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Reinhard Kleist (jou)

Einfühlsames Porträt

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Lich (jou). Einen gelungenen Auftakt fand die neue, von der OVAG ins Leben gerufene Reihe "Leseland Gießen" am Montag im Kino Traumstern. Bei der vom Literarischen Zentrum Gießen (LZG) mitveranstalteten Lesung präsentierte Reinhard Kleist seine kürzlich erschienene Graphic Novel "Knock out!" über den amerikanischen Boxer Emile Griffith. Kleists Zeichnungen erwiesen sich als außerordentlich kraftvoll und dramatisch, sie zogen den Betrachter stark ins Geschehen. Zum Vergnügen trug Stadttheater-Schauspieler Roman Kurtz bei, der die auf die Leinwand projizierten Comicszenen synchronisierte, sich dabei lebhaft in diverse gesellschaftliche Milieus hineinversetzte.

Die Lesung fing mit einer Straßenszene an: Emile Griffith sieht sich als schwarzer Homosexueller Anfeindungen ausgesetzt und wird 1992 von Fremden fast zu Tode geprügelt. Ein Bekannter findet ihn mit blutüberströmtem Gesicht. Ihm erzählt Emile, wie er zum Boxen kam. Im Verlauf lässt der Protagonist sein Leben Revue passieren und schildert, wie ihn sein Chef in der Hutfabrik animierte, den Kampfsport zu betreiben. Bei der WM 1961 im Weltergewicht beleidigt ihn sein Gegner Benny Paret. In der dritten Begegnung versetzt ihm Emile einen derart starken Hieb, dass dieser ins Koma fällt und stirbt. Durch Lugo entdeckt Emile seine homosexuelle Neigung.

Die Geschichte ereignet sich deutlich vor der Lesben- und Schwulenbewegung, wie Moderator Andreas Matlé betonte. Erst 2008 berichtet Emile öffentlich über seine Orientierung; sein Umfeld weiß indes längst davon. Nach dem tödlichen Zwischenfall boxt er weiter, aus finanziellen Gründen wie Öffentlichkeitsgier, wird dabei anfangs als Mörder beschimpft, bemerkte Kleist. An den Schluss des Buches gestellt habe er das Themenfeld Schuld, Vergebung und Vergessen.

Hoch informativ muteten Kleists Ausführungen zur Entstehung der Graphic Novel an. Auf Emile sei er durch die Recherche über den Boxer Hertzko Haft gestoßen, der in Auschwitz ums Überleben kämpfte und dem er ein früheres Comicbuch widmete. Emiles Schicksal mit allen Höhen und Tiefen habe ihn verblüfft, entziehe es sich doch Klischeevorstellungen. Die Brutalität des Weltmeisters müsse man vor dem Hintergrund der vorangehenden Verunglimpfungen sehen. Emile sei "mit einer gewissen Naivität durchs Leben gegangen", habe gemacht, was er wollte - egal, was die Leute von ihm denken. Als Quelle diente Kleist unter anderem der Dokumentarfilm "Ring of fire". Bei seinen Biografien habe er stets ein "Skelett der Lebensgeschichte" vor Augen, erläuterte Kleist; durch die drumherum geschriebenen Dialoge verdeutliche er die Motive der Figuren. Unter anderem mittels Fotos nähere er sich diesen an und erstelle Skizzen, wie er an Beispielen zeigte. Emile habe versucht, Schuldgefühle zu verdrängen; stets im Rampenlicht stehend, habe ihm die Zeit zum Grübeln gefehlt. Der Comic könne eine "wahre Geschichte auf andere Weise transportieren" und biete Raum zur Reflexion, resümierte Kleist. So wolle er mit dem Buch rückschrittlichen gesellschaftlichen Tendenzen entgegenwirken und mit geschlechterbezogenem Schubladendenken aufräumen.

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