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»Denk’ ich an Deutschland in der Nacht...«

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Sänger, Komponist und Sprecher Sven Görtz im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge. © Heiner Schultz

Lich (kdw). Einen besonderen Beitrag zur Erinnerung an den 9. November 1938 leistete der Sänger, Komponist und Sprecher Sven Görtz am Freitagabend. Sein Programm »Denk’ ich an Deutschland in der Nacht...« aus Lesung, Lied und Reflexion mit Texten von Heine, Zweig, Kafka und Tucholsky ließ die Zuhörer im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge tief mitfühlen und die musikalische wie literarische Güte des Abends genießen:

großer Beifall. Görtz, der den meisten wohl durch seine beachtlichen Interpretationen von Bob Dylan und als Rezitator bekannt sein dürfte, hatte ein Programm von Texten der vier Meisterdichter zusammengestellt, die er zur Überraschung des Publikums vertont hatte. Veranstalter waren die KVHS sowie die Vereine Künstlich und Arbeit und Leben Hessen.

Viele Glanzlichter

Als erstes die »Loreley« mit dem berühmten Text von Heinrich Heine. Görtz sang das mit sehr guter Klarheit und schönem Gefühl, jedoch ohne eine Spur von Rührseligkeit. Einen maßvollen Akzent setzte er mit einem Soundeffekt auf die Zeile »Gewaltige Melodei« - das war’s schon, aber es saß; ein Glanzlicht.

Um »Texte jüdischer Autoren deutscher Sprache« sollte es gehen, »um zu zeigen, welch großartige Kunst bekämpft wurde«. Und da kamen Heinrich Heine, Stefan Zweig, Franz Kafka und Kurt Tucholsky gerade recht. Ohne es zu wollen fragte man sich, wie es zu so etwas kommen konnte - Bücher verbrennen?

Im Studium habe er betrübt von antisemitischen Aspekten bei Nietzsche und Schopenhauer erfahren. Dabei seien jüdische Autoren in der deutschen Literatur ein unverzichtbarer Bestandteil: »Ohne die jüdischen Autoren wäre die deutsche Literatur ein Torso«, sagte Görtz.

Eines der Glanzlichter an diesem hochwertigen Abend war Joseph von Eichendorffs »In einem kühlen Grunde«. Das brachte eine zauberhaft romantische und doch zugleich fassbare Stimmung.

Es wurde klar, dass eine Wiederbelebung klassischer literarischer Kulturgüter eine der angenehmsten und unterhaltsamsten Formen der Rückbesinnung ist - jedenfalls, wenn Autoren wie Heine, Tucholsky und ihresgleichen im Spiel sind.

Ein weiterer Höhepunkt des Abends war Görtz’ Vertonung von Rilkes »Panther«: vorzüglich einfühlsam und mit perfektem Bogen interpretiert; man konnte die Verzweiflung der gefangenen Kreatur förmlich spüren: «… und hinter tausend Stäben keine Welt.«

Sven Görtz ließ seinen Vortrag sacht in einem abschließenden Akkord ausklingen, und alle waren bei ihm. Das frierende Publikum brachte heftig applaudierend seine Wertschätzung für den Abend zum Ausdruck.

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