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Szene aus dem Dokumentarfilm »Walter Kaufmann - welch ein Leben!«: Ankunft in New York 1963.

Bewegtes Leben eines Weltbürgers

  • VonSascha Jouini
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Lich (jou). Einen erkenntnisreichen, aufwendig recherchierten Dokumentarfilm präsentierte Filmemacherin Karin Kaper am Mittwoch im Kino Traumstern im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum 9. November 1938. In »Walter Kaufmann - welch ein Leben!« porträtiert sie gemeinsam mit Co-Regisseur Dirk Szuszies den deutsch-australischen Schriftsteller; er starb am 15.

April im Alter von 97 Jahren.

Wie Kaper gegenüber dem Publikum anmerkte, hatten sie und ihr Partner Szuszies schon vor über zehn Jahren eine Dokumentation zu dem Überlebenden des Holocaust geplant. Damals scheiterte das Projekt an der Finanzierung. Eine neue Chance habe sich durch das Förderprogramm der Bundesregierung »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« aufgetan.

Pandemiebedingt konnte sich das Regieduo nicht zu den Schauplätzen begeben, an denen sich der vielgereiste Schriftsteller aufgehalten hat; Kameraleute in aller Welt halfen mit Aufnahmen.

Im Mittelpunkt des Films stehen Interviews. Mit bemerkenswert genauem Erinnerungsvermögen erzählt Kaufmann von seiner Kindheit bei den jüdischen Adoptiveltern in Duisburg und der Flucht vor den Nationalsozialisten nach England an seinem 15. Geburtstag. Bewusst blieben seine Schilderungen unkommentiert, um Zuschauern Gelegenheit zu geben, die bewegte Lebensgeschichte auf eigene Weise zu deuten, erzählte Kaper am Rande der Vorführung. Gleichwohl schaffen untermalende Archivsequenzen, etwa Kriegsszenen, sowie aktuelle Aufnahmen eine bestimmte, die Wahrnehmung des Zuschauers lenkende Atmosphäre. Beispielsweise geben Konzentrationslager-Bilder Briefpassagen, in denen die Eltern ihrer Hoffnung Ausdruck verleihen, ihren Sohn bald wiederzusehen, eine bittere Note, wurden sie doch später in Theresienstadt interniert und in Auschwitz ermordet.

Manche Aussagen Kaufmanns bleiben nachhaltig haften. So sagt der Schriftsteller, der nach seiner britischen Internierung in Australien landete und später in der DDR lebte, seine Schiffe hätten an vielen Häfen angelegt, aber er sei nur »ein ganz kleiner Fisch im großen Meer«.

Auch widersprüchliches Verhalten legt der Film offen: Scheinbar aus heiterem Himmel trennte er sich vorübergehend erst von Partnerin Barbara, dann von der Schauspielerin Angela Brunner, um seinem Entdeckerdrang nachzugehen. Für Kaper war er sich immerhin dessen bewusst, dass er in seinem Leben fragwürdige Entscheidungen getroffen hat.

Kaufmann wollte, unterstrich die Regisseurin, nur über Dinge schreiben, die er selbst gesehen hat, dazu zählen Reportagen zur Revolution in Kuba oder zur Bürgerrechtsbewegung in den USA. Er sei an die Wurzeln gegangen - viel habe ihm daran gelegen, etwa auf seiner Israelreise Einheimische intensiv kennenzulernen. Für die Regisseurin war er »ein unruhiger Geist, der immer auf Achse war«. Bis kurz vor seinem Tod sei der Kosmopolit kulturinteressiert und geistig wach gewesen.

Die sehenswerte Dokumentation beleuchtet viele Themen - von der Elternbindung und jüdischen Identität über die Emigration bis hin zur politischen Haltung - und wird im regulären Programm kommenden Montag bis Mittwoch, jeweils um 16.30 Uhr, im Kino Traumstern gezeigt. Der Briefwechsel mit den Eltern ist, herausgegeben von Ludger Joseph Heid, erst kürzlich im Klartext Verlag erschienen.

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