Anzeige gegen Unbekannt bleibt ohne Folgen

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Lich(us). Der Verdacht wiegt schwer: Wurden am Höhlerberg zwischen Lich, Pohlheim und Fernwald Greifvogelhorste mutwillig zerstört? Ist das geschehen, weil dort Windräder gebaut werden sollen? Der NABU-Kreisverband Gießen hegt diese Befürchtung und hat sie im Oktober in einer Pressemitteilung publik gemacht. Man habe Anzeige bei den Naturschutzbehörden gegen Unbekannt erstattet, teilte der NABU mit.

Doch die Untere Naturschutzbehörde beim Landkreis Gießen, die die Informationen überprüft hat, sieht aktuell keine Veranlassung, einzugreifen. "Der UNB liegen keine Hinweise auf ein rechtswidriges Handeln vor, daher wurde die Angelegenheit bislang nicht an die Staatsanwaltschaft abgegeben", teilte die Pressestelle des Landkreises auf Anfrage mit.

Die Gemengelage ist einigermaßen verzwickt, nicht zuletzt, weil sich die Angaben zur genauen Zahl der Horste widersprechen.

Der NABU verweist in seiner Pressemitteilung vom Oktober auf Horstkartierungen, die Mitglieder im Winter 2017 mit GPS-Vermessungen vorgenommen haben. Dabei seien am Höhlerberg sechs Horste im Ein-Kilometer-Radius um die geplanten Windkraftanlagen festgestellt worden. Bei späteren Kontrollen hätten drei gefehlt.

Die Ehrenamtlichen vom NABU waren nicht die einzigen, die die Fläche untersuchten. Im Zuge des beim Gießener Regierungspräsidium laufenden Genehmigungsverfahrens für die Windräder waren auch Mitarbeiter eines Gutachterbüros auf dem Gelände unterwegs. Der NABU hat die Unterlagen eingesehen und festgestellt, dass die Experten 2015 acht Greifvogelhorste im Radius von einem Kilometer um die bisher geplanten zwei Windräder fanden und weitere drei knapp außerhalb. So jedenfalls steht es in der NABU-Pressemitteilung. Nur ein einziger Horst sei sowohl vom NABU als auch von den Gutachtern gefunden worden.

Widersprüchliche Zahlen

Der NABU geht also von ursprünglich insgesamt 16 Greifvogel-Horsten aus. Drei hat der Verband selbst bei der Oberen Naturschutzbehörde als verschwunden gemeldet. Die Gutachter ihrerseits hätten bei Kontrollen 2018 zehn Horste vermisst. Alles in allem, so lautet die Berechnung des NABU, wären also 13 Greifvogelhorste verschwunden.

Das Regierungspräsidium nennt andere Zahlen. Die Gutachter hätten 2015 acht Horste innerhalb des Ein-Kilometer-Radius festgestellt, teilt die Pressestelle auf Nachfrage mit. Durch "eine ehrenamtlich tätige Person" seien der Oberen Naturschutzbehörde zudem drei Horste außerhalb des Ein-Kilometer-Radius um den geplanten Windrad-Standort gemeldet worden.

Zum Verschwinden der Horste äußert sich das Regierungspräsidium nicht näher. Nur soviel: Man sei von jener ehrenamtlichen Person erstmals im Juli 2018 über den Sachverhalt in Kenntnis gesetzt worden und habe ihn zur Klärung an die laut Gesetz zuständige Untere Naturschutzbehörde weitergeleitet.

Und die wurde tätig. Man habe drei Standorte überprüft, teilte die UNB auf Nachfrage mit. Nämlich jene, die der NABU bei der ONB als verschwunden gemeldet hat: zwei Buchen mit jeweils einem Mäusebussard-Horst sowie eine Lärche mit dem Horst einer unbekannten Art. Auch eine Begehung mit den zuständigen Revierförstern habe stattgefunden. Dabei habe man ganz in der Nähe des ersten Standorts eine als Horstbaum gekennzeichnete Buche gefunden und ansonsten keine Hinweise auf rechtswidriges Verhalten feststellen können.

Die Bestandsaufnahme zum ersten Baum kann der NABU nachvollziehen. Bei den beiden anderen Standorten aber bleibt der Vorstand bei seiner Einschätzung: "Die Bäume mit den Horsten sind weg."

Vorerst ungeklärt bleibt das Rätsel um die anderen zehn Horstbäumen, deren Fehlen der NABU in seiner Pressemitteilung vom Oktober beklagt hat. Die Untere Naturschutzbehörde äußert sich dazu nicht und bittet vielmehr darum, den NABU direkt zu fragen. Doch der Vorstand hält sich bedeckt. Man verfolge das Thema intern weiter, wolle sich jedoch öffentlich nicht dazu äußern.

Beifall von ungebetener Seite

Dafür gibt es eine Erklärung: Der NABU hat Beifall von ungebetener Seite bekommen. Im November hat die AfD den Befund der Naturschützer in einer Broschüre aufgegriffen und für eine generelle Breitseite gegen Windenergie genutzt. Der Verband hat sich auf seiner Homepage davon ausdrücklich distanziert. "Der NABU ist überparteilich!" Ja, man habe auf die Zerstörung mehrerer Greifvogelhorste aufmerksam gemacht. "Die Interpretation der AfD ist jedoch nicht in unserem Sinne."

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