Der Muschenheimer Landwirt Christoph Weil mit einem Teil seiner 125 Milchkühe. FOTO: PAD
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Der Muschenheimer Landwirt Christoph Weil mit einem Teil seiner 125 Milchkühe. FOTO: PAD

Milchpreis

Bauern in Mittelhessen leiden unter niedrigen Milchpreis - Verbuschte Landschaften drohen

  • Patrick Dehnhardt
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Der Milchpreis ist niedrig, die Auflagen steigen dafür immer weiter. Immer mehr Landwirte geben ihre Höfe auf. Auch Landwirt Christoph Weil aus Muschenheim ist besorgt.

Fütterungszeit im Stall des Weidehofs vor den Toren Muschenheims: Die rund 125 Kühe lassen sich das Heu und die Silage schmecken. Dass die Hofkatze gerade auf Mäusejagd geht, stört sie nicht im geringsten. Für Landwirt Christoph Weil ist das ein schöner Anblick, sagt er. Genießen kann er ihn nur selten, denn jede Menge Arbeit wartet auf ihn. Würde die Familie nicht mit anpacken, wäre das alles kaum zu stemmen.

Gute Arbeiter für die Landwirtschaft zu finden ist schwer. "In der Industrie verdienen die meisten unter leichteren Bedingungen ihr Geld", sagt Weil. Die Tiere wollen auch an Sonn- und Feiertagen gefüttert und gemolken werden. Zudem muss der Lohn auch erst einmal erwirtschaftet werden. Doch schon jetzt kommt der Landwirt selbst nicht einmal auf den Mindestlohn. Der Milchpreis ist dafür viel zu niedrig, sagt Weil. Die Zahlen des Bundeslandwirtschaftsministerium bestätigen seine Aussage: Brachte ein Kilogramm Rohmilch aus konventioneller Landwirtschaft im Oktober 2013 noch rund 40 Cent, waren es im Oktober 2019 nur noch 33 Cent. Zwischenzeitlich gab es gar eine Talsohle, in der teils nur 23 Cent gezahlt wurden. Davon kann kein Landwirt leben, sagt Weil: "Wenn ich eine Vollkostenrechnung mache, brauche ich 40 Cent."

Milchpreis: 11,8 Prozent der Höfe gaben auf

Die Folge: Immer mehr Betriebe geben auf. Von 2010 bis Mitte 2019 ist die Zahl der Bauernhöfe in Hessen um rund 11,8 Prozent von 17 800 auf 15 700 gesunken. Bei den Betrieben mit Rinderhaltung haben rund 15 Prozent aufgegeben: Waren es im November 2012 noch 9400 Betriebe, sank die Zahl bis Mai 2019 auf 8000. Zudem gibt es immer weniger Milchkühe. Wurden 2012 noch 143 500 Tiere gehalten, waren es im Mai 2019 nur noch 132 700.

Karsten Schmal, der Präsident des hessischen Bauernverbandes, sagte vor wenigen Tagen: "Viele Betriebe mit 80 oder 100 Milchkühen, von denen wir gedacht haben, dass sie eine Zukunft haben, gehen den Weg nicht mehr mit. Ich beobachte einen verschärften Strukturwandel." Beim Hessischen Bauernverband sieht man eine Vielzahl von Gründen, die das Höfesterben beschleunigen. "Es kommen auch immer mehr Auflagen auf die Landwirte zu", sagt Pressesprecher Bernd Weber im Gespräch mit dieser Zeitung. "Derzeit werden die Kosten in die Höhe getrieben, es stehen aber keine adäquaten Preise gegenüber." Als Beispiel führt er die neue Düngeverordnung an. Diese besagt etwa, dass Bauern nun mehr Lagerkapazitäten für Gülle schaffen müssen.

Riesige Lager für Gülle vorgeschrieben

Auf dem Weidehof in Muschenheim hat man 1996 in neue Ställe investiert, sich zudem mit der Weideochsenhaltung ein weiteres Standbein geschaffen. Würde Landwirt Weil heute neu bauen, müsste er beispielsweise Lagerkapazitäten für die in einem halben Jahr anfallende Menge Gülle vorhalten. "Dass sind riesige Investionen. Da überlegt man genau, ob man die macht", sagt er.

"Gerade wenn kein Hofnachfolger da ist, ist die Verunsicherung groß", erklärt Pressesprecher Weber. Haben Landwirte nur noch wenige Jahre bis zum Ruhestand und Gerätschaften und Ställe sind bezahlt, machen sie in der Regel diese Zeit noch weiter - jedoch ohne noch einmal groß Geld in den Hof zu stecken. Betriebe, die vor einigen Jahren in neue Technik und Ställe investiert haben, müssen hingegen weiterhin die Kredite abtragen. Gerade diese zukunftsfähigen Höfe könnten durch die aktuelle Entwicklung ins Schlingern geraten, befürchtet Weber.

Milchpreis: Droht verbuschter Vogelsberg?

Landwirt Weil hat außerdem beobachtet, dass sich die Milchviehhaltung immer weiter nach Norddeutschland verlagert. "Das ist schade. Gerade in den Mittelgebirgen gibt es viel Grünland, das muss genutzt werden. Was passiert damit ohne Kühe?" Weil hält zwei Szenarien für möglich: Zum einen, dass die Wiesen gemäht und das Grünfutter nach Norddeutschland gefahren wird, um später wieder die Milch zurückzutransportieren. Mit Blick auf den Klimaschutz wäre dies eine fatale Entwicklung. Oder die Wiesen werden nicht mehr bewirtschaftet. Das würde innerhalb kurzer Zeit dazu führen, dass die Landschaft verbuscht.

"Wird das Grünfutter nicht gemäht, vemodert es. Dann wird der enthaltene Stickstoff ausgewaschen und gelangt als Nitrat ins Grundwasser", erklärt der Landwirt. Ein Ziel der neuen Düngeverordnung was es übrigens, etwas gegen die Nitratbelastung des Grundwassers zu unternehmen.

Verbraucher muss mitmachen

Den gegenteiligen Effekt könnte übrigens auch das Glyphosatverbot nach sich ziehen, sagt Weil: "Wenn ich Glyphosat verbiete, muss ich den Boden mehr bearbeiten, um etwas gegen das Unkraut zu tun. Dabei aktiviere ich aber den Stickstoff, und der wird umso mehr ins Grundwasser ausgewaschen." Generell seien die Landwirte zu Mehrarbeit für mehr Umweltschutz bereit, viele würden auch gerne auf Bio umstellen. "Doch das verursacht Mehrkosten, die auch gedeckt werden müssen. Der Preis muss einfach passen." An dieser Stelle ist auch der Verbraucher in der Pflicht: Wer bio predigt, darf nicht das billigste Fleisch aus der Sonderaktion kaufen.

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