Gelernt ist gelernt: Bei Anke Herde-Bertram in der Herde-Apotheke Am Stadtturm in Lich gibt es seit Neuestem auch Fläschchen mit Händedesinfektionsmittel aus eigener Produktion. FOTO: US
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Gelernt ist gelernt: Bei Anke Herde-Bertram in der Herde-Apotheke Am Stadtturm in Lich gibt es seit Neuestem auch Fläschchen mit Händedesinfektionsmittel aus eigener Produktion. FOTO: US

Corona-Krise

Corona-Krise im Landkreis Gießen: Improvisation auch in der Apotheke

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Apotheker sind gut beschäftigt in diesen Tagen. Das gilt auch für das Team der Herde-Apotheke in Lich. Die Inhaber produzieren im eigenen Labor eine Lösung zur Händedesinfektion.

Alkohol, Glycerin, Wasserstoffperoxid und Wasser: Aus diesen Zutaten wird Desinfektionsmittel gemischt. Olaf Herde hat das während seines Pharmaziestudiums gelernt. Als Apotheker angewendet hat er dieses Wissen nicht. "Die händische Produktion ist normalerweise zu teuer", sagt er. Aber normal ist in diesen Zeiten nichts mehr. Seit das Coronavirus das Land im Griff hat, ist Desinfektionsmittel schwer gefragt. Und deshalb steht Herde, der gemeinsam mit seiner Schwester Anke Herde-Bertram in Lich die Herde-Apotheke am Stadtturm betreibt, regelmäßig in seinem Labor und produziert den gefragten Mix.

Regelmäßig zur Schnapsbrennerei

Um den 96-prozentigen Trinkalkohol, den er dafür braucht, zu besorgen, fährt er hundert Kilometer und mehr zu Brennereien im Vogelsberg und in der Eifel. Er darf ihn dort unversteuert kaufen, das hat die Landesregierung in dieser Notlage erlaubt. Arztpraxen, Pflegedienste und Handwerksbetriebe, deren Mitarbeiter keine Möglichkeit zum regelmäßigen Händewaschen haben, sind dankbare Abnehmer des Desinfektionsmittels, das für sie in Fünf-Liter-Kanistern angeboten wird. Privatleute greifen gern zu den 100-Milliliter-Fläschchen, die hell an der Wand hinterm Tresen glänzen. "Sie sehen ein bisschen aus wie Flachmänner", sagt Herde und lacht. Er hat alle Hände voll zu tun in diesen Tagen. Die Corona-Krise hat auch den Berufsalltag der Herde-Geschwister gründlich auf den Kopf gestellt.

"Fürsorge zeigt sich durch Distanz" hat die Kanzlerin kürzlich in ihrer Fernsehansprache gesagt. Diesen Satz haben sich die Licher Apotheker zu Herzen genommen. Normalerweise spiele in einer Vor-Ort-Apotheke die persönliche Nähe eine wichtige Rolle, sagt Olaf Herde. "Jetzt gilt das nicht." Im Offizin, wie der Verkaufsraum von Apotheken in der Fachsprache heißt, stehen die Mitarbeiter hinter Spuckschutzwänden. Ein Kundenleitsystem sorgt für den erforderlichen Abstand, Händedesinfektion ist beim Betreten und Verlassen der Räume selbstverständlich. Kunden mit Husten werden noch vor dem Eingang gebeten, draußen zu bleiben und am Nebeneingang zu klingeln.

In der Woche nach der Schulschließung hatte ein richtiger Run auf die Apotheken eingesetzt. Klassische Erkältungsmittel oder auch frei verkäufliche Arzneimittel wie Paracetamol waren schwer gefragt. "Mittlerweile hat sich die Lage beruhigt", berichtet Olaf Herde, zumal sich Ärzte und Apotheker in Lich darauf verständigt hätten, Patienten mit Dauermedikation und ältere Menschen möglichst kontaktfrei zu versorgen. "Der Patient ruft den Arzt an, der verständigt die Apotheke, wir liefern die Bestellung aus, und bezahlt wird per Rechnung", erläutert der 44-Jährige. "Der Botendienst ist explodiert." Vor Corona gab es jeweils nachmittags eine Tour. Jetzt liefern die Mitarbeiter zusätzlich vormittags in und um Lich aus.

Mehr Bestellungen auf digitalem Weg

Genau wie in anderen Branchen erfährt die Digitalisierung auch in den Apotheken durch die Corona-Krise einen Schub. Anke und Olaf Herde bieten schon länger den Service der Apotheken-App "callmyApo" an. "Früher kamen da drei Bestellungen am Tag, jetzt sind es 25."

Während Herde von diesen Umstrukturierungen erzählt, macht er alles andere als einen gestressten Eindruck. Er wirkt eher inspiriert und gibt das auch zu. "Improvisieren und was Neues ausprobieren, das liegt mir."

Er hofft aber auch, dass in Gesellschaft und Politik ein Umdenken stattfindet. "Jetzt sehen wir, wie abhängig wir sind", sagt Herde. Es fehle an Schutzausrüstung und den einfachsten Arzneimitteln, denn die würden hauptsächlich in Indien und China hergestellt. Dass die Produktion wenigstens zurück in die EU wenn nicht sogar nach Deutschland geholt wird, ist für ihn eine Lehre, die aus der Krise zu ziehen sei. Und der Pharmazeut aus Lich hat noch eine Forderung in Richtung Politik: "Arzneimittel dürfen kein Spekulationsobjekt sein", sagt er. Eine Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente hielte er für einen richtigen Schritt. Der Markt sorge eben nicht immer für günstige Preise.

Das stimmt, wie der aktuelle Kampf um Atemschutzmasken zeigt. Laut Zeitungsberichten soll in manchen Städten dieser einstige Cent-Artikel mittlerweile für 20 Euro und mehr gehandelt werden.

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