Ihren Pulli füllt Nicole Schneider bei weitem nicht mehr aus. 43 Kilo hat sie seit der Magenverkleinerung abgenommen.
+
Ihren Pulli füllt Nicole Schneider bei weitem nicht mehr aus. 43 Kilo hat sie seit der Magenverkleinerung abgenommen.

Adipositas-Chirurgie

Leichter durchs Leben dank Magenverkleinerung in Lich: So geht es den Operierten ein Jahr nach der OP

  • Lena Karber
    vonLena Karber
    schließen

Vor etwas mehr als einem Jahr wurden Burkhard Klose und Nicole Schneider als erste Patienten an der neu eingerichteten Sektion für Adipositaschirurgie in Lich operiert. Zusammengerechnet über 100 Kilo haben sie seit der Magenverkleinerung abgenommen.

Viele Menschen kaufen bewusst zu groß geschnittene Kleidung, weil das modern ist. Doch bei Nicole Schneider und ihrem Oberteil war das anders. »Dieser Pulli hat mir mal gepasst«, sagt die 39-Jährige und zieht an den Rändern des Kleidungsstücks, um zu zeigen, wie viel Platz es bietet. Noch vor einem Jahr brauchte sie diesen: 129 Kilo wog sie damals. Nun entspricht das Kleidungsstück eher dem bliebten »Oversized-Look«. Die Besitzerin strahlt. »Hier in Deutschland muss niemand krankhaft dick sein«, sagt sie. »Man kann sich Hilfe holen.«

Im Mai 2020 gehörte Schneider zu den ersten beiden Patienten, die an der neu eingerichteten Sektion für Apiposidaschirurgie der Asklepios-Klinik in Lich operiert wurden und einen Magenbypass bekamen - eine Form der Magenverkleinerung. Dabei wird der Magen durchtrennt und das obere Ende direkt an den Dünndarm angeschlossen, um die Nahrungsaufnahme zu verringern und deren Verwertung zu beeinflussen.

In Betracht kommt eine solche Operation bei schwerer Adipositias. Neben dem Body-Mass-Index (BMI) spielen dabei auch gesundheitliche Begleiterscheinungen eine Rolle - etwa Blutdruckprobleme und Diabetes, wie in Schneiders Fall. »Ich wollte nicht mit 40 anfangen, Insulin zu spritzen«, sagt sie. »Das war alles kurz vor knapp, aber ich konnte noch die Notbremse ziehen.«

Adipositas-Chirurgie in Lich: 60 Kilo Gewichtsabnahme nach Magenverkleinerung

Ähnlich war es bei Burkhard Klose, der am gleichen Morgen operiert wurde. Er lag sogar an der unteren Grenze des für eine Finanzierung durch die Krankenkasse erforderlichen BMI, doch für ihn ging es auch darum, seine gesundheitlichen Probleme in den Griff zu bekommen. Zudem konnte er nachweisen, dass alle möglichen Diätformen erfolglos geblieben waren - zumindest auf lange Sicht. Zuletzt brachte er bei einer Körpergröße von knapp 1,90 Meter 145 Kilo auf die Waage. Erst nach der Operation gelang ihm mit großer Disziplin der Durchbruch.

Inzwischen hat Klose so viel abgenommen, dass er selbst dann noch im grünen Bereich liegen würde, wenn er zehn Prozent des verlorenen Gewichts wieder zunehmen würde, wie es laut einer Faustregel zu erwarten ist. »Es geht jetzt alles viel leichter - und zwar um 60 Kilo leichter«, schwärmt der 54-Jährige über seine neu gewonnene Energie. »Nur meiner Familie geht das manchmal auf den Wecker«, fügt er an und lacht.

Seit der Magenbypass-Operation vor gut einem Jahr hat Burkhard Klose 60 Kilo verloren und eine Menge Holz klein gemacht.

Kloses Portionsgrößen haben sich durch die Operation grundlegend verändert. Nach einem halben Brötchen mit Frischkäse sei sein Magen voll, erzählt er - und zwar nach der unteren Hälfte. Sich den Bauch vollschlagen? Kommt nicht in Frage. »Wenn ich bis an die Grenze esse, wird der Magen wieder geweitet«, sagt der 54-Jährige, der neben viel Bewegung beim Holz machen, walken, Gassi gehen oder Fahrrad fahren auf regelmäßige und gesunde Mahlzeiten achtet. Auch Fleisch ist von seinem Speiseplan verschwunden, allerdings nicht vorsätzlich. Er mag es nicht mehr.

