Philipp Gerschlauer beim nächtlichen Ständchenspiel in Laubach. FOTO: PM
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Philipp Gerschlauer beim nächtlichen Ständchenspiel in Laubach. FOTO: PM

Corona-Krise

Was es mit den Ständchen nachts in Laubach auf sich hat

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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"Hast ’e ma uff die Uhr geguckt?", hallte ein Schrei durch Laubachs Gassen. Nachts um halb zwei. Saxofonist Philipp Gerschlauer spielte nächtliche Ständchen, hielt so die alte Ausschuss-Tradition wenigstens etwas hoch.

Stets am zweiten Juni-Wochenende, wenn Laubach sein Ausschussfest feiert, leben in der Fachwerkstadt an der Wetter uralte Bräuche auf: Dann versammeln sich wie vor 500 Jahren schon die "wehrfähigen Männer" in ihren Standlokalen, huldigen im Schlosshof dem Grafen, um hernach den besten Schützen auszuschießen, dem als Preis ein lebender Hammel winkt. Doch leider, leider - auch dieses Volksfest fiel wegen Covid-19 ins Wasser, erstmals nach dem Krieg waren all die liebenswert-merkwürdigen Traditionen nicht zu bewundern.

Alle? Nicht ganz: Die Ständchen, die stets in der Nacht zum Ausschussmontag in der Stadt erklingen, die waren auch diesmal zu vernehmen. Freilich spielte, die Abstands- und Hygieneregeln versagten dies, nicht der Musikverein Laubach in seiner Gesamtheit. Als einsamer Solist zog Philipp Gerschlauer durch die menschenleeren Gassen.

Der weithin bekannte Jazzmusiker, nach Stationen in Frankfurt und New York in Berlin gelandet, hatte sich aus alter Verbundenheit am Sonntag sein Saxofon geschnappt und in den ICE gesetzt, auf dass er rechtzeitig in Laubach einträfe. Von 1 Uhr in der Früh spielte dann er seine Ständchen, bescherte so den Laubachern wenigstens etwas von ihren geliebten Traditionen, um die sich seit altersher die Ausschussgesellschaft 1540 kümmert. "Gut, die ganze Stadt abzulaufen, das war nicht zu schaffen", sagt der 33-Jährige, "aber der Musikverein bildet ja auch Gruppen."

Spenden für Terre de Femmes

Gerschlauer, in Laubach aufgewachsen und schon mit sieben Jahren zum Musikverein gestoßen, hält auch von Berlin aus engen Kontakt zur alten Heimat. Wenn es der Terminplan zulässt, reist er zum Volksfest an, wirkt beim Ständchenspiel mit. Wie er im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen erzählte, hatte er sich für sein Solo passende Stücke ausgesucht: "Ännchen von Tharau", "Mein Vater war ein Wandersmann" oder "Die Gedanken sind frei".

Um in diesen Zeiten der Pademie Menschensammlungen zu vermeiden, hatte der Berufsmusiker die Aktion geheim gehalten. So mancher traute daher seinen Ohren nicht, trat vor die Haustür und freute sich über die gelungene Überraschung. Mal abgesehen von jener Frau, die diese Tradition offensichtlich nicht kannte und gegen halb zwei aus dem Fenster schrie: "Ey, hast ’e ma uff die Uhr geguckt?"

Impuls für Inklusion

Das aber war eine Ausnahme, und als Gerschlauer gegen halb sechs seine Runden gedreht hatte, gab es noch eine weitere nette Überraschung - diesmal für ihn. An einem Haus im "Musikerviertel" ging die Tür auf und heraus trat Diego Semmler, ein Freund seit Kindertagen. Bei einem Bierchen plauderten die beiden über dies und das, bevor es für den Wahl-Berliner schon wieder hieß: "Zurücktreten von der Bahnsteigkante!". Am Montagnachmittag war er wieder zu Hause. Um sich da bereits über einen weiteren positiven Widerhall seiner Aktion zu freuen, waren doch erste Spenden eingegangen.

"Damit alles noch einen Mehrwert hat", hatte Gerschlauer sein Ständchen mit der Unterstützung einer gemeinnützigen Organisation verbinden wollen. Womit er zugleich den Impuls aufgriff, den Pfarrerin Anke Stöppler im Gottesdienst am Sonntag gegeben hat: Für sie ist der Laubacher Ausschuss ein Fest, "bei dem sich eine Gemeinschaft bildet, in der nicht unterschieden wird zwischen Arm und Reich, Graf und Bauer, zwischen Schwarz und Weiß, Alt und Jung".

Wen er sich für die Spende ausgesucht hat? "Terre de Femmes". Eine Organisation, die sich für die Gleichberechtigung von Frauen einsetzt. Auch wenn er damit in Laubach keine neuerliche Diskussion um Emanzipation oder gar das Steuerrecht lostreten will, ein augenzwinkernder Hinweis auf das nach wie vor geltende "Frauenverbot" in der Ausschussgesellschaft 1540 Solms-Laubach darf man da durchaus erkennen.

Kontakt: philippgerschlauer @gmail.com.

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