Ein Bild der Verwüstung: die Unfallstelle nach den verheerenden Kollisionen im September 2019.
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Ein Bild der Verwüstung: die Unfallstelle nach den verheerenden Kollisionen im September 2019.

B457

Nach Unfall mit Toten und Verletzten bei Lich: „Schuldangemessenes“ Urteil gegen Fahrer gefallen

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Im Prozess um einen schweren Unfall mit zwei Todesopfern auf der B 457 bei Lich ist nun das Urteil gefallen: Der Unfallfahrer muss unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in Haft.

Gießen/Lich – »Sie haben schwere Schuld auf sich geladen«, wandte sich der vorsitzende Richter Dr. Dietrich Claus Becker an den Angeklagten. Es handle sich um einen Fall »bei dem wir ehrlicherweise zugeben müssen, dass das Strafrecht hier an Grenzen stößt«. So kam nach zwei Verhandlungstagen ein Urteil zustande, das mancher als milde empfinden mag, aber laut Becker trotzdem »im besten Sinne tat- und schuldangemessen« ist: Das Gericht verurteilte den 41-jährigen Gießener am Montagnachmittag zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten wegen - jeweils fahrlässiger - Tötung, Körperverletzung und Straßenverkehrsgefährdung sowie wegen Fahrens ohne Führerschein. Der Mann bleibt in Haft und darf außerdem für fünf Jahre keine Fahrerlaubnis erwerben. Verteidigung und Staatsanwaltschaft verzichteten auf Rechtsmittel, das Urteil ist damit rechtskräftig.

Wie schwer die Schuld des Angeklagten wiegt, war schon beim Prozessauftakt deutlich geworden. Eindrücklich berichteten Zeugen, wie der zweifache Vater Ende September 2019 einen verheerenden Unfall auf der B 457 nahe Lich verursacht hatte: Er war plötzlich auf die Gegenspur gefahren. Ein junger Mann aus Reichelsheim versuchte noch auszuweichen. Die Pkw kollidierten seitlich, der Wagen des Reichelsheimers landete kopfüber im Straßengraben. Dann kollidierte der Unfallfahrer frontal mit einem VW Polo, darin saßen eine 49-Jährige und ihr 82-jähriger Vater. Ein hinter ihnen fahrender Mann konnte den nächsten Aufprall nicht mehr verhindern, sein Auto schob sich teils unter den Polo. Vater und Tochter starben infolge des Unfalls, die beiden anderen Beteiligten sowie der Angeklagte erlitten schwere Verletzungen.

Gießener Gericht fällt Urteil nach tödlichem Unfall auf B457 bei Lich

Der »relativ milde Strafrahmen« stehe »in großem Gegensatz zu den Folgen, die Sie verursacht haben«, sagte der Richter in der Urteilsbegründung. »Niemand unterstellt Ihnen Vorsatz«, so Becker weiter. Doch nach der Beweisaufnahme bestand schlicht kein Zweifel, dass der Angeklagte allein den Unfall verursacht hat. Neben den Zeugen hatte dies der Unfallsachverständige bestätigt.

Laut gerichtsmedizinischer Gutachterin stand der Fahrer zum Zeitpunkt des Unfalls unter dem Einfluss von Methadon und Cannabis. »Sie waren kein Mensch mehr, der ein Fahrzeug führen durfte«, so der Richter. Der Angeklagte habe keine Kontrolle mehr gehabt. Den Unfallopfern, die »zur falschen Zeit am falschen Tag am falschen Ort« waren, sei »faktisch ein Auto ohne Insasse« entgegengekommen.

Doch auch ohne Drogenkonsum hätte der 41-Jährige nicht fahren dürfen: Er sei noch nie im Besitz eines Führerscheins gewesen, hieß es am zweiten Prozesstag, der im externen Sitzungssaal im Stolzenmorgen in Gießen stattfand. 1998 hatte der Angeklagte versucht, eine Fahrerlaubnis zu erwerben - vergeblich.

Lich: Unfallfahrer war auf Bewährung

Auch die recht lange Liste von Vorstrafen war am Montag Thema: Der Unfallfahrer wurde unter anderem wegen Diebstahls und Rauschgiftdelikten verurteilt, aber auch schon mehrfach wegen Fahrens ohne Führeschein. Auch durch mehrfache Fahrerflucht ist der Mann schon aufgefallen, hatte dafür bereits eine »Fahrerlaubnissperre« kassiert.

Zum Zeitpunkt des Unfalls verbüßte der Angeklagte eine Bewährungsstrafe und muss nun mit dem Widerruf der Bewährung rechnen. Zurzeit sitzt er in Haft, weil er eine Geldstrafe nicht bedienen konnte. Laut dem vorsitzenden Richter könnte es womöglich drei oder vier Jahre dauern, bis der 41-Jährige wieder frei kommt.

Positiv wertete das Gericht, dass der Mann schon zu Beginn der Hauptverhandlung über seinen Verteidiger Carsten Marx die Vorwürfe der Anklage eingeräumt hatte. Außerdem sprach Marx den überlebenden Unfallopfern Entschuldigungen im Namen seines Mandanten aus. Man könne das Geschehene kaum in angemessene Worte fassen, so Richter Becker. Gleichwohl habe das Gericht diese Geste zur Kenntnis genommen. Vor Gericht saß der 41-Jährige meist fast regungslos und mit gesenktem Kopf.

Tödlicher Unfall bei Lich hatte schwere Folgen

Staatsanwalt Benedikt Zdziarstek hatte in seinem Plädoyer an die schweren Verletzungen der Unfallopfer und die beiden Verstorbenen erinnert, aber auch an die anhaltenden psychischen Folgen, die schwer auf den Überlebenden lasten. Der Drogenkonsum sei lediglich strafmildernd zu werten, nicht aber als verminderte Schuldfähigkeit. Nur in diesem Punkt war Verteidiger Marx anderer Meinung - und schloss sich im Ergebnis dem Antrag der Staatsanwaltschaft an: zwei Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe.

Ob es dem Angeklagten einmal möglich sein werde, einen neuen Weg einzuschlagen, sei fraglich, so Richter Becker an die Adresse des 41-Jährigen. »Es ist Ihre Entscheidung.«

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