Dank extra langer Öffnungszeiten konnte Melitta Sauer noch vielen Kunden vor dem Weihnachtsfest die Haare schneiden. FOTO: AGE
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Dank extra langer Öffnungszeiten konnte Melitta Sauer noch vielen Kunden vor dem Weihnachtsfest die Haare schneiden. FOTO: AGE

Lockdown

Letzter Haarschnitt in Langgöns

  • Alexander Geck
    vonAlexander Geck
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Nun hat es auch die Friseure wieder erwischt, ab heute sind die Salons dicht. Manch einer wie Melitta Sauer hat versucht, mit kreativen Öffnungszeiten dem Ansturm der vergangenen beiden Tage Herr zu werden.

Die Flasche Prosecco auf dem Tisch im Friseursalon von Melitta Sauer in Langgöns sagt viel aus, über Szenen, die sich in den vergangenen beiden Tagen in den hiesigen Salons abgespielt haben. Eine Kundin hatte sie mitgebracht, sie war einfach nur überglücklich und unendlich dankbar, doch noch einen Termin ergattert zu haben - vor Weihnachten, und vor dem Lockdown.

Ab heute nämlich müssen alle Friseursalons wieder schließen. Seit diese Nachricht aus Berlin am Sonntag die Runde machte, "stand das Telefon nicht mehr still", erzählt Sauer. Jeder wollte noch schnell einen Termin, oder den bereits vereinbarten vorziehen. Morgens um sechs, abends um 19 Uhr? Kein Problem, Hauptsache noch schnell zum Friseur. Vielen ist noch allzu gut in Erinnerung, was der erste Lockdown mit sich brachte. Manch einer griff gar selbst zu Schere und Colorierung. Die Fachkräfte hatten im Anschluss ordentlich zu tun, das eine oder andere Malheur wieder gerade zu biegen.

Für Sauer war jedenfalls recht schnell klar: Damit noch möglichst viele ihrer Stammkunden den Weihnachtshaarschnitt bekommen können, ließ sie ihren traditionellen montäglichen Ruhetag kurzerhand sausen. Und nicht nur das. An den vergangenen beiden Tagen öffnete sie ihren Ein-Frau-Betrieb schon morgens um 6 Uhr und schloss erst kurz vor Beginn der Ausgangssperre.

Die Kunden wissen das Engagement zu schätzen, die Prosecco-Flasche ist nur ein stummer Zeuge dafür. "Über einige Tage könnte man sich frisurtechnisch ja behelfen. Aber nicht über einen längeren Zeitraum", freut sich etwa Anne Hartmann, doch noch auf Frau Sauers Stuhl Platz nehmen zu können. Seit mehr als fünf Jahren kommt sie eigens aus Wetzlar nach Langgöns. Die rigiden Schließungen seien schlimm für die kleinen Betriebe, sagt Hartmann noch. Aber die jetzigen Maßnahmen müssten wohl sein, um von den hohen Infektionszahlen herunterzukommen.

Dass nun erst einmal Schluss ist, sei für sie auch mit finanziellen Belastungen verbunden, sagt Sauer. Aber auch viele Kunden litten, wenn sie nun ohne Friseurbesuch auskommen müssen. "So ein traditioneller Weihnachtshaarschnitt gehört gerade bei den Älteren einfach dazu."

Auf dem Stuhl sitzt mittlerweile eine 81 Jahre alte Frau. Sie kennt "ihre Melitta" von Kindesbeinen an. Und seit über 40 Jahren, seit Sauer also Friseurin ist, hat sie keinen anderen Salon betreten. "Ich war noch nirgends sonst." Sauer sei mehr als nur ihre Friseurin, sie ist auch eine Vertraute. Und die verspricht mit einem Augenzwinkern, ihr diesmal die Haare diesmal besonders schön zu machen.

Doch alle Kunden bekam auch Sauer in der Kürze der Zeit nicht mehr unter. Und die "Überbrückungshilfen", wie sie sie nennt, sind begrenzt: Tipps zum Schneiden könne man nicht geben, sagt Sauer. Doch um Ansätze nachzufärben, biete sie Farben an. Trotz oder gerade angesichts der trüben Aussichten richtet sie, wie ihre Kunden, den Blick nach vorn. Termine nach dem 10. Januar sind schon vereinbart.

Minus 30 Prozent

Körpernahe Dienstleistungen, die nicht medizinisch notwendig sind, dürfen von heute an laut einem Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz nicht mehr stattfinden. Damit gehen dem Friseurhandwerk die umsatzstärksten Tage verloren. Für das gesamte Jahr 2020 rechnet der Zentralverband mit einem Minus von rund 30 Prozent.

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