Ordentliche Regale sind ihr besonders wichtig: Seit 65 Jahren leitet Edith Richter (vorne) den Lebensmittelladen in Beuern. FOTO: PAD
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Ordentliche Regale sind ihr besonders wichtig: Seit 65 Jahren leitet Edith Richter (vorne) den Lebensmittelladen in Beuern. FOTO: PAD

Ein Leben für den Dorfladen

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Gerade jetzt, während der Corona-Zeit, sind jene Menschen froh, in deren Orten es noch ein Lebensmittelgeschäft gibt. Der kleine Dorfladen in Beuern erlebte in den vergangenen Wochen einen Ansturm, der selbst die 83 Jahre alte Inhaberin Edith Richter erstaunte.

Der Joghurt steht falsch, das hat Edith Richter sofort bemerkt. Sie räumt ihn schnell an Ort und Stelle. Richter kennt ihre Waren, kein Wunder, leitet sie doch seit 65 Jahren das kleine Lebensmittelgeschäft in Beuern. Einer der immer weniger werdenden Dorfläden, die es hierzulande noch gibt. Wie wertvoll jene Geschäfte sind, haben viele Menschen in den vergangenen Wochen bemerkt.

Einen Ansturm, wie während der schärferen Beschränkungen, erzählt Richter, hat sie so noch nie erlebt. "Während der Hamsterkäufe hat man viele Kunden gesehen, die man sonst nie gesehen hat." Mittlerweile habe sich das Ganze wieder etwas normalisiert. "Manche Kunden sind hängengeblieben, weil es ihnen gut gefallen hat. Oder aber weil sie Angst haben, in einen großen Markt zu gehen."

Richters Laden bietet alles, was es für den Alltag braucht: Neben dem Obst- und Gemüse- sowie dem Molkereiregal gibt es eine kleine Bäckereitheke, einen Postschalter, Zeitungen und natürlich Lebensmittel. Besonders die Sonderangebotsfläche im Schaufenster pflegt Richter mit großer Leidenschaft: "Es muss ordentlich aussehen und verkaufsfreundlich platziert sein." Die Preise hat sie im Kopf.

An die Maske hat sie sich schnell gewöhnt, erzählt die 83-Jährige. Ungewohnt war hingegen die Plastikscheibe im Kassenbereich. "Jetzt kann ich den Kunden nicht mehr den Korb einräumen, dabei sind die Älteren das gewohnt."

Einige ihrer treuen Stammkunden hat Richter eine ganze Zeit nicht gesehen: "Die in meinem Alter kamen wochenlang nicht, weil es die Kinder verboten hatten. Aber irgendwann waren es die Leute leid und wollten selbst einkaufen."

Richter zählt aufgrund ihres Alters selbst zur Risikogruppe. "Ich hatte auch zeitweise Angst, meine Kinder hatten zunächst Sorgen", erzählt sie offen. "Aber jetzt nicht mehr. Ich denke schon, dass die Leute vernünftig sind." Und ihren Laden will sie nicht alleine lassen.

Richter ist in das Lebensmittelgeschäft hineingewachsen. 1900 hatten ihn ihre Großeltern eröffnet. Er lag damals noch in einem Raum im Erdgeschoss des Wohnhauses. Ihre Eltern führten das Geschäft weiter. Als Richter zwölf Jahre alt war, starb ihre Mutter. Von da an arbeitete sie regelmäßig im Geschäft: "Da musste ich meinen Mann stehen." Nebenbei wurde zudem noch Landwirtschaft betrieben, Kühe mussten gemolken und Heu gemacht werden.

Mit 18 Jahren ließ sich Richter für volljährig erklären, um die Geschäfte selbst führen zu können. "Damals war man erst mit 21 volljährig", sagt sie, während sie im Gemüseregal für Ordnung sorgt. Den Beruf der Einzelhandelskauffrau hat sie von der Pike auf gelernt, zudem die Ausbildereignungsprüfung abgelegt.

Hat ihr die Arbeit im Laden immer Spaß gemacht? Die 83-Jährige überlegt einen Moment. "In den ersten zwei Tagen nach der Berufsschule, als ich mit dem Fahrrad in den Laden gefahren bin, habe ich abends geheult. Wir hatten eine 60-Stunden-Woche. Da habe ich mich gefragt, ob ich das ein Leben lang machen will." Sie entschied sich für ein "Ja".

Eine Kundin möchte Obst mitnehmen, auf der Waage liegen 198 Gramm Äpfel. "Das Kilo kostet 2,99, das sind 58 Cent", rechnet Richter im Kopf aus, ohne einen Moment zu zögern. Passt. Es erstaunt wohl nur den Besucher, die Stammkunden sind es gewöhnt.

In den 1960er Jahren wurde das Ladengeschäft gebaut. Zwischendurch hatte der Laden mit Bäckerei 15 Angestellte. Heute ist die Geschäftsfrau alleine, bekommt beim Einräumen der Ware Hilfe aus der Familie. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht, auch wenn es schon Interessenten gab: "Wenn die den Einsatz und den Verdienst gegenüberstellen - dann war es das schon."

Ans Aufhören hat sie zwar schon einmal gedacht. "Aber das wäre langweilig", sagt sie und schmunzelt. "Wir sind hier sehr froh, dass wir die Frau Richter haben", sagt eine Kundin. Dass das nicht nur so dahergesagt ist, zeigen Episoden, die sich immer wieder in Richters Laden abspielen. Wenn etwa Kunden kommen und ihr zum Dank Blumen mitbringen.

Und dass Richter zwar betagte 83, aber damit noch lange nicht von gestern ist, zeigt eine andere Situation an diesem Morgen: Ein Jugendlicher kommt mit seinem Skateboard in den Laden, braucht eine Karte, um sein Handy-Guthaben aufzuladen. Richter sucht flink am Computer den richtigen Anbieter heraus, kurz darauf hat der Jugendliche den Bon mit der Aufladenummer in den Händen: Er staunt: "Meine Oma ist ein paar Jahre jünger, und die kommt nicht mal mit ihrem Tastenhandy zurecht."

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