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Um jüdisches Leben in Deutschland geht es bei der Podiumsdiskussion im Laubach Kolleg.

Offener Judenhass beunruhigt viele

  • VonConstantin Hoppe
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Laubach (con). Seit 1700 Jahren leben Juden in Deutschland - eine Beziehung, die die deutsche Kultur bis heute mitprägt, aber auch zu schrecklichen Taten führte. Aber wie sieht jüdisches Leben in Deutschland aus? Eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist, denn ein homogenes Judentum existiert nicht. Deshalb luden die Stadt Laubach und die Friedenskooperative Grünberg-Laubach-Mücke zu einer Diskussionsrunde ins Atrium des Laubach Kollegs ein:

Gemeinsam mit dem Leiter des regionalen Projektbüros »Demokratie leben« Aaron Löwenbein gaben jüdische und nicht jüdische Gesprächspartner einen Einblick in den Alltag junger Juden in Deutschland.

Simon Beckmann, Vorstand der Jüdischen Gemeinde Gießen, Evgenia Levin aus der jüdischen Gemeinde Frankfurt, und Dr. Reiner Becker, Leiter des Demokratiezentrums an der Universität Marburg, berichteten. Stadtverordnetenvorsteher Joachim M. Kühn moderierte den Abend.

Israel gibt Sicherheit

»Mein Leben ist vollgepackt mit Judentum. Ich liebe die Traditionen wie hohe jüdische Feiertage, Kerzen anzünden oder koscheren Wein trinken. Das ist für mich wichtiger, als mich an alle Gebote zu halten oder wöchentlich die Synagoge zu besuchen«, erklärte Beckmann, der sich selbst als säkularen Juden sieht. Doch das entscheide jeder Gläubige für sich, orthodoxe oder ultraorthodoxe Juden sehen die Einhaltung der Essensgebote sehr viel strikter. Die aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Evgenia Levin sieht das ähnlich, ist aber traditioneller eingestellt.

Ein weiterer Punkt, der den Alltag vieler Juden in Deutschland prägt, ist nach wie vor der Antisemitismus: Generelle Tendenzen, in Deutschland wieder offen Judenhass zu zeigen, beunruhigen viele. Doch Menschen, die immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert werden, stumpfen dagegen ab, es werde geradezu zur Normalität, erläuterte Beckmann. »Es gibt keine sicheren Räume mehr, außer auf jüdischen Veranstaltungen.«

Ebenso fast alltäglich sei die Frage nach Israel: »Oft werden Israel und das Judentum miteinander verbunden, aber stimmt das auch? Und sehen Sie sich als jüdische Deutsche oder als Auslands-Israelis?«, wollte Kühn von seinen Gesprächspartnern wissen.

»Ich sehe Israel als einzigen Ort, der mir als Juden irgendwann Sicherheit bieten kann«, erklärte Beckmann. Dorthin könne er gehen, wenn er sich in Deutschland nicht mehr sicher fühle. Er sehe sich als deutschen Juden, das gehe aber längst nicht allen so: »Wir leben hier immer noch im Land der Täter. Es gibt viele Juden, die sich nicht als Deutsche sehen.«

Genauso sieht das Evgenia Levin, wenn auch mit kleinen Unterschieden: »Ich war noch nie in Israel und sehe mich nicht als Israelin, auch verstehe ich nicht, wie man einige Dinge dort nicht sehen möchte. Aber auch ich empfinde Israel als sicheren Ort, wenn es hier nicht mehr gehen sollte. Aber daran will ich gar nicht denken.«

Was kann getan werden, um Rassismus und Antisemitismus vorzubeugen? Diese Frage richtete Kühn an Becker. »Dazu gibt es keine einheitliche Strategie - jeder muss bei sich selbst anfangen«, erklärte dieser. »Wir brauchen eine sehr nüchterne Analyse: Wo stehen wir gesellschaftspolitisch? Und auch junge Menschen haben ihre Vorurteile.« In Schulen müssten solche Themen regelmäßig und nicht fachgebunden behandelt werden. »Aber welche Möglichkeiten gibt es denn, in engen Stundenplänen die entsprechenden Themen aufzugreifen?« Deshalb hänge viel von der Bereitschaft der jeweiligen Personen ab, sich zu engagieren.

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