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Die Lehrer Dieter Bachmann (l.) und Önder Cavdar stellen sich der Publikumsdiskussion im Kino Traumstern.

Lernen fürs Leben

  • VonSascha Jouini
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Drei Jahre brauchte es, bis die Dokumentation »Herr Bachmann und seine Klasse« fertig war. Dafür gab’s nun den Deutschen Filmpreis - und punktgenau eine Matinee in Lich.

Erst am Freitag wurde die Dokumentation »Herr Bachmann und seine Klasse« mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Darin porträtiert Filmemacherin Maria Speth Lehrer Dieter Bachmann und seine Sechstklässler an der Georg-Büchner-Schule Stadtallendorf. Am Sonntag präsentierte der Protagonist gemeinsam mit seinem Kollegen Önder Cavdar den Film im Kino Traumstern und stellte sich Fragen des Publikums.

Unmittelbar ins Auge fällt, welch große Nähe Kameramann Reinhold Vorschneider zu dem Lehrer und seinen Schülern aufbaut. So gewinnt man im Laufe der gut dreieinhalbstündigen Dokumentation ein genaues Bild der Kinder mit all ihren Sehnsüchten, Sorgen und Stimmungslagen. Wie entspannt die Schüler vor der Kamera agieren, sei darauf zurückzuführen, dass das Team bereits ein halbes Jahr vor Drehbeginn in der Klasse gewesen sei, merkte Bachmann, der mittlerweile im Ruhestand ist, in Lich an.

Anzumerken ist auch die Freude des Lehrers darüber, wie intensiv sich seine Schüler entfalten. Er lässt ihnen Freiräume, Dingen wie Jonglieren oder Breakdance nachzugehen und entdeckt musikalische Talente. Vor allem aber interessiert er sich für den familiären Hintergrund der Kinder und fördert den sozialen Zusammenhalt.

Die Schule als Sozialisationsort

Wie auch seine Kollegen Önder Cavdar und Aynur Bal thematisiert Bachmann Migration im Unterricht; viele Schüler haben ausländische Wurzeln und stammen etwa aus Bulgarien, der Türkei, Russland oder Nordafrika. Auf sensible Weise spricht Bachmann beispielsweise muslimische Mädchen auf ihren Brauch an, Kopftücher zu tragen.

Der Gesamtschullehrer zeigte sich stolz darüber, wie gut sich seine ehemaligen Schüler in den letzten Jahren entwickelt hätten. Nachhaltig prägt sich ein, wie er im Unterricht Rücksicht nimmt auf Sprachdefizite oder familiäre Probleme. Sein einstiger Referendar Cavdar sagte dazu: »Unsere Aufgabe ist es, Kindern, die keine Stimme haben, eine Stimme zu geben.« Bei allem Ehrgeiz, den Schülern Dinge fürs Leben zu vermitteln - es gibt eigens das Fach »Soziales Lernen« -, sind sich beide Lehrer gleichwohl der Unabdingbarkeit zentraler Aspekte des Lehrplans bewusst.

Bachmann begreift Schule als wichtigen Sozialisationsort, an dem vieles beigebracht werden könne, das man in keiner Familie lerne. Bei allen Freiräumen müssen sich die Kinder auch bei ihm an Regeln halten und Konflikte auf erwachsene Weise auszutragen lernen.

Vor diesem Hintergrund lobte eine Zuschauerin die politische Botschaft des Films, wie wichtig der pädagogische Bezug sei in einer Sphäre, in der die Ökonomisierung und Digitalisierung der Schule immer größeren Stellenwert erhalte.

So äußert Bachmann am Ende des Schuljahres weitsichtig: »Die Zeugnisse sind nur Momentaufnahmen«; viel bedeutsamer, wie die Kinder als Menschen seien.

Bachmann erweist sich als spontaner, humorvoller Lehrer, der seine Schüler als Persönlichkeiten schätzt. Schüchterne Kinder tauen auf, latent aggressive werden gebändigt. Die Doku habe magische Szenen, resümierte Bachmann gegenüber dem Publikum, die einen durch den Film tragen. Dazu zählen für ihn die Äußerungen eines ausgeglichenen Mädchens, das glaubt, im Leben keine Beziehung zu haben und viel arbeiten zu werden.

Die Dokumentation »Herr Bachmann und seine Klasse« (217 Min.) läuft am kommenden Mittwoch um 19 Uhr abermals im Kino Traumstern; weitere Vorstellungen sind dort für November geplant.

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