phk_rotation_neu_250921_4c
+
Ohne sie geht nichts: Die Mitarbeiter von Druckerei und Betriebstechnik unter Führung von Jennifer Ellinger (vorne, 2. v. l.) sorgen dafür, dass die Zeitung Nacht für Nacht rechtzeitig gedruckt und versandt wird.

Leben unter Druck

  • Philipp Keßler
    VonPhilipp Keßler
    schließen

Starke Männer, schwarze Hände, verschwitzte Blaumänner - so stellt man sich die Druckerei eines Zeitungsverlages vielleicht vor. Doch die Realität sieht längst anders aus - und hat bei der Mittelhessischen Druck- und Verlagshaus GmbH & Co. KG zudem eine Frau an der Spitze eines kleinen, aber sehr leistungsfähigen Teams.

Sinkende Auflagen, steigende Vertriebs- und hohe Investitionskosten bei oft nötigen Modernisierungen: Der Markt für Druckereien ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nicht einfacher geworden - und doch behauptet sich die Mittelhessische Druck- und Verlagshaus GmbH & Co. KG mit Sitz in Gießen sehr erfolgreich.

An der Spitze der früher einst als »schwarze Zunft« bezeichneten Drucker in der Marburger Straße in Gießen steht Jennifer Ellinger. Die 41-Jährige ist seit Oktober 2018 Technische Betriebsleiterin im Verlag, in dem die »Gießener Allgemeine«, die »Alsfelder Allgemeine«, die »Wetterauer Zeitung« und Dutzende weitere Titel vom Anzeigenblatt bis zum Gemeindeblättchen erscheinen. Sie trägt damit nicht nur die Verantwortung für die Produktion an sechs Tagen - und vor allem Nächten - in der Woche, sondern auch für 25 Mitarbeiter aus Druckerei und Betriebstechnik. Die Mutter eines einjährigen Sohnes, die schon als Kind ihre Liebe zum gedruckten Wort entdeckt hat, hat es mit dem Diplom-Studiengang für Druck- und Medientechnik in eine aus historischer Sicht reine Männerdomäne verschlagen.

»Man hat es damals gemerkt und merkt es heute noch, aber mich hat das Thema einfach interessiert. Ich bin glücklich, dass es geklappt hat - hier, wo ich mich wirklich wohlfühle, wo ich gute Arbeit leisten kann und dementsprechend akzeptiert werde«, sagt sie. »Ich werde immer mal wieder darauf angesprochen, aber ich mache mir selbst nicht mehr so viele Gedanken darüber.«

Mit ihren Mitarbeitern in Rotation, Versand und Betriebstechnik sorgt sie für einen möglichst reibungslosen Ablauf zwischen Redaktion und Vertrieb. Auch heute fasziniert sie diese Anspannung aus dem Wunsch nach größtmöglicher Aktualität. »Bei uns muss es einfach funktionieren. Wenn wir ein Problem haben, haben wir die Verantwortung dafür zu tragen, dass es sofort gelöst wird, sodass die Qualität am Ende passt«, sagt sie. »Den Luxus, zu sagen, dass wir uns morgen darum kümmern, haben wir einfach nicht. Das macht für mich einen besonderen Reiz aus.« Und das Tag für Tag.

Nachwuchssorgen in der Branche

Doch offenbar nicht für jeden, denn der Nachwuchs fehlt: »Bei jungen Menschen ist das Lesen einer gedruckten Zeitung oft nicht im Fokus - und entsprechend auch nicht der Beruf des Zeitungsdruckers oder Versandmitarbeiters«, sagt Ellinger. Dazukämen Arbeitszeiten an Abenden, in der Nacht, an Wochenenden und Feiertagen. Das gelte zwar für die Betriebstechnik nicht per se, eine Bereitschaft für den Fall produktionskritischer Probleme gebe es aber auch hier. Entsprechend sei die Suche nach neuem Personal schwierig - und nicht selten nur dann erfolgreich, wenn eine andere Druckerei schließt oder Arbeitsplätze durch modernisierte Anlagen, die weniger Personal benötigen, frei würden.

