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Lebensrettende Zivilcourage

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Von: Stefan Schaal

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Eine 28 Jahre alte Frau beobachtet auf der Landstraße zwischen Treis und Mainzlar Ungewöhnliches: Auf der Gegenfahrbahn fällt eine Frau aus einem Wagen, das Auto braust davon. Ihr Ehemann soll versucht haben, sie mit einem Messer zu töten. Im Gerichtsprozess ist nun deutlich geworden, wie bemerkenswert die Hilfe der Zeugin war.

Es ist ein lauer Freitagabend im Juli vergangenen Jahres, als sich auf der Landstraße zwischen Treis und Mainzlar auf dramatische Weise das Leben zweier Frauen kreuzt.

Die eine ist in ihrem Auto unterwegs - bis ihr auf der Gegenfahrbahn etwas Ungewöhnliches auffällt und sie vom Gas geht. Die Beifahrertür eines dunkelgrünen BMW ist geöffnet, eine Frau fällt nach ihrer Beobachtung »wie in Embryonalstellung« aus dem Auto heraus. Diese steht kurz darauf wieder auf, überquert blutend und vor Schmerzen stöhnend die Straßenseite und steigt ins stehende Auto ein, während der BMW wegbraust. Ihr Mann habe sie »gemessert«, erzählt die schwer verletzte Frau in brüchigem Deutsch.

Ihr Ehemann muss sich seit Anfang März wegen versuchten Mords an seiner Partnerin vor der fünften großen Strafkammer des Gießener Landgerichts verantworten. Er soll sie am 9. Juli 2021 vergewaltigt und am selben Abend während einer Autofahrt geschlagen und mit den Worten »Ich töte dich« mehrfach mit einem Messer auf sie eingestochen haben, während die gemeinsamen Kinder mit im Wagen saßen. Danach soll er sich ins Ausland abgesetzt haben, er und seine Frau stammen aus dem Irak.

Am gestrigen zweiten Verhandlungstag sagte nun die 28 Jahre alte Zeugin aus, die das mutmaßliche Opfer in ihrem Auto aufgenommen hatte. Die Frau habe geblutet, aus dem Bauch habe der Darm »wie eine Blase« herausgequillt, erzählte sie. Sie habe sie nach dem Namen gefragt, um ihr die Angst zu nehmen. »Ich habe ihr Wasser gegeben, damit sie wach bleibt.« Dann habe sie die Notrufnummer gewählt und die Autotür von innen verriegelt.

Dass die 28 Jahre alte Frau anhielt und dem mutmatßlichen Opfer in ihrem Auto eine Zuflucht bot, war nicht nur ein bemerkenswerter Akt von Zivilcourage. Sie rettete der schwer verletzten Frau vermutlich auch das Leben.

Dabei, gestand die Zeugin vor Gericht, habe sie selbst angesichts der Situation große Angst verspürt. »Ich habe mich nicht getraut, mein Auto zu verlassen. Deshalb habe ich die Frau gebeten, zu mir einzusteigen.« Die Zeugin wurde später, als Notärzte und Polizei eingetroffen waren, aufgrund ihrer Aufgewühltheit und Aufregung ebenfalls ärztlich versorgt. Durch ihren mutigen Einsatz hatte sie möglicherweise den Angeklagten auch davon abgehalten, seiner aus dem Auto stürzenden Ehefrau nachzueilen und weiter auf sie einzustechen. Stattdessen war er weitergefahren.

Wie knapp die Frau dem Tod entronnen ist, machte am gestrigen Freitag eine rechtsmedizinische Gutachterin deutlich. Die Messerstiche drangen damals unter anderem in die Brusthöhle, verletzten eine Arterie, es kam zu inneren Blutungen im Brustkorb. »Wenn dort Druck entsteht, kollabiert die Lunge«, berichtete die Ärztin. »Die Frau hatte Atemprobleme.« Durch eindringende Luft würden Organe zur Seite gedrückt. »Das hätte zum Herzstillstand führen können.«

Eine schwere Stich- oder Schnittverletzung habe die Gutachterin zudem am Bauch der Patientin festgestellt. Auch angesichts des massiven Blutverlusts sei von einer »akut lebensbedrohlichen Situation« auszugehen. Die Frau musste damals am Gießener Uniklinikum notoperiert werden.

Der Angeklagte hatte am ersten Verhandlungstag über seinen Verteidiger Alexander Hauer erklären lassen, er habe aus Notwehr gehandelt. Die Ehefrau habe ihn geschlagen und mit einem Messer angegriffen, er habe die Attacke abgewehrt und in diesen Stoßbewegungen seine Frau mit dem Messer getroffen. Diese Version könne sie nicht ausschließen, sagte die Gutachterin, sie sei allerdings »unwahrscheinlich«. Wenn es zum Kampf gekommen sein sollte, hätten eigentlich auch Abwehrschnitte und mehr oberflächliche Verletzungen am Körper der Frau festgestellt werden müssen. »Solche Befunde fehlen hier.« In diesem Fall seien die Verletzungen »sehr geradlinig«.

Die Gerichtsverhandlung wird fortgesetzt.

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