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Im Juni kam Cristina Mosincat zusammen mit ihrem Mann Gheorghe aus Rumänien nach Lich. Seitdem arbeitet sie in der Geriatrie der Asklepios-Klinik, ihr Mann in der Chirurgie.

Pflegenotstand

So begegnet die Asklepios-Klinik dem Pflegenotstand

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Trotz eigener Krankenpflegeschule reichen deutsche Fachkräfte nicht mehr, um die Versorgung der Patienten zu gewährleisten, sagen die Verantwortlichen in Lich. Sie gehen nun neue Wege.

Cristina Mosincat (23) schmunzelt, als sie die Geschichte erzählt. Mittlerweile gehen ihr hessische Vokabeln weit lockerer über die Lippen. Vor ein paar Monaten aber war das noch anders. Die junge Frau sprach zwar schon passabel Deutsch, als sie Anfang Juni aus Rumänien nach Lich gekommen war. Aber was zum Teufel nun etwa ein Kolter sein sollte, von dem damals einer ihrer Patienten sprach, das war ihr dann doch ein Rätsel.

Es sind die kleinen Episoden wie diese, die die Tücken des jüngsten Projekts der Asklepios-Klinik zeigen. Um dem Fachkräftemangel im Pflegebereich zu begegnen, werben die Verantwortlichen in Lich um ausländisches Personal. Sieben rumänische und drei philippinische Gesundheits- und Krankenpflegekräfte hat die Klinik in den vergangenen Monaten angestellt. "Sehr engagierte Menschen", sagt Katrin Meyer-Eminger.

Meyer-Eminger ist für die Auslandsakquise zuständig. "Trotz eigener voller Krankenpflegeschule reichen deutsche Fachkräfte nicht mehr, um die Versorgung der Patienten zu gewährleisten", sagt sie. Spätestens seit Inkrafttreten der neuen Pflegepersonaluntergrenze Anfang des Jahres ist das Problem akut geworden. Da kommt es den Lichern zupass, dass es etwa in Rumänien, auf den Philippinen, aber auch in Serbien und Italien mehr ausgebildetes Pflegepersonal als Stellen gibt.

"Man kann sie nicht einfach nur herholen"

So fand auch Cristina Mosincat zusammen mit ihrem Mann Gheorghe, ebenfalls Gesundheits- und Krankenpfleger, den Weg nach Hessen. Diese Konstellation aber ist eher ungewöhnlich: sie in der Branche, er in der Branche. Den Lichern ist klar, dass die familiären Gegebenheiten der Neuankömmlinge oft andere sind. Deshalb zieht das Projekt auch weit größere Kreise. Die neuen Fachkräfte wolle man für lange Zeit gewinnen, erzählt Meyer-Eminger. Daher geht es eben auch um Familien, die mit- oder nachkommen. Und es geht um Integration.

Auch das ist das Besondere am Licher Projekt, dass die Klinik ihre neuen Fachkräfte außerhalb der beruflichen Belange unterstützt. "Man kann sie nicht einfach nur herholen und das war es dann", sagt Meyer-Eminger. "Zwar weiß jeder, worauf er sich einlässt, dass wir hier auf dem Land sind und nicht in einer Großstadt wie in Hamburg oder Berlin." Aber das Wissen im Vorfeld ist das eine, die Praxis dann manchmal doch etwas anderes. "Man muss sie abholen", sagt Meyer-Eminger. So sind es eben nicht nur die regelmäßigen Besprechungen des Klinikalltags, die Meyer-Eminger mit ihren Schützlingen abhält. Sie bringt ihnen auch die Gegend näher. Persönliche Bindungen erleichtern die Integration, sagt sie.

Integration und Sprache "das A und O"

Es ist auffällig, wie häufig die Schlagworte Integration und Deutschlernen fallen. "Das ist das A und O", sagt Meyer-Eminger. Erst üngst haben die Licher einen Deutschkurs auf dem Klinikgelände organisiert. Er ist speziell auf die Belange der Neuen zugeschnitten: So stehen insbesondere Fachbegriffe und Termini aus dem Klinikalltag im Mittelpunkt des Kurses, doch auch die Alltagssprache ist Bestandteil des Lehrplans.

Der Deutschkurs aber ist nur ein Baustein, mitziehenden Familienangehörigen bietet die Klinik Hilfe bei der Jobsuche an. Zudem werden die Mitarbeiter bei der Wohnungssuche unterstützt. Wenn etwa vom potenziellen Vermieter Sicherheiten verlangt würden, stehe das Unternehmen dafür ein, erzählt Meyer-Eminger.

Cristina Mosincat und ihr Mann wohnen zusammen mit den andern neuen Pflegekräften noch in einer Wohngemeinschaft. Sie sagt bewusst "noch". Langfristig wolle sie ihr eigenes Reich haben, eine Wohnung finden, sich ein Leben in Lich aufbauen. Ganz im Sinne der Klinikverantwortlichen. Dass deren Engagement bei der Integration der Neuen nicht uneigennützig ist, liegt auf der Hand. Der Pflegenotstand fordert von Arbeitgebern einen durchaus kreative Mitarbeitersuche. Die Akquirierung von ausländischen Kräften ist ein Part davon.

Mosincat sagt, ihr komme die Gemengelage zugute. Sie hatte langfristig ohnehin vor, Rumänien zu verlassen. Heimweh, habe sie keines. Sie fühle sich gut aufgehoben, erzählt sie, das Miteinander mit den Kollegen klappe gut. Und im Gegensatz zu ihrer Arbeit in ihrer Heimat habe sie in Lich mehr Zeit für jeden einzelnen Patienten.

Nur eine Sache war für Mosincat im täglichen Umgang wirklich eine Umgewöhnung. In Rumänien ist es usus, jeden mit dem Vornamen anzureden. Da heißt es dann Frau Katrin, statt Frau Meyer-Eminger. Doch auch das kommt ihr mittlerweile ganz flüssig über die Lippen.

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