Auf diesem Parkplatz in der Nähe der Schutzhütte in Laubach entdeckten zwei Schülerinnen im Juni 1999 in die Leiche von Sergej Haan. Der Mord an dem damals 21-Jährigen ist bis heute nicht geklärt.
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Auf diesem Parkplatz in der Nähe der Schutzhütte in Laubach entdeckten zwei Schülerinnen im Juni 1999 in die Leiche von Sergej Haan. Der Mord an dem damals 21-Jährigen ist bis heute nicht geklärt.

Mord im Drogenmilieu

Brutaler Mord im Kreis Gießen: Ermittlungen stoßen auf eine Mauer des Schweigens

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
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Am 4. Juni 1999 entdecken zwei Schülerinnen in Laubach einen leblosen Mann in einem Pkw. Schnell wird klar: der 21-Jährige wurde ermordet. Der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt.

Laubach - Der schwarze Nissan, in dem die Mädchen die Leiche finden, wurde auf einem kleinen Parkplatz in der Nähe der Schutzhütte in Laubach abgestellt. Bei dem Toten handelt es sich um den Russlanddeutschen Sergej Haan, laut Polizei kein unbeschriebenes Blatt. Wie die Obduktion kurze Zeit später ergibt, wurde der 21-Jährige, der zum Todeszeitpunkt mit Drogen vollgepumpt ist, stranguliert. Außerdem fügten der oder die Täter ihrem Opfer zahlreiche tödliche Stich- und Schnittverletzungen am Kopf und am Hals zu. Ein äußerst brutaler Mord.

Die Ermittlungen von Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft laufen auf Hochtouren. Unter der Leitung des Kommissariats K11 wird eine achtköpfige Sonderkommission gegründet. Doch alle Maßnahmen verlaufen im Sand. Knapp eine Woche nach der Tat sind bei der eigens eingerichteten Hotline nur knapp 20 Anrufe eingegangen. »Entweder herrscht unter der russischsprachigen Bevölkerung große Angst oder Desinteresse an einer Aufklärung des Verbrechens«, sagt der damalige Polizei-Pressesprecher Sigbert Steffens. Auch ein zweisprachig verfasstes Flugblatt, das in Laubach, Lich und Grünberg verteilt wird, bringt die Ermittler keinen Schritt weiter. Für Hinweise, die zur Ergreifung des oder der Täter führen, wird eine Belohnung in Höhe von 5000 D-Mark ausgesetzt. Trotz aller Ermittlungen bleibt der Fahndungserfolg aus. Sämtliche in Betracht kommenden Zeugen schweigen eisern. Zu groß ist offenbar die Angst, selbst so zu enden wie Sergej Haan.

Im Zuge der Ermittlungen erfolgt Ende Juni 1999 eine Exhumierung auf dem Licher Friedhof. Dort ist der Deutschrusse Jewgeni O. beerdigt, der sich im Wald bei Lich das Leben durch Erhängen genommen haben soll. Die Polizei setzt Hoffnung in das Vorgehen. Gibt es einen Zusammenhang der beiden Todesfälle? Die Ernüchterung folgt: bei der anschließenden Obduktion in der Rechtsmedizin in Gießen können keine Hinweise auf ein Fremdverschulden gefunden werden.

Die Beamten gehen fest davon, dass der brutale Mord an Sergej Haan dem Drogenmilieu zuzuschreiben ist. Im August findet in der Holzheimer Diskothek »Drop Inn« eine groß anlegte Razzia statt.

Mord im Kreis Gießen: Drogensumpf trockengelegt

Bei den Stammgästen handelt es sich im Wesentlichen um junge Übersiedler aus Russland mit Wohnsitz im Landkreis Gießen und den benachbarten Kreisen. Aufgrund verschiedener Hinweise besteht der Verdacht, dass innerhalb der Diskothek Drogen- und Waffengeschäfte abgewickelt werden. Der Heroinhandel in Gießen und Umgebung scheint zu diesem Zeitpunkt fest in der Hand dieser Volksgruppen zu sein. Mit der Razzia verbunden sind laut Polizei auch Hoffnungen, im Mordfall Haan endlich einen Schritt weiter zu kommen. Doch wieder ohne Erfolg.

Stattdessen führt die Spur die Ermittler immer tiefer ins Drogenmilieu. Im Juli 2000 beschlagnahmt die Polizei bei einem Zugriff in einem Gießener Stadtteil 3,5 Kilogramm Heroin im Marktwert von 140 000 D-Mark. Drei mutmaßliche Dealer, die aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion stammen, werden festgenommen und ein Jahr später zu Haftstrafen verurteilt.

Noch bis Ende 2003 folgen immer wieder Prozesse wegen zum Teil gewerbsmäßigen Handels mit Heroin im Kreisgebiet. Dann haben Polizei und Staatsanwaltschaft den Drogensumpf trockengelegt. Insgesamt werden mehr als 50 Freiheitsstrafen verhängt. Doch der Mord an Sergej Haan, der bei den Verhandlungen immer wieder zur Sprache kommt, bleibt ungeklärt. »Im Umfeld des Opfers stoßen wir immer wieder auf eine Mauer des Schweigens«, heißt es aus Ermittlerkreisen.

Hoffnung, das brutale Verbrechen nach mehr als 20 Jahren doch noch abschließen zu können, hat Staatsanwalt Thomas Hauburger. Altverfahren würden turnusmäßig immer wieder überprüft. »Und wenn wir einen entscheidenden Hinweis bekommen, gelingt es uns vielleicht doch noch, den Mordfall Sergej Haan aufzuklären«, sagt Hauburger. Bei neuen Hinweisen würden die Ermittlungen wieder aufgenommen. Zeugen können sich bei der Kripo Gießen unter Telefon 06 41/70 06-25 55 melden.

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