Ungewöhnlich sind Veränderungen des Geruchs- und Geschmackssinns nach der Operation nicht. Das hat auch Schneider erfahren: Für sie war es zeitweise sogar ein Problem, ein Spiegelei für ihre Tochter zu braten oder Fleisch zu riechen. Inzwischen geht bei der einstigen Fischlieberin aber alles wieder - außer Fisch.

Magenverkleinerung in Lich: Patienten bereuen die Operation nicht

Ursprünglich wollte Schneider mindestens 29 Kilo abnehmen, um wieder auf 100 Kilo zu kommen - das Gewicht, das sie vor ihrer Schwangerschaft hatte und das sie als ihr »Wohlfühlgewicht« bezeichnet. Doch inzwischen hat sich ihre Selbstwahrnehmung verändert. Kürzlich habe sie ein Foto von sich gesehen, das kurz vor der Operation aufgenommen wurde, erzählt sie. Obwohl ihr bewusst gewesen sei, dass sie dick war, sei das »ein echter Schock« gewesen. »So habe ich mich nie wahrgenommen.«

Die körperliche Veränderung spürt die 39-Jährige deutlich- Vom aktiv sein mit ihrer Tochter bis zur Wohnungsrenovierung - alles fällt ihr leichter. Obwohl sie bereits 43 Kilo abgenommen hat, liebäugelt sie nun sogar damit, noch weitere zehn loszuwerden. Ihr neues Ziel: Hosengröße 40/42.

Die größte Herausforderung ist für Schneider dabei das unachtsame Essen im Alltag. Das hat sie in den vergangenen Wochen der Vorbereitung auf ihre Friseur-Prüfung nur zu deutlich gemerkt. Trotzdem ist sie vom Erfolg der Operation begeistert und entschlossen, nach dem Stress wieder regelmäßiger zu essen. Angst, erneut stark zuzunehmen, habe sie nicht, sagt Schneider. »Es geht ja gar nicht mehr so viel rein.«

Auch Klose bereut seine Entscheidung keinesfalls - höchstens, dass er sie nicht früher getroffen hat. Seine Ziele hat der 54-Jährige längst erreicht, zumindest auf der Waage. Denn eigentlich wollte er beim Unterschreiten der 100 Kilogramm einen Segelflug und bei weniger als 90 Kilogramm einen Tandemsprung machen. Das Ticket für den Flug hat er bereits zum Geburtstag bekommen und auch gesprungen wäre er wohl schon längst, hätte Corona ihn nicht ausgebremst.

Adipositaschirurgie in Lich: Informationen von Dr. med. Jens Albrecht

  • Seit Mai 2020 leitet Dr. med. Jens U. Albrecht die neu geschaffene Sektion für Adipositaschirurgie der Asklepios-Klinik in Lich. Seitdem wurden dort knapp 140 Personen operiert.
  • Laut Albrecht verlieren die Patienten im Durchschnitt zwischen zwei Drittel und drei Viertel ihres Übergewichts. Zentraler Punkt der Operation sei eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität.
  • Bei Nicole Schneider kam es im Februar in Folge der Gewichtsabnahme zu einer Hernie: Der Darm war durch eine durch die Operation entstandene Lücke in der Bauchhöhle gerutscht, was operiert werden musste. »Im Allgemeinen wird ein Risiko von fünf Prozent dafür angenommen«, erklärt Albrecht.
  • Für Veränderungen des Geruchs- und Geschmackssinns in Folge der Operation hat man nach Wissen von Albrecht noch keine definitive Erklärung. »Eine mögliche Ursache sind veränderte Profile von Darmhormonen, die für die Kommunikation zwischen dem Verdauungstrakt und dem Hirn zuständig sind. Beim Menschen nennen wir diesen Effekt das ›I don’t enjoy burger anymore‹-Syndrom«, erklärt er. In den meisten Fällen handele es sich jedoch um eine vorübergehende Veränderung.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare