Früh am Morgen, ehe die ersten Kinder kommen, bereitet Erzieherin Alisa Viehmann die Spielsachen für die Krippengruppe vor. Womit sie spielen, entscheiden die Kleinen dann eigenständig. FOTO: US
+
Früh am Morgen, ehe die ersten Kinder kommen, bereitet Erzieherin Alisa Viehmann die Spielsachen für die Krippengruppe vor. Womit sie spielen, entscheiden die Kleinen dann eigenständig. FOTO: US

IN LICH

Lernen im eigenen Tempo

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
    schließen

Jedes Kind hat ein eigenes Entwicklungs- und Lerntempo: Davon war Emmi Pikler überzeugt. Die Kinderärztin aus Budapest hat eine Pädagogik für Kleinkinder entwickelt, die auf Achtsamkeit und Selbstwirksamkeit beruht. Die Krippengruppen der neuen Asklepios-Kita in Lich arbeiten nach diesem Konzept.

Die Arbeit beginnt für Vanessa Wilhelm und ihre Kollegin Alisa Viehmann, wenn die Kinder noch gar nicht da sind. Dann bereiten die beiden Erzieherinnen an der Asklepios-Kindertagesstätte in Lich Spielinseln für ihre Krippengruppe vor. Klötzchen, Körbe, Tücher, Schüsseln, Holzringe oder die bei allen so beliebten kleinen Autos werden ansprechend im Raum verteilt. Mit was sie hinterher spielen, entscheiden die Kinder ganz eigenständig. Und die Erzieherinnen mischen sich möglichst nicht ein, sondern bleiben auf dem Beobachterposten. Sie arbeiten nach der Pikler-Pädagogik, benannt nach der Budapester Kinderärztin Emmi Pikler (1902- 1984), die sie entwickelt hat.

"Lasst mir Zeit" heißt eines ihrer Bücher, und der Titel beschreibt die Grundidee ihres Konzepts ziemlich gut: Die Kinder sollen sich in ihrem individuellen Tempo im Einklang mit ihrem Körper entwickeln. Oder, wie es Sabine Hilcken, die die Asklepios-Kita und das angegliederte Familienzentrum leitet, plastisch ausdrückt: "Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht."

Hilcken hat die Pikler-Grundausbildung absolviert, an ihrer alten Wirkungsstätte in Münzenberg schon nach dieser Methode gearbeitet und das Konzept nun nach Lich mitgebracht. In Frankfurt oder im Taunus sei die Pikler-Pädagogik weit verbreitet, erzählt sie. Hier in der Region aber eher weniger.

Hilcken ist von dem Konzept überzeugt: "Es ist faszinierend zu sehen, wie harmonisch sich die Kinder entwickeln, wenn sie ihren eigenen Impulsen folgen." Als sie die Konzeption für die neue Kita entwickelte, hat sie die Pikler-Pädagogik mit aufgenommen.

Emmi Pikler, selbst Mutter dreier Kinder, hat viele Jahre als Kinderärztin gearbeitet und nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als 30 Jahre lang das Lóczy geleitet, ein Säuglingsheim in Budapest. Ihre Pädagogik basiert auf der Idee, dass Kinder alle Entwicklungsschritte von alleine vollziehen, sofern sie ein liebevolles, achtsames und anregendes Umfeld vorfinden. Dazu gehört auch intensive Kommunikation. "Man bespricht alles mit dem Kind", sagt Hilcken. Man nehme es beispielsweise nicht mal schnell hoch. "Man sagt: Ich nehme jetzt deine Hand und wir gehen dorthin."

Die Ausstattung der Asklepios-Kita ist auf die Pikler-Pädagogik ausgerichtet. Podeste oder kleine Holzrampen zum Beispiel sollen die motorische Entwicklung fördern. Allerdings: Die für Pikler typischen Raumteiler, halbhohe, stabile Gestelle, wurden noch nicht geliefert. Sie erinnern ein bisschen an die Laufställchen von früher, haben damit aber nichts zu tun. "Es geht darum, den Kindern einen eigenen, geschützten Bereich zu schaffen", erläutert die Kita-Leiterin. Die Raumteiler helfen aber beispielsweise auch beim Laufen lernen. "Wenn ein Kind so weit ist, wird es sich daran hochziehen und sich am Geländer entlangtasten", erläutert Hilcken. "Es erfährt sich selbst, ohne dass ein Erwachsener permanent sagen muss: ›Pass auf!‹" Ein Kind an die Hand zu nehmen, es zum Laufen zu animieren und möglicherweise einen Misserfolg zu riskieren - laut Pikler ist das der falsche Weg.

Das Zutrauen in die Selbstwirksamkeit der Kinder fordert auch den Erzieherinnen ein anderes Handeln ab. "Wir gehen nicht dauernd in Spielkontakt", erläutert Vanessa Wilhelm. Im Vordergrund stehe stattdessen die Beobachtung. "Was ist der Entwicklungsstand dieses Kindes? Wo will es hin? Was braucht es jetzt? Das sind die Fragen, die wir uns stellen."

Im Alltag einer Krippengruppe zieht dieser sehr kindzentrierte Ansatz Veränderungen nach sich. Die Kinder essen oder schlafen nicht alle gleichzeitig. "Sie können sich aussuchen, wann sie es brauchen", sagt Wilhelm. Sie hat die Pikler-Pädagogik schon in ihrer Ausbildung kennengelernt, sich seit Januar intensiv theoretisch damit beschäftigt und gibt freimütig zu, dass sie sich manches Mal gefragt hat: "Wie soll das gehen?" Nach zwei Monaten Praxis weiß sie: "Wir kriegen das hin." Sie lächelt. "Ich finde die Arbeit toll."

Der Verein "Wege der Entfaltung" bietet einen Grundkurs für die Pikler®-Ausbildung an. Die erste Unterrichtseinheit findet vom 5. bis 7. November statt. Es folgen bis Juli 2022 weitere sieben Seminare. Zielgruppe sind pädagogische, psychologische, therapeutische und medizinische Fachleute für das Säuglings- und Kleinkindalter. "Wir lernen einerseits, dem Kind das zu geben, was es braucht, und andererseits, es selbst tun und erfahren zu lassen, was es auch sich heraus kann", heißt es in der Beschreibung.

Informationen zu den Kursinhalten unter www.we-ev.de.

Kontakt: shilcken@lich.deoder kontakt@we-ev.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare