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"Keine Linde, keine Förderung"

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Herausragendes Projekt im Rahmen der Laubacher "Dorferneuerung" neuer Lesart (IKEK) ist die Neugestaltung des Marktplatzes. Der kommt heute eher als Parkplatz daher. Die Autos also sollen verschwinden, Laubachs "gute Stube" soll historischen Vorbildern entsprechen: mit großer Freifläche, nicht nur für die Stände der Marktbeschicker, sondern auch für Veranstaltungen, einem Biergarten oder Café. Wie vielerorts im Ergebnis eines Umdenkens längst vollzogen, soll auch Laubach die "Rückkehr zu einem Raum für Begegnung und ohne Autos" vollziehen.

Bürgervotum zu Entwürfen geplant

So sehen es die Stadt, der mit der Gesamtplanung beauftragte Architekt und die IKEK-AG "Innenstadtentwicklung". Alle drei sind sich auch darin einig: Um skizzierte Ziele zu erreichen, muss Platz geschaffen werden, sollte die Marktplatzlinde gefällt werden. Die Arbeitsgruppe hat die Variante ohne Baum favorisiert und schon eine Vorlage ans Stadtparlament erarbeitet. Entsprechender Vorentwurf des Architekten sieht im Übrigen den Erhalt des Fahrwegs an der Volksbank-Seite vor; noch offen ist, ob eine Baumreihe als Abgrenzung zum Platz entstehen sollte. Feststehen dürfte aber schon jetzt: Für manchen, vor allem alteingesessene Laubacher wäre das Fällen der 106 Jahre alten Linde ein "Sakrileg".

In besagter AG freilich sitzen auch alteingesessene Laubacher. Die hat vor allem ein altes Foto vom Marktplatz (siehe oben) überzeugt: Aufgenommen in 1920ern - damals war der Baum wenige Jahre alt und noch klein -, vermittelt es einen Eindruck von der Größe des Platzes und seinem Potenzial.

"Dem Votum der AG ging eine lange Diskussion zu den zwei Entwürfen des Architekten voraus; der eine mit Linde, der andere ohne", betonte Laubachs Bauamtsleiter auf Anfrage. Und ebenso, dass vor der 2020 geplanten Neugestaltung die Bürger beteiligt, deren Meinungen zu den konkurrierenden Entwürfen eingeholt werden solle.

Nur könnte es dazu erst gar nicht kommen: Die Abteilung für den ländlichen Raum beim Lahn-Dill-Kreis als in Sachen IKEK zuständige Behörde hat klargestellt: "Eine Förderung wird nur möglich sein, wenn die Linde erhalten bleibt."

Eine Begründung: Gemäß Förderrichtlinie dürften Solitärbäume nicht gefällt werden, sei das "kulturelle und natürliche Erbe des ländlichen Raums" zu bewahren. Auch sei der Baum als "Mittel- und Orientierungspunkt" für die Ziele der Neugestaltung, also Schaffung eines autofreien Raums und Aufwertung der Aufenthaltsqualität, nicht hinderlich. Schließlich: "Die Linde hat auch geschichtliche Bedeutung, wurde sie doch 1913 zum 100-jährigen Jubiläum der Völkerschlacht von Leipzig gepflanzt." Beim Bauamtsleiter wie auch bei Bürgermeister Klug sorgen diese Zeilen für heftiges Kopfschütteln. Zum einen, da sich hier "eine Förderstelle so weit aus dem Fenster lehnt". Fachbehörde sei schließlich der Denkmalschutz, der sollte über der Förderstelle stehen, meint Klug. Deren Vertreterin habe sich zunächst einer Stellungnahme enthalten, wolle erst eine Begründung sehen.

Mit dem Vorpreschen des Amtes für den ländlichen Raum werde zugleich das Vorhaben, die Bürger bei der Entscheidung über die Alternativen einzubeziehen, torpediert. Ohne Fördermittel könne Laubach das nicht stemmen, bliebe also keine Wahl.

Dass Marktplätze frei von Bäumen seien, als Nutzflächen für Märkte und Kommunikation dienten, ergänzte Bouda einen historischen Aspekt. Ein offener Platz würde auch hier die "Schönheit des Umfelds mit seinen alten sanierten Gebäuden unterstreichen". Der Baum dagegen verhindere dies. Und zwar in zunehmenden Maße, habe die Linde doch noch lange nicht ihre maximale Größe erreicht. Wieder Klug: "Es geht doch darum, ein zukunftsfähiges Konzept zu realisieren. Manche Veränderung erweist sich mit der Zeit als Vorteil."

Was in Laubachs Rathaus und da besonders im Bauamt aufstößt, ist der Hinweis auf die "geschichtliche Bedeutung" der Linde: Befremdlich sei es, wenn eine hessische Verwaltung auf den Erhalt eines Baumes poche, weil der zum 100-jährigen Jubiläum der mörderischen Völkerschlacht in Leipzig mit 100 000 Toten gepflanzt wurde. 1913, also in einer Zeit, die von Nationalismus und Militarismus geprägt war. Bouda: "Gerade heute, da über ein gemeinsames und freies Europa debattiert wird, sind solche Aussagen eher unpassend." (tb/Foto: pm)

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