Auch Gießen war im Visier der RAF-Terroristen

Lich (gl). Nach 26 Jahren in Haft ist seit Freitag der RAF-Terrorist Christian Klar wieder auf freiem Fuß. Für Kurt Maier, der von 1975 bis 1985 Leiter der Abteilung Staatsschutz im Gießener Polizeipräsidium war, ein großer Fehler.

Lich (gl). Nach 26 Jahren in Haft ist seit Freitag der RAF-Terrorist Christian Klar wieder auf freiem Fuß. Für Kurt Maier, der von 1975 bis 1985 Leiter der Abteilung Staatsschutz im Gießener Polizeipräsidium war, ein großer Fehler. »Klar wurde zu meinem Entsetzen entlassen« kommentierte Maier an diesem Tag im Licher Kino Traumstern diesen Vorgang, als er vor 200 Schülern und Lehrern der Gießener Max-Weber-Schule als Zeitzeuge vom »Deutschen Herbst« berichtete. Klar seien immerhin neun Morde nachgewiesen worden, betonte der mittlerweile pensionierte Polizist. Der Terrorist habe kein Wort des Bedauerns für die Opfer gehabt und gegenüber der Polizei immer nur geblockt.

Der Terror der Rote Armee Fraktion lässt den ehemaligen Staatsschützer und Polizeipressesprecher auch heute, 30 Jahre danach, nicht kalt. So wollte er sich auch nicht zumuten, mit den Schülern gemeinsam im »Traumstern« den Film »Der Baader-Meinhof-Komplex« anzuschauen. Der Film hatte im Sommer dieses Jahres die Geschichte der RAF, basierend auf dem gleichnamigen Buch von Stefan Aust, auf die Leinwand gebracht. »Ich sage zu dem Film nichts, weil ich ihn nicht gesehen habe, und ich werde ihn auch nicht sehen. Ich bin zu nahe an der Realität, würde mich zu sehr aufregen«, berichtete Maier in der anschließenden Diskussionsrunde.

Autor Stefan Aust habe aber in seinem »Spiegel-Kuckucksheim« auf keinen Fall solch intensive Eindrücke vom damaligen Terror gehabt wie die Polizisten und mit diesen zu Recherchezwecken auch kaum gesprochen, kritisierte Maier, der sich noch gut an seine eigene Gefühlslage von damals erinnert, als er sich nur mit einer Waffe ausgerüstet auf den Weg nach Hause machte und immer Ausschau nach möglichen Verfolgern hielt.

Anschlag auf US-Nachrichtenbüro in Gießen

Der Terrorismus der RAF bedrohte nicht nur die Menschen in den Großstädten, auch Gießen war laut Maier »mitten dabei«. So wurde 1975 nach der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz in einer Telefonzelle in Gießen eines der ersten Bekennerschreiben gefunden. Ein Anschlag auf ein Tanklager im US-Depot bei Rödgen schlug nur fehl, weil der Tank fast leer und der Sprengsatz zu weit oben angebracht war. Ziel eines Anschlags war auch ein in das Depot einfahrender Güterzug, der allerdings nicht, wie von der RAF vermutet, mit Munition, sondern mit Lebensmitteln und Whiskey beladen war. Mit Schrauben und Nägeln ausgestattete Bomben fanden sich in Zivilfahrzeugen in der US-Housing-Area und auch das in der Bevölkerung unbekannte US-Nachrichtenbüro im Aulweg war Ziel eines Anschlags der Linksextremen.

Bundesweit Schlagzeilen machte der Staatsschutz auch, als in einem Erddepot im Frankfurter Wald ein Lager der RAF gefunden wurde, in dem sich auch Unterlagen zum so genannten »big raushole«, also einem Plan zur Befreiung von Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Ulrike Meinhof aus dem Gefängnis in Stammheim befanden. Auf einer der Landkarten war auch Gießen eingezeichnet, wo ein US-Gebäude gesprengt werden sollte. Erst im Nachhinein habe man, so Maier, davon erfahren, dass sich auch der Eingangs erwähnte Christian Klar und die Terroristin Brigitte Mohnhaupt in dieser Zeit in Gießen aufgehalten haben müssen. Und im Langgönser Gemeindebüro schließlich wurden zum Jahreswechsel 1975/76 bei einem Einbruch Blankoformulare für Pässe, Stempel und Siegel gestohlen, die später bei Verhaftungen von Terroristen sichergestellt wurden.

