Wo Laubach dem Alltag entfloh

Laubach (tb). Bereits 1942, mitten im Krieg, lernten in Laubach die Bilder laufen, öffnete im Gasthaus »Traube« ein Lichtspieltheater seine Pforten. Anfang der 70er aber war die Kintop- Ära schon wieder vorbei. Die Masse zog das »Pantoffelkino« der großen Leinwand vor. Erinnerungen an einen vergessenen Ort.

Irgendwann Anfang der 40er Jahre muss es gewesen sein, dass sich der Wetterfelder Ludwig Metzger Gedanken machte, was in Laubach der geeignete Ort für ein Lichtspieltheater sein könnte. Endlich wurde er mit »Traube«-Wirt Hermann Desch handelseinig, und so eröffnete er vor nunmehr 79 Jahren in dessen Gasthaus die »Apollo Lichtspiele«. Die Projektoren packte er in den Vorraum zur Kegelbahn, in den Tanzsaal Stühle für rund 150 Besucher.

Otto Desch: Filmvorführer in den 40er Jahren

Heute erinnert wenig an diese Zeit, da die Laubacher bei Filmabenden dem Alltag entflohen: Der alte Kinosaal - dereinst ein Backsteinanbau und längst verputzt - steht leer, das Wirtshaus ebenso.

Besagten Wetterfelder kennen Ältere noch unter dem Namen »Kino-Metzger«. Von 1942 bis 1955 betrieb er das »Apollo« in Laubach, lud aber auch schon in Grünberg zu Vorführungen, zunächst in der alten Turnhalle. 1952 endlich erfüllte er sich seinen Traum, baute in der Gallusstadt seiner Familie ein Haus - und für sich ein Kino nebenan.

An die Anfänge in Laubach kann sich seine Tochter noch gut erinnern: Edith Weber (77), Betreiberin der Grünberger Lichtspiele. Wie sie erzählt, hatten Sonntagsspaziergänge ihrer Kindheit oft die »Traube« zum Ziel. Am Anfang, weiß sie von der Mutter, legte Klein-Edith die Strecke noch im Kinderwagen zurück.

Ein weiterer Zeitzeuge mit noch engerer Beziehung zu diesem »vergessenen Ort« ist Otto Desch. Seinem Onkel Hermann gehörte die 1905 erbaute »Traube«, und so lernte er Metzger und schließlich das Vorführhandwerk kennen. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bediente er die Projektoren.

Für abendfüllende Filme brauchte es damals drei Rollen, erzählt der heute 93-Jährige. Und: »Tauchte auf der Leinwand ein weißer oder schwarzer Punkt auf, hieß es aufgepasst.« Die Zeichen signalisierten dem Vorführer, dass er die zweite Maschine starten und bald darauf überblenden musste. Der »Datenträger« bestand noch aus Zelluloid, leicht brennbar. »Passiert ist nie was«, sagt Desch. Und wie stand’s mit der Bezahlung? »Lohn gab’s keinen, aber ich konnte ja die Filme umsonst anschauen.«

Die »fetten Jahre« noch in weiter Ferne

Kurz nach dem Krieg waren die »fetten Jahre« noch fern. Doch die Frau an der Kasse zeigte sich gnädig: »Die Jane, sie hatte zwölf Kinder, zahlte schon mal mit ein paar Eiern.«

Die Vorstellungen seien damals fast immer ausverkauft gewesen, fährt der Senior fort. »Gut, es gab damals ja nichts anderes.« Und das Wort Kino-Gänger hatte noch seine Berechtigung, kamen die Besucher doch aus den Dörfern zu Fuß nach Laubach.

Schließlich blendet Desch noch ein paar weitere Jahre zurück: Mitte 1945, er war gerade aus dem Krieg heimgekehrt, nahmen die Amis in der »Traube« Quartier. Also lösten Filme aus der Traumfabrik Hollywood UFA-Produktionen wie »Die große Liebe« oder »Quax, der Bruchpilot« ab.

Otto Desch kannte sich mit der Lokalität aus, konnte so unbemerkt verfolgen, wie von nun an GI’s dem Alltag entflohen. »Bei Musikfilmen mit Untertiteln sangen sie kräftig mit.« Im Gedächtnis geblieben ist ihm da diese Randerscheinung: »Am unteren Bildrand hüpfte da immer ein kleines Männchen über die Leinwand und hat die Seiten mit den Liedtexten umgeblättert.«

Von Mai bis Oktober 1945 war die »Traube« in amerikanischer Hand, und Ludwig Metzger musste zwei Straßenecken weiter, in den »Solmser Hof« umziehen. Nach dem Abzug der US-Army aber ging’s flugs zurück. Nur erwies sich der alte Tanzsaal renovierungsbedürftig, entsprach nicht mehr den Anforderungen.

»Möglich, dass dies mit dazu führte, dass Metzger das Gewerbe zum 1. Mai 1955 abmeldete«, meint Elisabeth Rößler. Die Leiterin des Museums Fridericianum hat den Laubach-Part der Ausstellung »Vorhang auf! Kinogeschichte(n) im Kreis Gießen« recherchiert. Die Ausstellung machte 2020 im Fridericianum Halt - Corona aber verwehrte ihr die gebührende Resonanz.

Dr. Kammer und das »Spukschloß«

Zurück in die 50er: Wilhelm Vogt, ein Kinobetreiber aus Hungen, übernahm noch 1955 von Metzger das Lichtspielhaus an der Ortsdurchfahrt. Fortan firmierte es unter dem Namen »Roxy«. Zusammen mit Gastwirt Hermann Desch erstellte er ein Umbau-Konzept, samt Erweiterung des Saals zu einem Kinoraum mit Vorhalle, jetzt 300 Sitzplätzen, Logen und abfallendem Boden. Umgesetzt wurden die Pläne jedoch erst Jahre später.

Dr. Ulrich Kammer war mit Familie 1956 nach Laubach gezogen. »Wir besuchten das Kino, wenn uns das Programm interessierte«, erzählt der 94-Jährige.

Einer der großen Stars dieser Zeit sei Dieter Borsche gewesen. »Mit der 17 Jahre jüngeren Maria Schell war das über Jahre das beliebteste Film-Paar.« Auch die Kammers hatten ihren Spaß an Streifen wie »Das Wirtshaus im Spessart« und »Das Spukschloß im Spessart«. Beide mit Lieselotte Pulver in der weiblichen Hauptrolle,wie der Laubacher sich erinnert.

Die Zeiten fürs Kino aber wurden schwerer. Der angemietete Saal war kaum noch gewinnbringend zu füllen. So beantragte Vogt 1964 bei der Stadt die Befreiung von der Vergnügungsteuer. Der Magistrat aber lehnte ab - und Vogt kündigte Ende 1966. Von 1967 bis März 1969 betrieb schließlich Helma Becker das Kino, gefolgt von Else Truckenbrodt, beide aus Bad Nauheim.

»Infolge des schlechten Besuchs«, so Elisabeth Rößler, »wurde ihr nun eine Ermäßigung der Vergnügungssteuer gewährt. Ab 50 Besuchern jedoch verlangte die Stadt wieder den vollen Satz.« Das freilich war immer seltener der Fall. Mit dem Wohlstand wuchs die Zahl der Fernsehgeräte - und die Mobilität: Viele fuhren nach Gießen, wo die Blockbuster oft Wochen vorher gezeigt wurden.

Im April 1970 schließlich fiel die Klappe, schloss das Laubacher »Roxy« für immer die Türen - die Laubacher Kino-Ära war zu Ende.

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