt, dass die Bundesregierung im Herbst erneut zu dieser Maßnahme greifen wird.

Ähnlich ist es bei Sabine Metz-Palenga, die für das kommende Frühjahr mit Zurückhaltung geordert hat. Zuletzt seien einige Kollektionen wegen Lieferengpässen zwar gar nicht oder nur teilweise geliefert worden, erzählt die Inhaberin von »Mode-Team Metz«. Doch darüber sei sie gar ganz froh gewesen, ist doch durch den Lockdown einiges hängengeblieben. »Jeder hatte Angst, zu viel zu haben«, sagt sie.

Zudem stellt sich die Frage, wie sich die Nachfrage entwickelt, wenn der erste Nachholeffekt verpufft ist. Denn ein Selbstläufer wird das Wiederaufleben der Innenstädte nach der Pandemie wohl kaum. So hat der Internet- und Versandhandel im Juni zwar ein Umsatzminus von 7,5 Prozent im Vergleich zum Vormonat verzeichnet - liegt aber mit 38,4 Prozent weiterhin deutlich über dem Niveau vom Februar 2020. Silvio Zeizinger, Geschäftsführer des hessischen Handelverbandes, sieht den Einzelhandel daher vor einer Herausforderung. »Wir werden die Frequenz in unsere Innenstädten nicht zurückkriegen«, fürchtet er.

Einzelhandel im Kreis Gießen: Lockdown hat in der Licher Innenstadt Spuren hinterlassen

Ein Grund dafür ist auch, dass nicht alle Geschäfte die Pandemie überstanden haben. Bereits Ende Juni hat in Lich das Geschäft »Mode am Rathaus« seine Türen geschlossen, nun hängen nur wenige Meter weiter »Räumungsverkauf«-Schilder im Schaufenster. »Auch wenn die Inhaberin schon 71 ist, hätten wir gerne noch ein paar Jahre gemacht, aber Corona hat uns das Genick gebrochen«, sagt Christa Horn, die seit zwölf Jahren im »Fashion Studio Lich« arbeitet - und nun nicht genau weiß, wie es für sie weitergeht. Für einen 450-Euro-Job nach Gießen zu fahren, das lohne sich für sie nicht, sagt die Rentnerin. »Aber ich mache mir keine Illusionen, dass ich hier in Lich in meinem Alter noch etwas finde.« Hinzu komme, dass sie wahnsinnig gerne dort gearbeitet habe. »Es war fast wie mein eigener Laden.«

Dass in Lich zwei Läden schließen, deren Inhaberinnen schon etwas älter sind, deckt sich mit den Erfahrungen des Handelsverbandes. Die coronabedingten Gewerbeabmeldungen bewegen sich Zeizinger zufolge hessenweit im niedrigen einstelligen Prozentbereich - und betreffen in etwa zwei von drei Fällen »Klein- beziehungsweise Kleinstunternehmen, die in der Regel schon lange am Markt waren«. Häufig sei dabei von einer »Konzeptüberalterung« auszugehen, sagt Zeizinger, der von einer deutlichen Beschleunigung des Marktbereinigungsprozesses durch die Pandemie ausgeht. Sprich: Geschäfte, die vermutlich in nicht allzu langer Zeit geschlossen hätten, haben das nun in einigen Fällen früher gemacht. »Das ist insofern dramatisch, da diese Geschäfte die Vielfalt in den Stadtquartieren ausgemacht haben, und es auch nicht einfach werden wird, dadurch resultierende Leerstände mit neuen Konzepten zu füllen«, sagt Zeizinger, der nun Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung beim Managen der Leerstände in der Pflicht sieht.

Kreis Gießen: Gastronomie und Kultur wichtige Faktoren für den Licher Einzelhandel

»Die Innenstädte müssen attraktiver werden, damit das Einkaufen attraktiver wird«, sagt auch Wiedemann-Schumacher. Optisch ansprechende Bepflanzung, Angebote für Kinder oder das gastronomische Angebot spielen dabei ihrer Meinung nach eine wichtige Rolle. »Wenn die Eisdiele gegenüber zu ist, ist es deutlich ruhiger hier«, sagt die Perpedes-Inhaberin. Deshalb sei es gut, wenn die Stadt Bewirtungsmöglichkeiten unkompliziert ermögliche. »Shoppen ist für junge Leute eher Stress«, sagt sie. Um zu verhindern, dass diese trotz Öko-Bilanz online bestellen, müsse sich »der Gang ins Städtchen« wieder lohnen.

Am vergangenen Wochenende fand in Lich das Fest zum fünfjährigen Bestehen des Bürgerparks statt, das laut Wiedermann-Schumacher Leben in die Innenstadt gebracht hat. »Wo andere noch schlafen, hat Lich Dank vieler engagierter Leute ein richtiges Kulturleben«, sagt sie - und auch das sei ein Faktor, der letztlich dem Einzelhandel zugute kommen könne.

Lieferketten werden im Herbst noch „ein sehr spannendes Thema“

Am Mittwoch haben der Geschäftsführer des Handelsverbandes Hessen, Silvio Zeizinger, sowie Joachim Loos, der Geschäftsführer von BabyOne in Linden, mit dem FDP-Bundestagskandidaten Dennis Pucher über die Situation des Einzelhandels gesprochen. Dabei berichtete Loos, dass es zum Teil erhebliche Lieferschwierigkeiten gibt, so gebe es Marken, die bereits seit einem Jahr keine Schnuller mehr liefern könnten. Zeizinger sagte, dass die Lieferketten im Herbst noch »ein sehr spannendes Thema« werden. Einigkeit herrschte darüber, dass die Pandemie gezeigt habe, dass dringend Produktionskapazitäten in Europa aufgebaut werden müssen. Zudem ging es um die Frage, wie man den stationären Einzelhandel stärken kann. Eine Besteuerung von Paketen hielten die Anwesenden für wenig sinnvoll, stattdessen sprach sich Pucher für eine Plattformbesteuerung aus, um mehr Steuergerechtigkeit herzustellen. In Bezug auf die Innenstädte nannten Zeizinger und Pucher die digitale Buchung und Bezahlung von Parkplätzen, ÖPNV-Verbindungen und einen Ausbau des gastronomischen Angebots als wichtige Faktoren. Zur Fachkräftegewinnung sprach sich Zeizinger zudem abermals für die Schaffung einer E-Commerce-Schule im Bereich des Regierungspräsidiums Gießen aus. lkl

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