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Viele Kunden besuchen das Geschäft von Karin Schmidt (l.), wenn sie für eine Familienfeier oder den Urlaub die passende Kleidung suchen. "Das fällt weg."

Umsätze auf 20 Prozent gesunken

Einkaufen ohne Shopping-Gefühl: Läden in Lich und Grünberg in Corona-Zeiten

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Kleinere Läden wie Schuhgeschäfte, Boutiquen und Buchhandlungen sind seit knapp drei Wochen wieder geöffnet. Dem Aufatmen nach der Corona-Zwangspause folgt Ernüchterung. Die Umsätze, berichten Händler im Kreis, liegen bei 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Doch es gibt auch Gewinner.

Für einen Moment herrscht Sprachlosigkeit im Modegeschäft "nara" nahe des Licher Schlosses. Eine 94 Jahre alte Frau hat den Laden betreten, sie steht mitten im Geschäft - die Verkäuferinnen schauen sie mit großen Augen an und weisen sie darauf hin, etwas vergessen zu haben. Die Seniorin hält irritiert inne. Dann aber hebt sie ihren Finger. "Ach, richtig", sagt sie. "Ganz vergessen." Sie kramt in ihrer Tasche und zieht eine Maske über Mund und Nase.

"Die ganze Welt ist anders. Das Leben fehlt"

Seit knapp drei Wochen sind kleinere Läden im Kreisgebiet wie Schuhgeschäfte, Buchhandlungen und Boutiquen nach der Corona-Zwangspause wieder geöffnet. Händler sind erleichtert, wieder in ihren Läden zu stehen. Das Geschäft aber läuft verhalten. "Was die Kundenfrequenz angeht, sind wir bei 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr", sagt Karin Schmidt, die das Licher Modegeschäft leitet. Auf die Frage, warum die Kunden zum großen Teil noch ausbleiben, sagt sie: "Die ganze Welt ist anders. Das Leben fehlt."

Schmidt und ihre Kollegin gehen hin und wieder für ein paar Sekunden nach draußen. Frische Luft schnappen. Für einen Augenblick die Maske abziehen. "Die Kauflust ist nicht da, ich spüre sie ja auch nicht", sagt Schmidt. Viele Kundinnen besuchen ihr Geschäft, wenn sie für eine Taufe oder eine Konfirmation in der Familie oder für den nächsten Urlaub die passende Kleidung suchen. "Das fällt ja zum großen Teil erstmal weg", sagt Schmidt. "Viele sitzen stattdessen zu Hause in Jogginghose im Homeoffice." Falten bilden sich in der Maske der Kollegin Schmidts, ein Lächeln ist zu erkennen, als sie Karl Lagerfeld zitiert: "Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren."

Die Licher Buchhändlerin Angela Magnus hat sich schon gegen so einige Herausforderungen wie die Konkurrenz im Internet gestemmt. "Aber vier Wochen am Stück musste ich noch nie schließen."

Draußen läuft Denise Kuczera am Laden vorbei. Zum Einkaufen fehle ihr derzeit das "Shopping-Gefühl", sagt die Licherin. "Ich will dann einen Kaffee in der Sonne trinken, mich mit Freundinnen treffen, bummeln." Das sei momentan nicht möglich. Das Einkaufen sei nicht angenehm, sagt Stephanie Roth, die ebenfalls durch Lichs Fußgängerzone läuft. "Wenn du im kleinen Laden stehst und draußen der nächste Kunde darauf wartet, dass du wieder gehst, löst das einen Zeitdruck aus."

Auch die Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg bestätigt Umsätze von 20 bis 30 Prozent im Vergleich zum normalen Betrieb bei zahlreichen Geschäften im Kreis. "Viele Kunden bleiben aus Respekt vor der Pandemie zu Hause", sagt Pressesprecher Kurt Schmitt. Online-Anbieter hätten in den vier Wochen der Schließung profitieren können. "Jetzt liegt es am Handel vor Ort, mit attraktiven Angeboten zu zeigen, dass die Innenstadt lebt."

"Wer kauft denn ein schickes Shirt für 60 Euro, wenn er den ganzen Tag im Home-Office sitzt"

Kunden beraten und dabei Abstand wahren - das sei schwierig, erklärt eine Verkäuferin im Schuhgeschäft Frank in Grünbergs Marktgasse. "Manchmal lässt sich nicht vermeiden, dass wir Kunden beim Anprobieren von Schuhen helfen." Mit einer Tüte in der Hand verlässt Julia Kömpf den Laden und stellt sich draußen vor der Konditorei gegenüber an. Sie hat ein Paar Schuhe für ihre Tochter gekauft. "Ich will den lokalen Handel unterstützen", sagt sie.

Ein Mann, der ebenfalls vor der Konditorei wartet, erklärt, für ihn habe sich beim Einkaufen so gut wie nichts verändert. "Ein Shopping-Gefühl brauche ich nicht", sagt er. Auf die Frage, ob er in diesen Tagen nichts vermisst, antwortet er: "Doch. Freiheit. Wir leben derzeit in einer Diktatur." Neben dem Verständnis der meisten für die Vorkehrungen zum Schutz vor Corona sind mittlerweile auch Meinungen wie diese zu vernehmen.

Wer derweil das Modegeschäft "Allmendinger" in Grünberg betritt, geht auf einen Tisch mit einem Fläschchen Desinfektionsmittel zu. Leise läuft Adeles "Rolling in the Deep", in der Herrenabteilung ist kein Kunde weit und breit. "Wer kauft denn ein schickes Poloshirt für 60 Euro, wenn er den ganzen Tag daheim sitzt und keine Möglichkeit zum Ausgehen hat", sagt Jürgen Kurz, Leiter der Abteilung.

Wenn Kunden den Laden mit Mütze betreten

Herr Müller-Lüdenscheidt ruht mit geschlossenen Augen inmitten von Stapeln an Büchern im Laden "Eckschuster" in Lich. Eine Maske aus Papier umhüllt den Mund der Büste, mit roter Farbe ist darauf ein Lächeln gemalt. Angela Magnus, Inhaberin des Geschäfts, trägt einen Helm mit einer Scheibe aus Plexiglas vor ihrem Gesicht. Viele Kunden, erzählt sie, fragen in diesen Zeiten nach "harten, krassen Krimis", um Ablenkung zu finden. Ein Mann mit Mütze betritt den Laden und entschuldigt sich für die Kopfbedeckung. "Ich habe seit Wochen den Friseur nicht besuchen können." Magnus lacht auf.

Seit 1987 existiert ihr Laden. Sie hat sich schon gegen so einige Herausforderungen wie die Konkurrenz im Internet gestemmt. "Aber vier Wochen am Stück musste ich noch nie schließen." In dieser Zeit hat sie Briefe mit Bargeld von Stammkunden als Vorauszahlung für spätere Bestellungen erhalten. "Passen Sie auf sich auf" und der Gruß, gut "durch die wilden Zeiten" zu kommen, stand in den Briefen. "Ich habe schöne Nachrichten bekommen", sagt Magnus und blickt durch das Plexiglas vor ihrem Gesicht ins Weite. Dann sagt sie: "Das hilft." FOTO: SRS

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