Gerade auf dem Land sollten die Hausärzte die Impfungen durchführen, sagt Günter Stephan. "Wir kennen die Patienten und ihre Vorerkrankungen."	FOTO: SRS
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Gerade auf dem Land sollten die Hausärzte die Impfungen durchführen, sagt Günter Stephan. »Wir kennen die Patienten und ihre Vorerkrankungen.« FOTO: SRS

Interview

Mediziner drängt auf Impfung von Hausärzten: „Wir werden ins Feuer geschickt“

  • vonStefan Schaal
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Hausärzte im Kreis Gießen fordern, schneller gegen Corona geimpft zu werden. Einer von ihnen arbeitet in einem Seniorenzentrum - bislang ohne Impfung.

Gießen - Hausärzte im Kreis Gießen wählen deutliche Worte: In einem öffentlichen Appell fordern Allgemeinmediziner Günter Stephan aus Laubach und neun Kollegen, bei den Corona-Impfungen stärker berücksichtigt zu werden. Dass er bisher nicht geimpft wurde, obwohl er in einem Seniorenzentrum arbeitet, sei ein „Skandal“.

Herr Stephan, werden die Hausärzte in der Corona-Krise von der Politik ignoriert?

Ich weiß nicht, ob ich es so aggressiv formulieren würde. Aber ich habe noch Bilder vom Anfang der Corona-Krise aus Italien, aus Bergamo vor Augen, wo sehr viele Hausärzte an Covid-19 gestorben sind. Und gleichzeitig waren wir Hausärzte hier in Deutschland Kanonenfutter.

Wie meinen Sie das?

Es gab null Schutzkleidung. Es gab auch keine Desinfektionsmittel. Erst nach zwei Monaten konnten wir unsere Sprechstunden entsprechend einrichten. Die Politik war nicht vorbereitet und hat nun auch den zweiten Shutdown viel zu spät beschlossen. Das alles empfinde ich als grob fahrlässig.

Kreis Gießen: Hausärzte führen Leichenschauen bei Corona-Toten durch

Zwei Monate ohne Schutzkleidung: Wie haben Sie sich in dieser Zeit als Arzt gefühlt?

Unsicher. Ich bin kein ängstlicher Mensch. Aber uns einer solchen Gefahr auszusetzen, war leichtfertig. Gleichzeitig werden wir ständig vor völlig neue Situationen gestellt. Zunehmend muss ich als Hausarzt derzeit Leichenschauen von im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion verstorbenen Menschen vornehmen, während sich die Familien der Toten komplett in Quarantäne befinden. Da werden wir Hausärzte auch ins Feuer geschickt.

Zur Person

Günter Stephan arbeitet seit 43 Jahren als Arzt. Der 65 Jahre alte Allgemeinmediziner führt seit 1987 eine Praxis in Laubach. Er ist außerdem stellvertretender Sprecher der Leitungsgruppe für hausärztliche Medizin an der Justus-Liebig-Universität.

Seit einer Woche ist das Impfzentrum in Heuchelheim in Betrieb. Zu den Ersten, die nun Corona-Schutzimpfungen erhalten, zählen vor allem Senioren über 80.

Auch wir Hausärzte müssten jetzt geimpft werden. Wir vollbringen in der Zeit der Corona-Krise wichtige Leistungen. Seit Ausbruch der Pandemie sind 85 Prozent der Corona-Patienten von Hausärzten behandelt worden. Wir und unsere Mitarbeiter sind jeden Tag einer extremen Infektionsgefahr ausgesetzt. Wir versorgen hier mit unserer Praxis ja auch ein Altenheim, das Laubacher Stift. Wir sind dadurch eigentlich Gefährder für die Bewohner eines Seniorenzentrums.

Wie oft gehen Sie denn als Arzt in dem Altersheim ein und aus?

Zum Teil täglich, wenn wir gebraucht werden. Mindestens einmal in der Woche. Dann komme ich montags früh um 7 Uhr, mache im Pflegeheim meine Visite und betreue die Bewohner, die meine Patienten sind, psychosozial und medizinisch.

Hausärzte im Kreis Gießen werden noch nicht gegen Corona geimpft: „Ein absoluter Skandal“

Das Personal in Altersheimen wird ja derzeit geimpft.

Ja, allerdings nicht die Hausärzte. Es ist ein absoluter Skandal. Hinzu kommt: Wenn wir in Laubach wegen Corona ausfallen sollten, dann würde die ärztliche Versorgung in unserer Kleinstadt fehlen. Meine Praxis versorgt 2500 Patienten bei allen Krankheiten und Beschwerden, vom Schnupfen bis zum Sterben.

Haben Sie das Versäumnis, dass Hausärzte zunächst nicht geimpft werden, bei Vertretern der Politik angesprochen?

Ich habe mit dem Leiter des Impfzentrums gesprochen. Er sagt: Es tue ihm leid, man müsse priorisieren, weil wir nicht genügend Impfstoff haben. Das ist der weitere, allseits bekannte Skandal. Wenn ich nach Israel schaue, wo fünf Millionen Menschen sehr bald geimpft sein werden, frage ich mich: Was läuft bei uns schief?

Nun schlagen Sie auch vor, dass Hausärzte auch die Schutzimpfungen der Menschen im Kreisgebiet selbst vornehmen sollten. Warum?

