Blick in die Gaststube der "Schönen Aussicht" in Allertshausen. Rechts die Wirtsleute Antonio und Ellen Mendes-Teixeira (sitzend). FOTOS: TB
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Blick in die Gaststube der "Schönen Aussicht" in Allertshausen. Rechts die Wirtsleute Antonio und Ellen Mendes-Teixeira (sitzend). FOTOS: TB

Auf ein letztes Bier bei "Hormis"

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Eine alte Familientradition, gepflegt seit vier (!) Generationen. Seit 141 Jahren geöffnet, sechs Tage die Woche, meistens bis in die späte Nacht - vermutlich. Ganz sicher aber: ungezählte schöne Abende in geselliger Runde. All das steht für die Gastwirtschaft "Zur schönen Aussicht" in Allertshausen. Genauer "stand", denn auch in diesem Dorf gibt es schon bald keine Kneipe mehr.

Wenn er doch nur erzählen könnte: In der Ecke der "Schönen Aussicht" steht er. Hat sich nie beschwert. Obgleich er so manchen Faustschlag abbekommen hat - bestenfalls aus Freude eines Skatspielers über einen Grand Hand Ouvert. Doch auch von so manchem harten Schicksal musste er erfahren. Der Stammtisch in der Ecke der Allertshäuser Wirtschaft hat schon die Eröffnung 1878 erlebt und wird in drei Tagen auch mitansehen müssen, wie der Zapfhahn endgültig abgedreht wird. Für eines der ältesten Gasthäuser der Region ist dann Ultimo. Die Wirtsleute Ellen und Antonio Mendes-Teixeira gehen in den verdienten Ruhestand.

So war es damals Usus auf dem Dorf: Mitte des 19. Jahrhunderts betrieben Heinrich und Anna Hormann eine kleine Landwirtschaft. Anno 1878, auch das nichts Ungewöhnliches, schufen sie sich ein zweites Standbein, eröffneten in der Straße "Am Steinberg" eine Wirtschaft. Die führten Sohn Wilhelm Hormann und Gattin Margarete fort. In der dritten Generation übernahmen Heinrich und Ursel Hormann, bevor ab 1989 Antonio Mendes-Teixeira und seine Frau Ellen, geb. Hormann die Geschäfte führten.

Neben der "Schönen Aussicht" steht noch heute die alte Scheune - davor befand sich dereinst "die Miste", wie der Oberhesse den Ort nennt, wo das landet, was bei den Kühen hinten rauskommt - und manchmal auch ein totes Huhn.

Bis in die 1960er wurde bei "Hormis", wie die Kneipe noch heute im Dorf heißt, auch Kirmes gefeiert. In der Scheune, auf dem Hof, in der Wirtschaft. Und wo sonst die "Miste" war, schwangen Jung und Alt das Tanzbein. War die Kirmes gehalten, tat sich Seltsames am "Steinberg": Kinder robbten über die Erde und suchten etwas. Die Erklärung: Manchem Galan hüpfte beim wilden Tanz der eine oder andere Groschen aus der Tasche, der darauf zwischen den Holzdielen des Tanzbodens verschwand.

"Ich hab das als Kind auch gemacht, das Geld saß damals locker", schmunzelt Ellen Mendes-Teixeira an einem der letzten Abende in ihrer Gaststätte. Kein Wunder, schließlich hatte sie als Töchterchen der Wirtsleute "Heimrecht".

Bis zum 30. Dezember 1989 führten ihre Eltern Regie. Sie hatten lange zuvor schon die Gaststube erweitert und einen Saal angebaut, wo so manche Hochzeit, die Fastnacht und manches Vereinsjubiläen gefeiert worden war. An jenem vorletzten Tag des deutschen "Wende-Jahres" dann übergaben Heinrich und Ursel die Schlüssel an Tochter und Schwiegersohn.

Ellen und Antonio führten also die Familientradition fort. Der Ehemann, aus Portugal eingewandert, schuftete tagsüber bei Didier, später in einer Lackiererei und stand am Abend noch hinter der Theke. Ellen kümmerte sich um den Haushalt, die beiden Kinder und half ebenfalls in der Wirtschaft.

"Hähnchen wie in Portugal"

Nächste Woche aber, auf den Tag genau nach 30 Jahren, ist Schluss. Heißt es "Ein letztes Bier bei Hormis". Antonio wird bald 70, Ellen ist 64 - Zeit, sich zur verdienten Ruhe zu setzen.

Eine Nachfolge gibt es nicht, also endet diese 141-jährige Gastwirts-Tradition, reiht sich Allertshausen ein in den wachsenden Kreis jener Dörfer, in denen es keine Kneipe mehr gibt.

"Die jungen Leute gehen heute nicht mehr so oft in die Wirtschaft", sagt Ellen. Und Ehemann Antonio ergänzt, dass früher auch die "Schöne Aussicht" das Vereinslokal der Fußballer und oft die Hütte voll war. "Auch wenn sie verloren hatten." Mit den Spielgemeinschaften aber brach auch dieses Standbein weg.

Antonio kommt nun auf die weithin berühmten Grillfeste zu sprechen, die oftmals über 100 Gäste lockten. Serviert wurden ganz besondere Hähnchen, verwendete er doch Gewürze aus seiner alten Heimat Portugal. "Der Duft verbreitete sich übers ganze Dorf, noch spätabends kam der eine oder andere vorbei", erzählt ein Stammgast. "Sehr schade, dass wir unseren Treffpunkt verlieren."

Das Ende der "Aussicht" ist nicht nur für die Allertshäuser ein herber Verlust. Sondern auch für die Nachbardörfer, wo es längst keine Wirtschaft mehr gibt. Das bestätigen Gerd und Heinz Launspach aus Geilshausen. "Wir sind den ganzen Tag allein, da fällt einem die Decke auf den Kopf." Also schauen die Brüder seit Jahren schon vorbei. Der eine trinkt seinen Kaffee, der andere ein Bierchen, und beide erfreuen sich der Geselligkeit sowie der Neuigkeiten aus dem Dorfgeschehen. "Oder dem gemeinsamen Mitfiebern bei der ›Sportschau‹", schaltet sich Udo Möller ein. Der Stammtisch in der Ecke vernimmt auch das - kommentarlos, wie seit 141 Jahren. Oder war da eben doch ein leiser, verschämter Seufzer zu hören?

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