+
Harry Berthold ist von der Airbrush-Technik fasziniert wie am ersten Tag.

Leben unter Druck

  • schließen

Schon im achten Schuljahr war Harry Berthold klar, dass er irgendwann in den Westen abhauen würde: "Dieses ganze Kommunistensystem mit Jugendweihe und dem ständigen Druck der Diktatur hat mich schon als Kind angekotzt." Der Airbrush-Künstler spricht in seinem Atelier in Trohe in deutlichen Worten über sein Leben damals in der DDR.

Der heute 74-Jährige stammt aus Wurzen in der Nähe von Leipzig. Er verweigerte die Jugendweihe und ließ sich stattdessen konfirmieren. Nach neun Jahren verließ er die Schule und lernte in einem Betrieb den Beruf des Malers und Lackierers. Mit 18 Jahren plante er, durch die Elbe zu schwimmen. "Ich wurde natürlich erwischt und bin wegen Passvergehens und Diebstahl von gesellschaftlichem Eigentum in den Knast gegangen", erzählt der Künstler.

Danach arbeitete er wieder in seinem Beruf. "Airbrush war damals noch kein Thema für mich, ich habe aber schon ab und an was für Kumpels gemalt." Er lernte seine spätere Frau kennen, das Paar bekam zwei Kinder und baute ein Eigenheim.

"In den 70er Jahren war ich Betriebs- und Schriftenmaler bei einer Zwischengenossenschaftlichen Bauorganisation, meine Frau arbeitete in einer Molkerei", erzählt Berthold weiter. Sie hätten sich oft über die ständigen Ungerechtigkeiten und Mauscheleien, die in den Betrieben passierten, unterhalten. Beide kamen schließlich überein, dass sie das Land verlassen wollen.

Zweite Ausbildung mit 48 Jahren

Berthold schmiss seinen Malerjob hin und nahm eine Stelle als Heizer in einer Schule an. Dann stellte er einen ersten Ausreiseantrag. Er und seine Frau ließen sich von Einschüchterungsversuchen des Staates nicht beirren. 1986 wurde die Ausreise schließlich bewilligt. Ohne einen Pfennig für das eigene Haus zu sehen, verließen die Bertholds die DDR und kamen zunächst in Laubach unter. Berthold fand Arbeit bei einem großen Malerbetrieb in Gießen, seine Frau fand eine Stelle bei der Firma Poppe.

Über den Freund seiner Tochter erfährt Harry Berthold dann erstmals etwas über Airbrush und fängt sofort Feuer, als er die kunstvollen Malereien sieht, die mit Druckluftpistole auf Auto- und Motorradkarosserien aufgetragen werden. Er belegt Kurse, stellt schon bald auf Messen aus. Dort erfährt er, dass man in Bochum ein Studium in Airbrush-Design absolvieren kann. 1992, da ist er 48 Jahre alt, fängt er die Ausbildung an und arbeitet auch weiterhin im Gießener Malerbetrieb.

Zusätzlich bildet er sich auf eigene Kosten auch in Computergrafik aus. Er schließt das Airbrush-Studium mit Diplom ab. Trotz anfänglicher Gegenwehr durch das Arbeitsamt bekommt er die Ausbildung in Computergrafik bewilligt und kann diese als Umschulungsmaßnahme abschließen.

Als freischaffender Künstler kann er sich endlich ausleben. Er bemalt in Auftragsarbeiten Karosserien, unter anderem eine Isetta mit dem bayerischen König Ludwig II., gestaltet Wände und Fassaden und fängt an, auf Sandsteinfurnier zu arbeiten. Besonders stolz ist er auf eine Arbeit, die den verstorbenen Rennfahrer Stefan Bellof zeigt.

Außerdem gibt er sein Wissen seit 20 Jahren an Interessierte in Kursen weiter und vermittelt den Umgang mit der Airbrush-Pistole von der Pike auf. Für die sanften und fließenden Übergänge, von denen Berthold gleich so fasziniert war, braucht es vor allem eines: "Ganz wenig Druck." Einblick in seine Arbeiten auf: www.harrys-gun.de

Derzeit sind seine Werke im Landratsamt in Gießen und bald bei den Golden Oldies in Wettenberg zu sehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare