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Liberale Basisarbeit

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Von: Ursula Sommerlad

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Dennis Pucher, Nathalie Burg und Hermann Otto Solms blättern in alten Unterlagen. Dass die ersten Jahrzehnte der Licher FDP lückenlos dokumentiert sind, ist Paul und Ingeborg Berger zu verdanken. Die Eheleute, die beide nicht mehr leben, haben Zeitungsartikel, Broschüren und Kandidatenlisten akribisch gesammelt. © Ursula Sommerlad

Als »Kraftzentrum« beschreibt Hermann Otto Solms die Licher FDP. Mitglieder des Ortsverbands, der vor 50 Jahren gegründet wurde, haben der Politik in Stadt, Land und Bund ihren Stempel aufgedrückt. Manche Probleme aber sind bis heute nicht gelöst.

Nathalie Burg blättert durch die Archivordner und lacht. »Die Themen kommen alle, alle wieder.« Die Entlastung der Innenstadt vom Verkehr zum Beispiel war schon vor einem halben Jahrhundert ein heißes Eisen. Damals war die Vorsitzende des FDP-Ortsverbands noch gar nicht geboren und ihre Partei eine frische Kraft in der Licher Politik. Jetzt soll das 50. Jubiläum gefeiert werden.

Von den fünf Gründern, die den Ortsverband am 28. Juli 1972 im Schlosscafé aus der Taufe hoben, lebt noch einer. Hermann Otto Solms war damals Doktorand an der Gießener Universität und gerade ein Jahr zuvor in die FDP eingetreten. Dass er die Partei über Jahrzehnte in vielen Funktionen mitprägen würde, ahnte damals niemand. Auch er selbst nicht. »Ich wollte nie Politiker werden«, sagt er. Aber er war voller Tatendrang und in seiner Partei, die seit 1969 in Bonn mit Willy Brandts SPD koalierte, rumorte es.

»Die Mehrheit der FDP-Wähler wollte diese Koalition nicht«, erinnert er sich. »Es gab auch eine Gegenbewegung. Junge, fortschrittliche Leute, die die politische Erneuerung und nicht zuletzt die Ostpolitik unterstützen wollten.« Solms war einer von ihnen. Doch mit Blick auf künftige Wahlchancen brauchte die Partei eine breitere Basis. Der Licher Ortsverband war nicht der einzige, der in jener Zeit gegründet wurde. Aber ein besonders erfolgreicher. »Ein Kraftzentrum«, wie Solms das nennt. Seit 1972 sind die Licher Liberalen ununterbrochen in der Stadtverordnetenversammlung vertreten. Vier Sitze waren das höchste der Gefühle; momentan sind es drei. Mit Solms stellten sie 40 Jahre einen Abgeordneten im Bundestag. Auch im Landesverband mischen mehrere Licher an führender Stelle mit, ebenso im Kreisverband, den Dennis Pucher führt.

Wenn Pucher und Burg von ihrem Weg in die Politik erzählen, hört man ähnliche Geschichten. Beide fühlten sich vom lebhaften Diskurs in der FDP angesprochen. Pucher geriet eines Tages im Frankfurter Hof an den Liberalen Stammtisch und kam immer wieder, Burg, die als Studentin im Schluckspecht kellnerte, machte ebenfalls lange Ohren, wenn sie den FDP-Leuten ihr Bier brachte. »Es war immer interessant, da zuzuhören.«

Diese Form der politischen Sozialisation hat Folgen. »Wir pflegen ein sehr enges Verhältnis zu den Mitgliedern«, sagt Burg. Der regelmäßige Stammtisch spiele weiter eine wichtige Rolle. Pucher, der als Kreisvorsitzender viel rumkommt, hat dabei eine Licher Besonderheit ausgemacht. In anderen Ortsverbänden werde meistens über die große Politik geredet. »Hier haben wir es geschafft, ein lebhaftes Interesse auch für die Kommunalpolitik zu wecken.« Solms erinnert in diesem Zusammenhang an seinen 2015 verstorbenen Bruder Philipp, der 17 Jahre lang FDP-Fraktionschef im Stadtparlament und außerdem Vorsitzender der Flurbereinigung war: »Ein leidenschaftlicher Kommunalpolitiker.« Solms erzählt, dass Lich vor 50 Jahren ein anderer Ort war. »Ärmlich und eng.« An zentralen Weichenstellungen wie dem Bau der Umgehungsstraße und der Altstadtsanierung habe die FDP in den folgenden Jahren und Jahrzehnten mitgewirkt. »Die Stadt war noch nie in einem so guten Zustand wie jetzt«, lobt der Parteigründer.

Burg und Pucher, die beide im Stadtparlament sitzen, sehen sich aber auch mit den Schattenseiten des Booms konfrontiert. Die Infrastruktur hat mit dem Wachstum nicht Schritt gehalten. »Verglichen mit anderen sind das fast Luxusprobleme, aber die Leute erwarten mit Recht, dass wir sie lösen«, findet Pucher, der die Fraktion führt. Die Ortsverbandsvorsitzende ist 36, der Kreisvorsitzende 42 und Solms, der Ehrenvorsitzende der Bundes-FDP, 81 Jahre alt. Wenn man die drei nach ihren politischen Grundüberzeugungen fragt, fallen stets ähnliche Begriffe. Freiheit. Eigenverantwortung. Die Triebfeder, etwas aus eigener Kraft schaffen zu wollen. Das sei typisch FDP.

Alle drei sind überzeugt, dass diese Haltung in Lich Spuren hinterlassen hat. »Das bürgerschaftliche Engagement ist hier sehr ausgeprägt«, sagt Pucher. »Bei vielen Projekten waren FDP-Leute führend.« Solms’ Schwester Dorothea Razumovsky, die, obwohl parteilos, viele Jahre lang die FDP-Fraktion im Stadtparlament führte, gab die Anregung zum Internationalen Garten. Stadtrat Franz-Gerd Richarz trieb die Sanierung des Stadtturms voran. Andreas Becker und Andrea Kaup gehörten zu den Initiatoren von Waldkindergarten und Hallenbadverein. Auf Eigeninitiative setzt die FDP auch bei einem aktuellen Schwerpunkt, der Belebung der Innenstadt. »Alle müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen«, findet Pucher.

Was die Entwicklung des Ortsverbands angeht, sind die drei Liberalen zuversichtlich. Es sei stets gelungen, junge Leute mit Potenzial zu fördern, sagt Solms. Nathalie Burg freut sich über steigende Mitgliederzahlen. Das Ziel seien »50 zum 50.« gewesen. »Es sind jetzt 51.« Der Blick richtet sich dabei auch auf die Stadtteile. »Wir waren immer ein bisschen kernstadtlastig«, merkt Pucher selbstkritisch an. Das ließe sich auch an den Wahlergebnissen ablesen. Deshalb setzt die FDP auf mehr Präsenz in der Breite. Pucher ist überzeugt: »Wenn die Leute da sind, werden die Stimmen folgen.«

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