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Wollie Kaiser, Julien Blondel, Joe Bonica, Manfred Becker.

Angenehme Grenzüberschreitungen

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Lich (usw). Ein hochrangiges Konzert gab am Freitag das Manfred-Becker-Ensemble in der ehemaligen Bezalel-Synagoge. Das Quartett lieferte mit Beckers "Berlin Firmament" einen klanglich beispielhaft vielseitigen, inhaltlich ungewöhnlich originellen und von größter Spielfreude geprägten Auftritt im grundsätzlich kammerspielhaften Format. Gelegentlich wuchs alles zu orchestraler Größe und auch sonst wurden reichlich Grenzen überschritten: aufs Angenehmste allerdings.

Mit der Besetzung Manfred Becker (Akkordeon, Komposition), Wollie Kaiser (Bassklarinette, Kontrabassklarinette, Bassflöte), Julien Blondel (Cello) und Joe Bonica (Perkussion) war praktisch alles denkbar. Das Ensemble hatte eine echte Stille im Saal eintreten lassen und begann dann, in die leere Akustik hinein zu musizieren - ein toller Weg, das Publikum in der Stille zu sich und zur Musik finden zu lassen. "Wie sich Töne in genau diesem Raum begegnen, war das Thema", sagte Becker. Weiter mit filigranen Elementen vom Akkordeon in einer zarten Interaktion mit der Bassflöte, während Bonica mit dem Streicherbogen zart an ein paar Becken sägte. Dann eine schnelle Vorgabe vom Akkordeon, ein schöner Groove entstand, und dann war schon wieder Schluss. Das gab sofort großen Beifall.

Bonica spielte erstmalig ohne Snare Drum, Hihat und Bassdrum: Ein klanglicher oder musikalischer Verlust war für den Zuhörer nicht auszumachen, zumal Bonica eine Unzahl an klanglich vielfarbigen Perkussionsinstrumenten verwandte. Eine verblüffende Vielseitigkeit am Instrument bewies auch Julien Blondel, der mühelos von intellektuellen Beiträgen zu einer fließenden Basslinie wechselte oder traumhaft sicher in Flageolettklängen auf den Soundgrenzen seines Instruments wandelte. Genau wie Kaiser, dem als Freejazz-Veteranen keine klangliche Übertretung fremd ist, setzte er diese enorme Bandbreite unfehlbar werkdienlich und nie eigennützig um. Kaiser wiederum erschloss mit den hohen Lagen seiner Instrumente selten gehörte Klanghorizonte und vertrat zugleich eine ungenierte Emotionalität; höchst angenehm.

Das titelgebende fünfsätzige Hauptwerk des Abends eröffnete den zweiten Set. Schon zuvor hatten Becker und Kaiser gemeinsame tragende Linien gefunden, die mit ungewohnten und frappierend passenden Tönen kongenial die Stücke mitprägten; zeitweise mit elegantem Umeinanderschlängeln.

Hier konnten sich die Stärken des Ensembles ganz entfalten: Erst ganz feine, leise Elemente und ein einzeltönerisches Miteinander der Instrumente, um dann zu einer gemeinsamen melodischen Basis zu finden. Ein toller Abend, fanden die am Ende sehr lange und intensiv applaudierenden Zu- hörer.

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