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Der erste Auschwitz-Prozess wird am 20. Dezember 1963 im Plenarsaal der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung eröffnet. Die Angeklagten sitzen flankiert von Polizisten an den Tischen, davor stehen Kameraleute und Pressefotografen. Im Hintergrund hängen Pläne des früheren Konzentrationslagers an der Wand.

Interview

"Der Auschwitz-Prozess begleitet mich bis heute"

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Gerhard Wiese war Ankläger im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Das Thema lässt ihn bis heute nicht los. Am 10. November spricht er in Lich.

"Im Labyrinth des Schweigens": So heißt der Film, in dem Regisseur Giulio Ricciarelli die Vorgeschichte der Frankfurter Auschwitz-Prozesse mit fiktiven Mitteln nacherzählt. Das Kino Traumstern in Lich zeigt das Werk aus dem Jahr 2014 am Sonntag, dem 10. November, in einer Matinee um 12 Uhr. Die Organisatoren können dazu einen besonderen Gast begrüßen: Gerhard Wiese. Er war einer jener drei jungen Staatsanwälte, die im Auftrag des Hessischen Generalstaatsanwaltes Fritz Bauer den ersten Auschwitz-Prozess vorbereiteten.

Im Film "Labyrinth des Schweigens" gibt es eine plakative Szene. Da schimpft ein Reporter: "Dass ein deutscher Staatsanwalt nicht weiß, was in Auschwitz passiert ist, ist eine Schande." Wann ist Ihnen das Ausmaß der Verbrechen bewusst geworden?

Gerhard Wiese:Eigentlich durch die Nürnberger Prozesse. Natürlich nicht im Detail, aber im Großen und Ganzen schon. 1945 in russischer Gefangenschaft hatten wir eine große Tafel, auf der die Tageszeitungen angehängt waren und da waren natürlich auch Bilder von den befreiten Konzentrationslagern zu sehen. Ich habe damals gesagt: Das kann nicht sein. Das ist Propaganda. Ich bin dann eines Besseren belehrt worden.

Sie wurden 1962 als dritter Ankläger zur Vorbereitung des Auschwitz-Prozesses hinzugezogen, da waren Sie gerade einmal 34 Jahre alt.

Wiese:So ist es, jawohl.

Ihre Kollegen Kügler und Vogel waren kaum älter.

Wiese:Zwei Jahre älter.

Warum wurden gerade so junge Staatsanwälte mit dieser schwierigen Aufgabe betraut?

Wiese:Fritz Bauer, der Hessische Generalstaatsanwalt, wollte keine Leute einsetzen, die schon vor 1945 als Staatsanwälte tätig waren.

Warum?

Wiese:Sehr viele Staatsanwälte waren bei Sondergerichten tätig gewesen. Sie wurden nach 1945 überprüft. Ein Teil ist nicht wieder eingestellt worden. Ein Teil aber doch. Dieses Risiko wollte Bauer nicht eingehen.

"Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich Feindesland": Dieses Zitat wird dem Hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zugeschrieben.

Wiese:Man weiß nicht, ob es authentisch ist. Der Satz geistert durch die Räume. Ob er ihn so gesagt hat, ist nicht hundertprozentig sicher.

Aber wie war das bei Ihnen? Sind Ihnen bei Ihren Ermittlungen Steine in den Weg gelegt worden?

Wiese:Nein. Überhaupt nicht. Mein Behördenleiter hat uns, so weit er es konnte, Unterstützung gegeben. Das Ministerium auch. Die Stellen für das Verfahren waren ja zusätzlich bewilligt, auch was den Schreibdienst betrifft. Dass die Technik damals noch nicht so weit war wie heute, dafür kann ja keiner was.

Im Prozess sagten 211 ehemalige Auschwitz-Häftlinge als Zeugen aus. Sie hatten unfassbare Grausamkeiten erlitten, ihre Schilderungen waren erschütternd. Hat je einer der mehr als 20 Angeklagten Reue gezeigt?

Wiese:Nein.

Hätten Sie denn damit gerechnet?

Wiese:Bei dem ein oder anderen dachte ich schon, dass er mal Farbe bekennt. Die Angeklagten konnten ja nicht bestreiten, dass sie in Auschwitz tätig gewesen waren. Aber keiner wollte je etwas Schlechtes getan haben.

