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Amerika nicht isoliert sehen

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Von: Franz Ewert

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Seit über drei Jahrzehnten ist Klaus-Dieter Frankenberger Mitglied der politischen Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) mit den Schwerpunkten USA und Internationale Politik. Seit 2001 leitet er das Ressort Außenpolitik. In seiner Arbeit hat er viele US-Präsidenten in ihren Stärken und Schwächen erlebt. Und aktuell mit Donald Trump wohl den skurrilsten. Frankenberger war Gast der Auftaktveranstaltung des Wirtschaftsclubs Gießen und wurde von Club-Präsidentin und IHK-Vizepräsidentin Dr. Angelika Schlaefke in der Alten Klostermühle in Arnsburg begrüßt, ebenso 40 Mitglieder des Wirtschaftsclubs. »Wir sehen Trump und sind verwirrt«, gestand Schlaefke.

Seit über drei Jahrzehnten ist Klaus-Dieter Frankenberger Mitglied der politischen Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) mit den Schwerpunkten USA und Internationale Politik. Seit 2001 leitet er das Ressort Außenpolitik. In seiner Arbeit hat er viele US-Präsidenten in ihren Stärken und Schwächen erlebt. Und aktuell mit Donald Trump wohl den skurrilsten. Frankenberger war Gast der Auftaktveranstaltung des Wirtschaftsclubs Gießen und wurde von Club-Präsidentin und IHK-Vizepräsidentin Dr. Angelika Schlaefke in der Alten Klostermühle in Arnsburg begrüßt, ebenso 40 Mitglieder des Wirtschaftsclubs. »Wir sehen Trump und sind verwirrt«, gestand Schlaefke.

»Der Umstürzler im Weißen Haus – ein Jahr Donald Trump« lautete das Vortragsthema des Experten aus Frankfurt, das Einblicke eines sachkundigen Beobachters bot. Frankenberger präsentierte eine Analyse aus einer bewusst neutralen Position heraus, ohne erhobenen Zeigefinger – und schon gar nicht mit verurteilender Attitüde. Wohl aber gespickt mit wertenden Einschätzungen.

Bei allem Missfallen oder auch Gefallen an den Entwicklungen jenseits des Atlantik sollte Amerika nicht isoliert gesehen werden. »Alles geht auch uns in Europa und Deutschland an.« Man solle die Dinge betrachten und bewerten, wie sie sind, und nicht, wie man sie gerne hätte.

Als Populist sei es Trump in einem »ungeheuren Vorgang« gelungen, 63 Millionen in großen Teilen unzufriedene, sich abgehängt und ungerecht behandelt fühlende amerikanische Wähler an sich zu binden. Nach einem Jahr im Amt müsse von Trump als dem unberechenbarsten und unkonventionellsten amerikanischen Präsidenten gesprochen werden, von dem aber unklar sei, ob und wenn ja, welches Weltbild er habe.

Frankenberger verwies auf das Chaos im Weißen Haus in den ersten Regierungsmonaten, die hohe Fluktuationsrate des Führungspersonals und die Daueragitation gegen die Medien als vermeintliche Hauptgegner. Dabei bediene er sich der Sprache eines Radikalen. Die meisten seiner Ankündigungen sind gescheitert. Die Flüchtlingsdekrete wurden gerichtlich verworfen, die Ablösung von »Obama Care« endete im Fiasko, der Mauerbau zu Mexiko stehe in den Sternen – und werde von der US-Wirtschaft auch nicht gewünscht.

In der Wirtschaft sei vom »Trump-Schock« nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil. Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman-Brothers ist derzeit wieder von einem amerikanischen Wirtschaftswunder die Rede, die Arbeitskräfte würden gar knapp. Richtig erfolgreich ist laut Frankenberger die Steuerreform, die Aussicht auf deren Auswirkungen beflügelten Unternehmen wie Verbraucher.

In der Außen- und Sicherheitspolitik gebe es bei Trump keine klare Linie. Die Beziehungen zu Europa und Deutschland wiederum sind getrübt, seit Trump die Nato für überholt erklärt hat und ihm ein Auseinanderfallen der EU egal sei.

Fazit: Trotz wirtschaftlicher Blüte ist die Spaltung der US-Gesellschaft nach einem Jahr Trump tiefer und erbitterter geworden, weil seine Wählerschaft – nicht an der Ost- und Westküste, aber dazwischen – weiter zu ihm hält. »Dennoch brauchen Europa und Deutschland dieses große Land« – trotz des derzeitigen »Zirkus Trump in Washington«. Aber, so Frankenberger, Vorsicht mit möglicher Schadenfreude, denn: »Auch in Berlin haben wir Zirkus.«

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