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Die Fahrbahn der alten B 457 dient zwischen Lich und Albach als Radweg, Zudem gelangt man so zum Waldschwimmbad und zum Albacher Hof.

Vergessene Orte

25 Tote in 30 Jahren allein in Steinbach: B457 war früher eine Todesstrecke

  • vonPatrick Dehnhardt
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Vor 40 Jahren wurde die Licher Umgehungsstraße eingeweiht, ein Jahr später die von Steinbach. Seitdem schlummern im Wald beim Albacher Hof drei Kilometer ehemalige Straße.

Sonnenstrahlen fallen zwischen den kahlen Bäumen hindurch auf den kalten Asphalt. Schnaufend nähert sich ein Jogger, sein Atem erzeugt kleine Dampfwolken in der Luft. Auf Ideallinie läuft er durch die Kurve hindurch, grüßt dabei einen Radler, der ihm entgegenkommt. Die alte B457 ist bei Hobbysportlern als Trainingsstrecke beliebt: Wo gibt es sonst eine rund drei Kilometer lange und bald sechs Meter breite asphaltierte Strecke, auf der man trainieren kann, ohne ständig Autos ausweichen zu müssen?

Der Straßenabschnitt zwischen Lich und Albach ist eine der letzten Spuren des alten Straßenverlauf der B457. Was heute friedlich wirkt, war damals eine Todesstrecke. 1978 berichtete diese Zeitung, dass allein in Steinbach auf dem Abschnitt zwischen dem Steinbruch und der Kläranlage in 30 Jahren 25 Menschen zu Tode kamen.

Ein besonders schwerer Unfall ereignete sich am 26. September 1978. Ein Militärlaster war damals in der Ortsdurchfahrt in ein entgegenkommendes Auto geprallt, hatte dieses gegen die Wand des Hauses in der Hauptstraße 3 gedrückt und zermalmt. Die beiden Insassinnen des Pkw - 12 und 47 Jahre alt - waren sofort tot.

Der Anhänger des Lasters kippte um, 2000 Liter Benzin liefen aus, teilweise in die Kanalisation. Als sich der Treibstoff entzündete, flogen Kanaldeckel teils 400 Meter weit. Auf 200 Metern stand die Hauptstraße in Flammen, mehrere Häuser wurden schwer beschädigt.

Hermann Pein aus Lich kann sich an diesen Tag noch gut erinnern. Er war zu dieser Zeit Leiter des Hauptsachgebiets Verkehrspolizei, wurde zum Unglücksort alarmiert. »Es war erstmal Chaos«, erinnert er sich. »Man versucht zu helfen, wo es geht.« Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst waren im Großeinsatz.

Ein anderes Mal war ein Feuerwehrauto auf Einsatzfahrt in ein Haus geprallt, da die Bremsen in der Ortsdurchfahrt versagt hatten. Besonders ist Pein ein Kollege in Erinnerung geblieben, der zu einem Unfall auf Höhe des Albacher Hofs gerufen wurde und dort seine Tochter schwerverletzt vorfand. Zwar sei man als Polizist für die Arbeit an Unfallorten ausgebildet, habe jahrelange Erfahrung in diesem Bereich, aber solche Einsätze seien dann eine besondere Herausforderung.

Die B457 war für die Polizei über Jahrzehnte hinweg ein Dauerthema. Von Gießen aus ging es zunächst zweispurig hinauf nach Steinbach. Am steilen Berg kamen die Lkw nur schleppend voran - und auch die Polizei hatte mit der Steigung zu kämpfen: »Wenn wir mit unserem Unfall-Aufnahme-Bus den Berg hochfahren mussten, ging das nur im zweiten Gang mit Vollgas. Wir haben uns für unser Blaulicht geschämt, weil uns andere Pkw überholt haben.«

In Steinbach ging es mit Gefälle in den Ort hinein - ein Unfallschwerpunkt. Auch auf der kurvenreichen Strecke zwischen Steinbach und Lich kam es immer wieder zu schweren Unfällen.

In Lich war die Altstadt ein Nadelöhr. »Der gesamte Schwerverkehr quälte sich um die Doppelkurve beim ›Steinmetz‹« erinnert sich Pein. »In einem Fachwerkhaus in der Braugasse stand auch schon mal ein Panzer. Es musste abgerissen werden.«

Vor dem Bau des Gießener Rings und der A45 war die B457 bei Gießen die kürzeste Verbindung zwischen B3 und der Autobahn. Die Verkehrszahlen waren dadurch recht hoch. Seit den 1950ern wurde in Steinbach für eine Umgehungsstraße gekämpft.

Auch in Lich gab es viele Befürworter, den Verkehr aus der Stadt herauszuholen. Einige Geschäftsleute befürchteten jedoch Einnahmenverluste, wenn die Kunden nicht mehr bis direkt vor den Laden fahren könnten.

1962 begann beim Hessischen Straßenbauamt die Planungen für die Trasse. In einem »großen Wurf« sollten beide Orte gleichzeitig eine Umgehung erhalten. Im Dezember 1972 veröffentlichte die »Allgemeine« die Pläne der neuen Trasse. Für den Bau wurden 32 Millionen DM veranschlagt.

Bei Lich wurde die Trasse später praktisch so wie in den ersten Plänen vorgesehen gebaut. Bürgermeister Konrad Hannes (†) setzte sich jedoch dafür ein, dass der Damm des Rückhaltebeckens der Wetter und der Straßendamm zu einem Bauwerk vereint wurden. »Sonst hätten wir da zwei Dämme direkt nebeneinander gehabt«, sagte er in einem Rückblick vor einigen Jahren.

Hermann Pein erinnert sich, dass einige Licher zunächst einen Ausbau der Bundesstraße auf ihrer alten Route durchs Albachtal befürwortet hatten. Jedoch hätte dann eine riesige Talbrücke errichtet werden müssen, der Albacher Hof und das Waldschwimmbad ihre Zufahrt verloren. Zudem hätte die B457 für zwei Jahre gesperrt werden müssen. »Die Diskussionen waren schnell vorbei.«

In Steinbach wurde hingegen noch lange weiter diskutiert: Rund ein Dutzend Bürger aus der Bergstraße und dem Klosterweg klagten gegen den Bau der Umgehungsstraße, erwirkten einen Baustopp. Bürgermeister Dieter Howe kritisierte 1978, dass diesen bereits bei der Zuteilung der Bauplätze bekannt gewesen sein, dass eine Ortsumgehung geplant sei. »Zusätzlich sei man durch verschiedene Maßnahmen wie Verringerung von vier auf zwei Spuren und Errichtung eines Lärmschutzwalles den Anliegern entgegengekommen«, schrieb diese Zeitung damals.Letztlich wurden die Klagen abgewiesen.

Jedoch sorgten die Verzögerungen dafür, dass die Licher bereits im Dezember 1981 ihre Umgehungsstraße in Betrieb nahmen - in Steinbach dauerte es ein Jahr länger, bis die komplette Strecke nutzbar war. Mit dem Neubau der B457 habe sich zwar einiges verbessert, sagt Pein. »Es bleibt aber eine gefährliche Strecke.«

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