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Aufgewachsen ist er in Laubach, heute bespielt er die Bühnen dieser Welt. Kommende Woche ist Philipp Gerschlauer im Kino Traumstern zu Gast.

Philipp Gerschlauer: "Laubach trage ich im Herzen"

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Als Siebenjähriger begann er, Saxofon zu spielen. Heute ist Philipp Gerschlauer (33) weltweit ein gefragter Jazzmusiker. Im Interview erzählt der gebürtige Laubacher, warum die Mikrotonalität sein Ding ist und was die "Muppet Show" mit seinem künstlerischen Weg zu tun hat.

Am Sonntag läuft im Traumstern die Premiere des Dokumentarfilms "Auf der Suche nach den Zwischentönen", in dem Sie die Hauptrolle spielen und auch Einblicke in Ihr Privatleben geben. Wie war das, als Regisseur Jakob Gengenbach und sein Team Sie und Ihre Familie im vergangenen Jahr eine gute Woche begleitet haben?

Philipp Gerschlauer:Ehrlich gesagt, habe ich irgendwann gar nicht mehr wahrgenommen, dass sie da sind. Ich kenne Jakob schon lange, bin mit ihm in Laubach aufgewachsen und wir haben als Jugendliche schon zusammen Jazz gemacht. Das Vertrauen war also sofort da. Es fühlte sich eher so an, als ob ein Freund zu Besuch ist und nebenbei ein bisschen aufnimmt.

Gilt das Gleiche für Ihre Familie?

Gerschlauer:Meine Lebensgefährtin fand es auch völlig unproblematisch, und unsere kleine Tochter ist es gewöhnt, dass zu Hause viel los ist, da wir oft Besuch haben.

Die Dokumentation zeigt aber mehr als den Privatmann Philipp Gerschlauer.

Gerschlauer:Natürlich geht es auch um meinen künstlerischen Prozess. Es sind musikalische Aufnahmen von Konzerten oder Projekte zu sehen, die verdeutlichen, wie ich arbeite, Interviews, aber eben auch meine Familie und mein Zuhause. Man kann sagen, der Film gibt einen privaten Einblick in das Leben eines freischaffenden Künstlers.

Wie war dann Ihre persönliche Film-Premiere?

Gerschlauer:Sehr spannend, weil ich mich aus der Produktion total rausgehalten hatte und nicht wusste, wie Jakob das Material zusammenstellen würde. Außerdem total komisch, weil man ja privat gezeigt wird. Beim Spazierengehen, beim Putzen, im Alltag eben.

In einem der Interviews sprechen Sie über Heimat. Was bedeutet diese für Sie ?

Gerschlauer:Heimat ist für mich ganz klar definiert: Laubach, wo ich aufgewachsen bin und bis zum Abitur gelebt habe. Es ist für mich ein Ort, den man im Herzen trägt, mit dem man Kontakt hält und an den man immer wieder zurückkehrt.

Und wie wird ein Kind aus der Kleinstadt zum gefragten Jazz-Musiker?

Gerschlauer:In vielen Schritten. Mit sieben Jahren habe ich angefangen, Saxofon zu spielen. Unser Nachbar Georg Gäbisch brachte es mir bei. Durch ihn kam ich auch zum Musikverein Laubach. Später gab es andere Lehrer wie Stephan Geiger aus Muschenheim und ich ging auf die Hochschule. Über das Studium entwickelten sich dann viele Kontakte. Dort habe ich ganz früh angefangen, mich für mikrotonale Musik zu interessieren und das verfolgt.

Das Saxofon zählt nicht unbedingt zu den klassischen Einsteiger-Instrumenten. Warum entschieden Sie sich als Junge nicht für Gitarre oder Schlagzeug?

Gerschlauer:Als Kind stand ich immer vor den Musikläden und habe im Schaufenster die Saxofone bewundert. Ich wünschte mir so sehr, dass mir meine Eltern eins kaufen. Auch Zoot, den Saxofonisten der "Muppet Show", fand ich unglaublich cool. Ein anderes Instrument kam für mich nicht infrage.

Als freiberuflicher Musiker sind Sie viel unterwegs. Wie wird man da seiner Rolle als Vater einer dreijährigen Tochter gerecht?

Gerschlauer:Das funktioniert, aber es ist ein ständiges Organisieren. Meine Partnerin ist Sängerin. Wir müssen eben schauen, dass wir nur wegfahren, wenn wir Projekte wirklich machen wollen und sie sich finanziell lohnen. Aber eigentlich schaffen wir es ganz gut, dass einer von uns da ist Und wenn nicht, kommt die Oma nach Berlin und hilft aus, gerade wenn ich längere Zeit unterwegs bin, wie jüngst zweieinhalb Wochen auf Tournee in Belgien.

Auf ein Elternteil muss Ihre Tochter also immer verzichten?

Gerschlauer:Nein. Unter der Woche haben wir jeden Tag für uns. Der Dienstag ist unser Sonntag. Er gehört der Familie. Unsere Jobs fokussieren sich hauptsächlich auf das Wochenende. Ansonsten spiele ich abends meistens in Berlin.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten einen Traumberuf. Würden Sie auch Ihrer Tochter zu einem Job in der Musikbranche raten?

Gerschlauer:Super Frage (lacht). Wenn sie das möchte, ja.

Mit allen Konsequenzen?

Gerschlauer:Wenn sie sich dafür entscheiden sollte, werde ich sie dabei unterstützen. Sie bekommt ja über die Jahre schon mit, was ein Leben als freiberuflicher Musiker bedeutet.

Ihr Steckenpferd ist die mikrotonale Musik. Wie würden Sie einem Laien erklären, was darunter zu verstehen ist?

Gerschlauer:Normalerweise stehen dem Musiker zwölf Töne zur Verfügung, die weißen und schwarzen Tasten auf dem Klavier. Aber viele Musikkulturen halten sich nicht daran, sie haben die unterschiedlichsten Systeme. Ich verwende in meiner Musik zum Beispiel 128 Töne.

Und wie erreichen Sie die?

Gerschlauer:Durch Griffe. Da gibt es unterschiedliche Kombinationen, die ich in einer Tabelle zusammengestellt und veröffentlicht habe. Insgesamt 650. Die Finger machen hier die Arbeit, der Mund verändert sich kaum.

Was bringt das?

Gerschlauer:Schönere Harmonien. Reinere Akkorde. Musik, die besser klingt. Und vor allem: Unendlich viele Möglichkeiten, Melodien zu schaffen.

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