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Das Tipi weist den Weg zum Waldkindergarten.

Erzieherin versetzt

Schatten auf einem Kinderparadies

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Das Mühltal in Freienseen ist ein verwunschener Ort und ein guter Platz, um die Natur zu genießen. Doch seit dem Sommer ist dieses kleine Paradies empfindlich gestört.

Im März 2002 wurde in Freienseen ein Waldkindergarten eröffnet. Es war ein Modellprojekt, ein Versuch, Kindern einen Hort ohne Wände und Dach zu bieten. Dafür mit Bäumen, Moos und Grashüpfern. Das Modell machte Schule, heute gibt es einige ähnliche Einrichtungen im Kreis Gießen. In Freienseen waren viele Jahre alle glücklich: Eltern, Erzieherinnen und vor allem die Kinder. Immer draußen - das hört sich erst mal ziemlich hart an, aber die Jungen und Mädchen haben nicht nur ein feines Tipi. Ein alter Bauwagen bietet ihnen Schutz vor Regen und eisiger Kälte.

Es war immer eine kleine heile Welt, wie eine Symbiose aus Saltkrokan und Bullerbü, eine Mischung aus Ferieninsel, Heimat und Abenteuerspielplatz. Im Sommer war es über Nacht vorbei mit Ruhe und Beschaulichkeit. Unter der Überschrift "Freienseener Eltern in Sorge" erfuhr die Öffentlichkeit, was geschehen war: Nach 16 Jahren in der Waldgruppe in Freienseen wurde eine Erzieherin von ihrem Arbeitgeber, dem Oberhessischen Diakoniezentrum Laubach, völlig überraschend in den Hauskindergarten nach Ruppertsburg versetzt. Von einem Tag auf den anderen musste sie wechseln.

Mauer des Schweigens

Gleichwohl wurde von den Verantwortlichen der Diakonie nicht für einen reibungslosen Übergang in Freienseen gesorgt. Zeitweise gab es bei der Betreuung chaotische Zustände. Wiederholt mussten die Jungen und Mädchen sich der Hausgruppe anschließen. Und weil die Diakonie lange nicht adäquat reagierte, gab es mehrere kritische Anfragen von Eltern beim Kreisjugendamt. Der Elternbeirat machte sich deshalb mehrfach für eine Rücknahme der Versetzung stark. Dr. Susanne Egbert, Leiterin der Kinder- und Familienarbeit im Diakoniezentrum, hielt allerdings an ihrer Entscheidung fest.

Das Team des Waldgruppe steht bis heute hinter der versetzten Kollegin, die Elternschaft überwiegend auch. 25 Kinder besuchen aktuell den Waldkindergarten. Mitarbeiter dieser Zeitung haben mit zahlreichen Eltern gesprochen und um eine Einschätzung gebeten. Alle Befragten haben sich hinter die Erzieherin gestellt. "Sie hat hervorragende Arbeit geleistet, ist qualifiziert, empathisch, geht liebevoll mit den Kindern um. Sie lebt für diesen Kindergarten", sagt Meike Engeln vom Elternbeirat. Nur die versetzte Erzieherin sei in der im Waldkindergarten angewandten Freinet-Pädagogik geschult. Im Haus in Ruppertsburg könne sie damit nichts anfangen.

Klar ist: Es wurden bei der Versetzung Formfehler gemacht, die Mitarbeitervertretung wurde übergangen, die Eltern wurden nicht gefragt. Die betroffene Erzieherin sagt: "In der Öffentlichkeit entstand durch Aussagen seitens Diakonie und der Leiterinnen der anderen Laubacher Kindergärten der Eindruck, meine Personalakte sei gefüllt mit Abmahnungen. Aber es gibt da nichts, wirklich gar nichts." Viel Aufregung, andererseits aber auch Sprachlosigkeit. Eine Mediation soll es jetzt richten, richtig begonnen hat sie freilich noch nicht.

Für die Eltern wird es immer schwieriger, an Informationen zu kommen. Am vergangenen Donnerstag wollte Elternbeiratsmitglied Nina Lingner von der Leiterin des Freienseener Kindergartens wissen, wie es weitergehe. "Wir dürfen nichts mehr sagen", war die Antwort.

Einerseits wird von Dr. Egbert immer betont, dass sie an einer Lösung arbeite, die alle zufriedenstellt. Andererseits wird seitens der Diakonie aber mit Härte agiert. Eine Mitarbeiterin des Waldkindergartens bekam innerhalb eines Tages mehrere Abmahnungen, weil sie sich öffentlich hinter die versetzte Kollegin gestellt hatte.

Der Draht zwischen Haus- und Waldgruppe ist gekappt. Und die Diakonie verschanzt sich hinter einer Mauer des Schweigens. Dr. Susanne Egbert schreibt lediglich in einer Mail auf eine Anfrage dieser Zeitung: "Mit unterschiedlichen Akteuren arbeiten wir daran, für die Kita Freienseen mit ihrer Hausgruppe und Waldgruppe eine gute Lösung zu finden. Ich bitte Sie um Verständnis, dass es uns zurzeit in erster Linie darum geht, den Entwicklungsprozess in Freienseen auf keinen Fall zu irritieren. Daher kann ich Ihnen momentan keine Informationen geben. Sehr gerne werden wir uns zu gegebener Zeit an Sie wenden."

Klingt umsichtig und nach Fürsorge. Die Eltern sind skeptisch. Was bislang unternommen wurde, habe die Situation eher verschärft als entspannt. Geäußert wurde auch mehrfach, dass Dr. Egbert ein Problem mit Mitarbeitern habe, "die Fragen stellen und auch mal ihre Meinung sagen".

Inzwischen haben sich auch örtliche Kommunalpolitiker eingeschaltet. Manche wollen helfen, schlichten, Lösungen suchen. Andere winken ab, das sei Sache der Diakonie. Und einige gefallen sich in der Rolle eines Populisten. Im Stiftungsrat der Diakonie hat man sich offenbar auf eine gemeinsame Sprachregelung verständigt, die ziemlich deckungsgleich mit der von Dr. Egbert ist: Die Versetzung sei notwendig gewesen. Nur: Keiner der Befragten hat auch nur ein einziges Wort mit der versetzten Erzieherin gewechselt.

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