Direkt dabei war Maier, als am 30. November 1976 auf der Autobahn nahe Butzbach Spezialeinheiten der Autobahnpolizei und Streifen des Gießener Polizeipräsidiums den Anwalt und RAF-Komplizen Siegfried Haag - Deckname »Egon« und in den Anschlag auf die Botschaft in Stockholm verstrickt - sowie seinen Begleiter Roland Mayer festnahmen. Obwohl beide mit Pistole, Maschinengewehr und Sprengsatz schwer bewaffnet waren, kam es zu keiner Schießerei. Haag, der sich bei seiner Verhaftung mit einer Perücke maskiert hatte, wurde der Prozess gemacht. In der Haft sagte er sich los von der RAF und arbeitet heute als Rechtsanwalt - für Kurt Maier eine offenbar nur schwer zu begreifende Biografie. Doch nach seiner Darstellung kein Einzelfall: Die ehemaligen Terroristen, mit denen er zu tun gehabt habe, hätten sich heute wieder in ihren Positionen gefangen - als Rechtsanwalt, Freischaffende, Schauspieler und mehr. »Not leidend ist keiner geworden«, berichtete Kurt Maier, der auch das vom damaligen Göttinger Studenten und heutigen Grünen-Frontmann Jürgen Trittin verfasste AStA-Flugblatt zitierte, in dem nach einem RAF-Anschlag von »klammheimlicher Freude« die Rede gewesen sei. Und auch an den Universitäten, damals ein »fast geschlossener Kreis«, habe der ein oder andere »seinen Vogel frei ausführen« können, kommentierte Maier.

So sei der Staatsschutz schon irritiert gewesen, als an der Gießener Universität Broschüren mit Bauplänen von Mannschaftswagen und Informationen zum Sprengstoffeinsatz verteilt worden seien, ohne dass jemand dies gemeldet habe.

Maier bemühte sich, den Schülern Einblick in die damalige Stimmungslage in der Republik zu vermitteln, wobei er nicht verhehlte, dass die Polizei durchaus auch Fehler gemacht habe - etwa mit dem rigorosen Eingreifen während der Demonstration gegen den Schah-Besuch. »Aber ich wende mich streng dagegen, dass die Polizei der Anlass war«, betonte Maier, der auch Ulrike Meinhoff zitierte, die Polizisten quasi zum Abschuss freigegeben hatte.

»Unmenschlicher Terrorismus«

Dass die Polizei auch heute noch ein Imageproblem hat, wurde auch in der anschließenden Diskussion deutlich. Trotz Filmvorführung mit Überlänge und letztem Schultag vor den Ferien zeigten sich die unter anderem von dem Politiklehrer Matthias Pfarschner und Deutschlehrerin Claudia Fournier begleiteten Schüler der Fachoberschulklassen 11 und 12 sowie Fachschüler äußerst interessiert.

Wie die Zusammenarbeit mit anderen Geheimdiensten gelaufen sei, was mit Polizisten geschehe, die mit ihrer Dienstwaffe einen Menschen getötet haben, und was der Unterschied zwischen dem RAF-Terrorismus und dem aktuellen Terrorismus sei, wollten die Schüler wissen. »Beide sind unmenschlich«, brachte Maier Letzteres auf den Punkt, auch wenn man »das mit der RAF heute vielleicht etwas lockerer und verklärter sieht«. Heute sei die Lage jedoch noch bedrohlicher, weil nicht mehr nur gegen Repräsentanten des Staates vorgegangen werde, sondern oftmals das Ziel sei, möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen. »Wir haben da in Deutschland bislang Riesenglück gehabt«, gab Maier den Schülern als Denkanstoß mit auf den Weg.

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