Ein weiterer entscheidender Faktor: Neben der Fähigkeit, auch in Krisensituationen ruhig zu bleiben und trotzdem zügig auf Probleme reagieren zu können sowie permanent Prozesse optimieren zu können, sei inzwischen auch ein breites Wissen gefordert - deutlich mehr als es in früheren Zeiten der Fall war: »Ein Drucker muss sich heute vom Ankommen der Seite über die Ausgabe der Druckplatte bis zum Druck selbst und der Weitergabe des Produkts an den Versand auskennen«, sagt Ellinger. »Es ist ein breites Spektrum, was hier zusammenkommt. Aber genau das macht unseren Beruf so abwechslungsreich und so spannend.«

Der Hintergrund: Die Branche hat in den vergangenen Jahren aufgrund von technischen Fortschritten und dem Einzug der Digitalisierung einen beispiellosen Wandel hinter sich. Dennoch entschied sich der Verlag 2012, eine neue Maschine zu kaufen - ein Millionen-Invest. Für Ellinger aber der richtige Schritt: »Die Maschine ist auch heute noch up to date, für die aktuellen Anforderungen optimal, modern und absolut wettbewerbsfähig. Da hatten die Verantwortlichen ein gutes Gefühl, denn so kann unser Haus glänzen.«

Und das tut es: Denn neben den eigenen Blättern wird auch eine Vielzahl von Kunden mit Druckerzeugnissen beliefert. So wird etwa ein Teil der Auflagen des »kicker« oder der »taz« in Gießen gedruckt. »Da kann man stolz drauf sein«, sagt Ellinger. Das Geheimnis: Die Maschine ist sowohl für kleine als auch für große Auflagen geeignet. Durch einen automatisierten Wechsel der Druckplatten kann gerade bei Blättern mit demselben Umfang schnell zwischen zwei Produkten gewechselt werden, zumal auch die Makulatur, also der Ausschuss zu Beginn des Druckprozesses, gering sei - ein Hauptgrund, warum die drei Tageszeitungen des Verlages in nur eineinhalb bis zwei Stunden fertiggestellt sind. »Das Grundprinzip ist, aus Redaktionssicht immer so spät wie möglich anzufangen, aber so rechtzeitig wie möglich fertig zu sein, dass die Lieferkette noch reibungslos funktioniert. Hier wird um jede Minute gefeilscht. Das ist ein ewiger Drahtseilakt«, erklärt Ellinger.

Optimistisch in die Zukunft

Und auch wenn der Branche längst das Ende prognostiziert wurde, will Ellinger die Zukunft nicht schwarzsehen: »Das Thema Zeitung ist zwar für die jüngere Generation oft weit weg, und auch die Problematik, ob für gut recherchierte Informationen Geld bezahlt werden wird, kann in der Zukunft noch ein Knackpunkt werden, aber dennoch halte ich unser Unternehmen dank einem tollen Team und einer starken Technik für sehr gut aufgestellt. Von daher hoffe ich, dass es für die gedruckte Zeitung bei uns im Haus noch eine ganze Weile weitergeht.«

Ein Hoffnungsschimmer: Das Grundprinzip des Drucks hat sich seit Erfinder Johannes Gutenberg nicht grundlegend verändert, auch wenn die Technik sich stetig weiterentwickelt. »Das ist wie mit der Erfindung des Rads, das einfach nicht mehr wegzudenken ist«, sagt Ellinger. Sie ist auch deshalb davon überzeugt, dass es auch »weiterhin gedrucktes Wort geben wird« - in welcher Form, das werde sich zeigen. »Aber ich glaube, dass das über die letzten Jahrhunderte so tief in uns Menschen verwurzelt ist, dass das gedruckte Wort eine gewisse Wertigkeit und ein gewisses Vertrauen vermittelt. Bücher waren auch schon totgesagt, aber leben immer noch.« Und schließlich sei Lesen auf diese Weise auch ein Genuss für alle Sinne. »Deshalb wünsche ich mir für unser Haus, dass nach den ersten 75 Jahren noch viele weitere folgen werden.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare