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Eine Butterdose besitzt Gudrun Schulz-Jakob noch, allerdings zum Eigengebrauch. Zahlreiche Stücke wurden in den vergangenen 40 Jahren zum Beispiel auch nach Japan und Afrika verkauft.

Das letzte Butterdöschen

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Mehr als 40 Jahre hat Gudrun Schulz-Jakob in einem historischen Fachwerkhaus in Langgöns die Limestöpferei betrieben. Ihre Butterdosen stehen in diesem Moment auf Hunderten Esstischen im Kreis Gießen, selbst nach Japan und Afrika wurden ihre Arbeiten verschickt. Inzwischen ist Schulz-Jakob 84 Jahre alt - und hat das letzte Butterdöschen verkauft.

Gudrun Schulz-Jakob öffnet eine Packung Butter, schneidet sie in Stücke und streicht sie in einen Deckel aus Keramik. "Butter ist das natürlichste und gesündeste Fett", sagt die 84 Jahre alte Frau. Sie winkt ab. "Margarine - das ist doch nur ein Gemisch." Dann füllt sie einen kleinen tönernen Topf mit Wasser und stülpt den mit Butter gefüllten Keramikdeckel darüber. "Durch die Wasserverdunstung bleibt die Butter kühl und streichzart", sagt die Langgönserin. "In den Kühlschrank muss sie nicht."

Das Butterdöschen und den Deckel hat Schulz-Jakob selbst aus Ton geformt - in ihrer Limestöpferei, die sie 1977 in Lang-Göns in einem historischen Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert ins Leben gerufen und wo sie vier Jahrzehnte lang einen Laden geführt hat. Ihre Butterdöschen dürften in diesem Moment auf Hunderten Esstischen und in Küchen im Kreis Gießen stehen. Schulz-Jakob hat ihre Keramikarbeiten auch auf zahlreichen Weihnachtsmärkten verkauft.

Seit zwei Jahren allerdings tritt Schulz-Jakob kürzer. Hinter dem Schaufenster stehen noch Töpfe und Vasen in dunklen, warmen Farben und winzige Mäuse und Schildkröten aus Keramik - allesamt hergestellt von der Langgönserin. Es sind Restbestände, die Schulz-Jakob noch verkauft. Wer sich für eines der Werke interessiert, muss bei ihr klingeln. Geöffnet ist der Laden nicht mehr. Nach einer Nachfolge der Limestöpferei sieht es derzeit nicht aus. Die Butterdöschen sind bereits vergriffen. Ein letztes hat die 84-Jährige noch in ihrer Küche, allerdings für den Eigengebrauch.

Lange Jahre hat sie noch auf Bestellung Tonarbeiten hergestellt, auch damit ist inzwischen Schluss. "Ich habe ein biblisches Alter erreicht", sagt sie. "Ich bin nur noch die graue Eminenz. Andere sitzen mit 84 im Seniorenheim."

Schulz-Jakob hat auf einem Sessel in ihrem Wohnzimmer Platz genommen und nippt an einem Tee. Aus einer Tasse, die sie selbst angefertigt hat, versteht sich. Im Hintergrund pfeift ihr Papagei Sammy. "Ton ist ein gutes Material, um mit dem Leben zurechtzukommen", sagt sie.

1977 zog Schulz-Jakob aus Gießen nach Langgöns und gründete mit ihrem Mann die Limestöpferei. Jedes Keramikstück wurde selbst getöpfert, sie übernahmen außerdem die Vermarktung selbst. Auf Weihnachtsmärkten bot sie zum Probieren auch Kuchen an, den sie zuvor in den jeweiligen Formen gebacken hatte, die Backrezepte legte sie bei. Hin und wieder bekomme sie erzählt, dass Familien noch heute mithilfe ihrer Rezepte backen: "Das begeistert mich."

Ihre Butterdöschen wurden auch nach Japan und Afrika verschickt. Ein Kunde, so erzählt sie, habe die Butterdose bei ihr entdeckt und ermöglicht, die Arbeiten in großer Zahl in alle Welt zu bringen. Er habe viele internationale Kontakte gehabt. "Er hat außerdem einen speziellen Karton konzipiert, damit die Keramiken heil angekommen sind."

Einmal sei ein Paar in ihren Laden gekommen, das auf einem Urlaub in Afrika eine dieser Butterdosen in einem Hotel gesehen habe. Sie dachten, es handle sich um ein regionales afrikanisches Produkt und suchten erfolglos nach einem Laden, um es zu kaufen. Eines Tages aber standen sie in Langgöns vor der Limestöpferei und entdeckten die Butterdöschen. Schulz-Jakob lacht auf. "Da hätten sie den Umweg über Afrika nicht machen müssen."

Sie blicke auf ein turbulentes Leben zurück, sagt die 84-Jährige. Geboren und aufgewachsen ist sie in Dresden, als Neunjährige hat sie 1945 die Bombardierung der Stadt überlebt. Nun richtet sie sich in ihrem Ruhestand ein. Die Arbeit mit Ton helfe dabei, Emotionen zu verarbeiten, wenn man beispielsweise den Ton klopfen muss. Vor allem aber gestalte man und sehe gleich ein Ergebnis. Sie fügt hinzu: "Ich hätte mein Leben nicht überstanden, wenn ich den Ton nicht gehabt hätte."

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