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Ein Leben in bewegter Zeit

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Grünberg(tb). Mit der Stadt Grünberg verbinden viele, aber nicht alle den Namen des Völkerkundlers Theo Koch. Dass die Gallusstadt aber weiter berühmte Söhne "hervorgebracht" hat, darauf machte Bürgermeister Frank Ide am Mittwochabend aufmerksam. Anlass bot die Eröffnung der neuen Sonderausstellung im Museum: "Erwin Stein - Minister, Richter, Stifter".

Besucher der Ausstellung - erarbeitet von Dr. Anne C. Nagel (Historisches Institut der JLU Gießen) in Kooperation mit der Erwin-Stein-Stiftung - erhalten profunde Einblicke in die Vita jenes Mannes, der 1903 in Grünberg geboren wurde und 1992 in Annerod starb. Und dessen Leben nicht den erwartbar-soliden Gang eines Juristen nehmen sollte. Vielmehr war es von auch schmerzhaften Verwerfungen gezeichnet, zumindest die erste Lebenshälfte. Erwähnt sei nur der Suizid seiner ersten Frau Hedwig, einer Jüdin, die 1943 aus dem Leben schied.

Über 20 Jahre am Verfassungsgericht

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann sein "zweites Leben", wie es die Historikerin Nagel fasst: "Unter dem Motto ›Es muss alles anders werden‹ stürzt er sich in die Politik und greift nachdrücklich in die Gestaltung eines demokratischen Deutschlands ein."

So wurde Stein 1947 bis 1951 Hessens erster Kultusminister. Einem christlich-humanistischen Weltbild verpflichtet, sei seine Politik auf die Schaffung gleicher Bildungschancen gerichtet gewesen. Erwähnt sei nur die Lehrmittelfreiheit. 1951 wurde er Richter am Bundesverfassungsgericht und blieb es bis 1971.

Hier nur anzudeuten ist der Facettenreichtum des Wirkens wie der Interessen Steins. "Bewundernswert", wie Carmen Lange vom Verein der Grünberger Museumsfreunde in ihren Einführungsworten meinte. Die Hingabe des Juristen zu Philosophie und Poesie freute die ehemalige Deutschlehrerin besonders.

Nicht minder Steins Sondervotum zum "Mephisto-Urteil": 1971 fällte das Verfassungsgericht eine Grundsatzentscheidung zur Kunstfreiheit. Anlass bot der Streit um den gleichnamigen Roman von Klaus Mann; dessen Held Hendrik Höfgen diente Gustaf Gründgens als Vorbild. Lange: "Da schlug sein Germanistenherz."

Dass Steins Herz auch für die Natur schlug, merkte sie am Ende noch an. Nicht ohne der verhinderten Museumsleiterin Karin Bautz für die Arbeit im Vorfeld zu danken.

Eine weitere Facette eines "bewegenden Lebens in einer bewegten Zeit", wie es im Untertitel der Ausstellung heißt, breitete am Ende Dr. Wissemann aus. Der Leiter des Botanischen Gartens in Gießen referierte zum Thema "Erwin Stein, die Liebe zu den Blumen und der Verein Deutscher Rosenfreunde".

Das Begleitprogramm der Ausstellung umfasst vier weitere Vorträge. Am 26. Januar, 16 Uhr, steht zunächst im Museum im Spital eine Lesung von Anne C. Nagel an: "Ein Mensch und zwei Leben: Erwin Stein (1903 - 1992)".

Blick in die Erwin-Stein-Ausstellung im Stadtmuseum Grünberg, zu der neben Vitrinen zur Vita des Grünbergers (rechts unten ein Porträt seiner ersten Frau) auch der Schreibtisch des Rosenfreundes und Hessens erstem Kultusminister zählt. FOTOS: TB

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