Im August 1965 wurde das Urteil gesprochen. Sechs Angeklagte erhielten lebenslange Haftstrafen. Drei wurden freigesprochen. Die anderen bekamen mehr oder weniger lange Freiheitsstrafen. Selbst der stellvertretende Lagerkommandant Mulka wurde nicht des Mordes für schuldig befunden, sondern lediglich der Beihilfe. War das für die Staatsanwaltschaft enttäuschend?

Wiese:Wir hatten natürlich für alle lebenslänglich beantragt. Aber das damalige Schwurgericht - drei Richter, sechs Geschworene - hat sich auf das reine Schuldstrafrecht beschränkt. Es ging also, grob formuliert, um die Frage: Was hat der getan? Kann man das beweisen? Wenn man es beweisen kann, wird er bestraft. Wenn nicht, wird er freigesprochen. Aber wir waren froh, dass endlich ein Urteil da war, das dann im Frühjahr 1969 vom Bundesgerichtshof bestätigt wurde.

Die Argumentation der Staatsanwaltschaft ging aber schon dahin, dass Auschwitz eine einheitliche Mordmaschine war - so lautete wohl der Begriff - und dass nach dieser Auffassung also jeder, der dort tätig war, ein Mörder war.

Wiese:Dem ist leider das Schwurgericht nicht gefolgt und auch der Bundesgerichtshof nicht. Es dauerte bis 2005, bis die Schwurgerichtskammer beim Landgericht München II im Fall Demjanjuk in diese Richtung gegangen ist.

Sie waren Ihrer Zeit also deutlich voraus.

Wiese:Tja. Aber was nützt es. Der BGH hat diese Rechtsprechung erst 2016 bestätigt. Da war es viel zu spät.

Wie reagierte die Öffentlichkeit Mitte der 60er Jahre auf den Auschwitz-Prozess?

Wiese:Interesse war da. Die Zuhörerbänke waren an jedem Sitzungstag voll besetzt, zum Teil mit Schulklassen, aber auch mit anderen Interessierten. Wenn ich heute meine Vorträge halte, werde ich manchmal darauf angesprochen: Ich war als Schüler auch da, heißt es dann.

Tatsächlich?

Wiese:Ja, ja doch. Frau Wieczorek-Zeul, die frühere Ministerin, zum Beispiel. "Endlich lerne ich Sie mal kennen", hat sie bei einer Veranstaltung in Wiesbaden mal zu mir gesagt. Sie sei auch als Zuhörerin bei dem Prozess gewesen.

Welche historische Bedeutung messen Sie dem Prozess bei?

Wiese:Es war der erste große Prozess gegen KZ-Angehörige vor einem deutschen Gericht. Es liefen natürlich auch andere Verfahren. Aber vom Umfang her war es mit Abstand das größte in der Geschichte der deutschen Nachkriegsjustiz.

Wollte Fritz Bauer nicht nur ein Urteil erreichen, sondern auch Bewusstsein bilden?

Wiese:Er wollte beides verbinden. Er war mit dem Ergebnis nicht einverstanden. Aber er war sehr zufrieden, dass das Urteil rechtskräftig war und dass niemand mehr die Verbrechen von Auschwitz leugnen konnte. Dass es törichte Menschen gibt, die glauben, das heute immer noch sagen zu müssen... Nun ja. Die Dummen werden halt nicht alle.

In Deutschland steigt die Zahl rechter Gewalttaten. Bereitet Ihnen das Sorge?

Wiese:Mich persönlich treibt es nicht um. Dafür bin ich viel zu alt. Aber ich mache mir schon Gedanken um die nachfolgende Generation. Irgendwie muss man das in den Griff kriegen. Wenn ich in der FAZ lese: Kabinett beschließt, strenger gegen Rechtsextreme vorzugehen... Ja, was sollen denn Beschlüsse? Umsetzen muss man sie. Man sollte die Leute nicht isolieren. Man muss auf sie zugehen, sie herauslösen und mit ihnen diskutieren.

Hat der Auschwitz-Prozess Ihr Leben geprägt?

Wiese:Er begleitet mich bis heute. Das hätte ich, als ich 1962 dazu kam, mit keinem Gedanken erahnen können.

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