Weil wir es sehr gut können. Wir haben in Laubach bei der vergangenen Grippeimpfung mehr als 1000 Leute im Vorbeigehen geimpft. Wir würden in unserer 300 Quadratmeter großen Praxis mit acht Behandlungsräumen sehr schnell Impfstraßen einrichten, die wir halbtags laufen lassen. Wir Hausärzte kennen natürlich außerdem unsere Patienten mit ihren Gebrechen und ihren Unverträglichkeiten, die Aufklärung würde schneller als im Impfzentrum gehen, in Laubach habe ich jetzt seit 33 Jahren meine Praxis. Gerade auf dem Land wäre eine Regionalisierung des Impfens sehr ratsam.

Kreis Gießen: Alte Menschen in Impfzentren zu schicken „ist absurd“

Wäre das Impfen jeweils vor Ort überhaupt möglich? Der Impfstoff muss ja unter besonderen Anforderungen gelagert werden.

Es wäre ohne Weiteres möglich. Der Biontech-Impfstoff hält sich nach dem Auftauen fünf Tage, andere Impfstoffe noch länger. Das Einzige was Sie brauchen, ist ein großer Kühlschrank. Montags wird geliefert, dann wird fünf Tage geimpft. Dann haben wir die Bevölkerung in unserer Stadt in Laubach schnell versorgt. Wir hätten die Kuh vom Eis.

Der Impfstoff müsste allerdings auch gesichert werden, wäre das nicht ein Problem?

Warum? Unsere Praxis ist abgeschlossen und videoüberwacht, das ist das geringste Problem. Im Vergleich zum Impfzentrum in Heuchelheim wäre außerdem der ganze formelle Aufwand viel geringer. Zur priorisierten Gruppe eins gehören ja Menschen über 80. Das sind zum Teil Menschen, die nicht mehr sehr mobil sind. Und ausgerechnet die karren sie in ein Impfzentrum. Das ist absurd.

In Mecklenburg-Vorpommern führen erste Hausärzte bereits die Corona-Schutzimpfungen durch. Wie realistisch wäre ein solches Vorgehen hier im Gießener Land?

Es wäre umsetzbar. Im Verhalten uns Hausärzten gegenüber während der Pandemie und nun bei der Planung der Impfung beobachte ich aber eine Geringschätzung. Unsere Praxis hat über die Krankenkassenärztliche Vereinigung Kontakt mit dem Impfzentrum in Heuchelheim aufgenommen. Uns wurde daraufhin vorgeschlagen, dass wir im Kreis Gießen oder im Vogelsberg als Impfteam arbeiten könnten.

Hausärzte im Kreis Gießen könnten Impfungen in der Praxis durchführen

Und was war Ihre Antwort?

Das können wir natürlich nicht. Wir können unsere Praxis nicht alleinlassen. Wir müssen vor Ort unsere Patienten versorgen. Wir haben 10.000 ärztliche Behandlungen im Jahr. Wir könnten die Impfungen aber in unserer Praxis durchführen.

In den Krankenhäusern werden die Ärzte geimpft, Haben Sie das Gefühl, dass Klinik- und Hausärzte gegeneinander ausgespielt werden?

Ich freue mich für meine Kollegen, dass es in den Krankenhäusern funktioniert. Wir sind eng vernetzt, meine Praxis in Laubach ist ja die größte medizinische Ausbildungspraxis der Justus-Liebig-Universität. Aber wir Hausärzte werden im Regen stehen gelassen.

Bei allem Unverständnis und allem Ärger. Was würden Sie sich für eine Verbesserung der Situation der Hausärzte wünschen?

Einen möglichst schnellen Zugang zum Impfstoff. Die Impfzentren können meinetwegen auch bleiben, die sind organisiert. Vor allem auf dem Land würden wir zusätzlich eine Regionalisierung der Impfung vorschlagen. Wir brauchen mehr Sicherheit. Für uns. Für unser Personal. Für unsere Familien. Und vor allem für unsere Patienten. Der sicherste Schutz ist die Impfung. Je schneller, umso besser. (Interview: Stefan Schaal)

INNENMINISTERIUM: IMPFUNGEN IN HAUSARZTPRAXEN GEPLANT

Ein Sprecher des hessischen Innenministeriums hat am Dienstag auf Nachfrage dieser Zeitung erklärt, dass Corona-Schutzimpfungen in Hausarztpraxen durchgeführt werden sollen, sobald ein »leicht handhabbarer Impfstoff« verfügbar sei, der unter einfachen Bedingungen gelagert und transportiert werden kann. »Dies ist aktuell noch nicht der Fall.« Daher müssten die Impfungen vorerst in speziell eingerichteten Impfzentren und durch mobile Teams erfolgen.

Zur Tatsache, dass Hausärzte und ihre Mitarbeiter derzeit noch nicht geimpft werden, erklärte der Sprecher, der Bund gestehe Hausärzten eine hohe Priorität beim Anspruch auf die Schutzimpfung zu. Ärzte, die in Pflegeheimen arbeiten, fielen in die erste Gruppe der Impfungen mit höchster Priorität. Das entscheidende Kriterium derzeit sei aber die momentan begrenzte Verfügbarkeit des Impfstoffs.

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