Mathias Hermann las in Laubach aus Kellner-Tagebüchern

Laubach (mlu). Voll besetzt war Laubachs Stadtkirche, als dort der Schauspieler Mathias Hermann (bekannt etwa aus "Ein Fall für zwei") aus den Tagebüchern des Justizinspektors Friedrich Kellner vorlas. Eingeladen hatten zu der Veranstaltung die Stadt Laubach, die ev. Gemeinde sowie die Friedenskooperative Grünberg-Laubach-Mücke.

Erschienen ist die Editionsarbeit der Arbeitsstelle für Holocaustliteratur an der Universität Gießen unter dem Titel "Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne" (die GAZ berichtete). Das zeitgeschichtliche Dokument umfasst die Jahre 1938 und 1945 und beginnt mit Kellners programmatischem Satz: "Der Sinn meiner Niederschrift ist der, augenblickliche Stimmungsbilder aus meiner Umgebung festzuhalten, damit eine spätere Zeit nicht in die Versuchung kommt, ein ›großes Geschehen" daraus zu machen."

Eingangs der Veranstaltung rekapitulierte Stadtverordnetenvorsteher Joachim M. Kühn den Weg, auf dem die Aufzeichnungen an die Öffentlichkeit gelangt waren. Denn obschon Kellner nachweislich beabsichtigt hatte, aus der Fülle seines Materials "zu gegebener Zeit" die Schuld der Deutschen zu beweisen, hatte er bis zu seinem Tod 1970 auf eine publizistische Anklage verzichtet, sich stattdessen auf den Aufbau demokratischer Strukturen in Laubach konzentriert. Es war sein Enkel, der Amerikaner Prof. Robert Scott Kellner, der die Herausgabe der Tagebücher vorantrieb. Den Durchbruch brachte eine kurze Notiz im "Spiegel" vom Mai 2005.

In einem Brief an die Stadt, den Kühn verlas, dankt Scott Kellner für deren Bemühungen, das Andenken an den Großvater zu bewahren. Seit 2008 erinnert eine Dauerausstellung im Laubacher Heimatmuseum "Fridericianum" an das Wirken des inneren Emigranten. Wie Bürgermeister Peter Klug erklärte, sei man bestrebt, die in diesem Jahr fällige Räumung von Kellners Grab in Mainz zu verhindern.

Die exemplarischen Passagen, die Hermann alsdann vorlas, wurden von Nassrin Sadeghi von der Arbeitsstelle für Holocaustliteratur kommentiert. Die Aufzeichnungen belegen, dass sich Kellner zu keiner Zeit über den verbrecherischen Charakter des Hitler-Regimes hinweg täuschte. Akribisch sammelte er Presseartikel, deren Propaganda-Rhetorik er in Randbemerkungen kommentierte, entlarvte. Umso schmerzlicher traf ihn die Verblendung seiner Zeitgenossen, die für den "schönen Schein des Dritten Reiches" empfänglich waren.

Allerdings war er nicht der einzige Laubacher, der die Lügen, die Widersprüche und den hybriden Zynismus der Nazis durchschaute. Anders als etwa die Sozialdemokraten Ernst Fißler, Hermann Rühl oder Wilhelm Lauth, blieb der Justizinspektor von einer Verhaftung verschont (politisch verfolgt wurden aber nicht nur Sozialdemokraten; in einer Chronik der SPD Laubach wird so auch auf Kommunisten und Gewerkschafter verwiesen. Diese Liste umfasst neben den Genannten weitere 22 Namen politisch verfolgter Laubacher: Heinrich und Richard Frei, Heinrich Gerhard, Wilhelm Glock, Johannes Högel, Karl Kratz, Karl Lang, Christian Lauth, Emil Sauer, Jean Schmidt, Wilhelm Schmidt wohnhaft in der Planke, Wilhelm Schmidt wohnhaft in der Wildemannsgasse, Georg, Heinrich, Philipp und Wilhelm Stengel, Konrad Steuernagel, Heinrich von Eiff, Karl, Ludwig Wagner und Ludwig Weigand).

Friedrich Kellner wiederum war sich der Gefahr, in der er sich befand, bewusst. Er registrierte Deportationen und Massenmorde wie sie etwa in der "Heil- und Pflegeanstalt" Hadamar stattfanden. Er sah voraus, dass diese dem Untergang geweihte Periode der deutschen Geschichte Ansehen und auch Selbstverständnis der Deutschen nachhaltig prägen wird. Und dass eine Neuordnung Europas nur durch Hilfe und Kontrolle von außen, also durch die alliierten Streitmächte, möglich sein wird.

"Wegschauen und Schweigen"

Anders als jene Zeitgenossen, die mit dem Ende des Krieges von nichts etwas gewusst haben wollten, stellte sich Kellner die Schuldfrage und kam zu dem Schluss, dass man zwischen "tatsächlicher" und "moralischer Schuld" unterscheiden müsse. Die tatsächliche Schuld trugen seiner Auffassung zufolge alle, die sich aktiv an den Verbrechen des Terror-Regimes beteiligt hatten; die moralische Schuld aber jene, die solche Handlungen durch ihr Wegschauen und Schweigen zuließen, "ein sehr großer Kreis deutscher Menschen".

Anschließend an die eindringliche Lesung von Mathias Hermann nutzten die Teilnehmer im Gemeindehaus die Gelegenheit zum Gedankenaustausch. (Foto: mlu)

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