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Um routinemäßig den Blutdruck zu messen, muss man nicht gleich zum Hausarzt gehen. Auch diese Tätigkeit zählt zu den Aufgaben einer Gemeindeschwester. Symbolfoto: dpa

Wo, bitte, geht’s zur Zukunft?

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Lich(us). Das Projekt genießt überregional Aufmerksamkeit. Erst vor drei Monaten saß sogar Ex-Vizekanzler Franz Müntefering im Muschenheimer Kulturzentrum am Mittagstisch, den die Gemeindeschwestern und ihre Helfer regelmäßig organisieren. Auch Bürgermeister Bernd Klein hält diese Form von Seniorensozialarbeit für nötiger denn je. Dennoch schlägt der Magistrat vor, den Fördervertrag für das Projekt zum 31. 12. 2020 zu kündigen, "vorsorgehalber", wie dick unterstrichen in der Vorlage steht. Bis dahin soll der Vertrag inhaltlich und finanziell den aktuellen Gegebenheiten angepasst werden.

Nach dem Sozialausschuss hat am Mittwochabend auch der Haupt- und Finanzausschuss diesem Vorschlag zugestimmt.

Als das Gemeindeschwesternprojekt 2012 in Muschenheim startete, stand die gesundheitliche Vorsorge gerade älterer Menschen auf dem Land im Vordergrund. Mittlerweile hat sich der Aktionsradius geografisch wie inhaltlich erweitert. Auch in Eberstadt, Birklar, Bettenhausen und seit Neuestem in Langsdorf sind Gemeindeschwestern aktiv. Neben regelmäßigen Sprechstunden und Hausbesuchen organisieren sie in Zusammenarbeit mit Vereinen und Dorfbewohnern Vorträge, gemeinsame Mahlzeiten oder Spaziergänge und andere Aktivitäten. So bringen sie neues Leben in die Dörfer, die tagsüber leer sind, weil die Bewohner zur Arbeit nach Gießen, Frankfurt oder sonst wohin pendeln.

Als die Stadt Lich 2017 den Vertrag mit dem Gemeindeförderverein Muschenheim schloss und eine jährliche Unterstützung des Gemeindeschwesternprojekts von 15 000 Euro zusicherte, ging sie von einer Drittelfinanzierung aus. "Damals war gewährleistet, dass der Verein weitere Einnahmen hat", sagte Bürgermeister Bernd Klein. Doch mit dem aktuellen Aus für den Muschenheimer Weihnachtsmarkt sei eine wichtige Einnahmequelle weggebrochen. "Die finanzielle Entwicklung der letzten Jahre hat gezeigt, dass zum heutigen Zeitpunkt zur Gesamtfinanzierung des Projekts als feste Größe lediglich der Anteil der Stadt Lich zur Verfügung steht", heißt es in der Beschlussvorlage. Der Bürgermeister formulierte es im Ausschuss direkter: "Jemand muss uns mal erklären, wo das Geld herkommen soll."

Brigitte Block (SPD) erinnerte daran, dass Reimund Marx, der neue Vorsitzende des Fördervereins, bereits im Sozialauschuss Ende November einige Ansätze erläutert hatte. Man wolle die Satzung ändern, sich breiter aufstellen und um weitere Sponsoren werben. "Wir glauben, es ist ein Zukunftsprojekt. Wir sollten dem Verein eine Chance geben", sagte Block, die die vorsorgliche Vertragskündigung dennoch befürwortet. Ulla Limberger (Grüne) dagegen hält eine vorsorgliche Kündigung des Vertrags für ein falsches Signal nicht zuletzt an potenzielle Sponsoren. Das meint auch Andreas Müller-Ohly, der als einziger Stadtverordneter der DBL in den Ausschüssen zwar mitreden, aber nicht abstimmen darf. Er merkte zudem an, dass der Hauptsponsor des Gemeindeschwesternprojekts für 2020 noch zur Verfügung stehe.

Markus Pompalla (CDU) bezeichnete die Magistratsvorlage als erforderlich, "damit sich der Verein bewegt". FDP und Freie Wähler sehen das ähnlich. "Wir stimmen ja nicht gegen das Projekt als solches", unterstrich Helmut Jachimsky. Karl-Heimz Klös zeigte sich verhandlungsbereit. Allerdings: Dass die Stadt das Projekt zu 100 Prozent finanzieren wird, glaube er nicht.

Der Bürgermeister wies abschließend darauf hin, dass die Stadt bis Ende 2020 "mit im Boot ist." Bis dahin müsse sich der Förderverein neu aufstellen und "sehen, wie er das hinkriegt." Klein: "Von anderen Vereinen erwarten wir das schließlich auch."

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