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»Last Christmas« schon im Oktober

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Von: Thomas Brückner

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Laubach (tb). Selbst Ortskundigen fällt es schwer, einen Parkplatz zu finden. Sogar Ausfallstraßen sind von Blechkarossen gesäumt, die den Großteil ihres Daseins im Frankfurter Raum verbringen - und auf eine Ausfahrt hoffen. Rund ums Laubacher Schloss drängen sich derweil dichte Menschenmassen. All das untrügliche Zeichen dafür, dass der »Winterzauber« schon am gestrigen ersten Tag ein wahrer Publikumsmagnet ist.

»Man spürt, wie sehr die Leute nach der Zwangspause Lust auf einen Marktbummel verspüren«, sagt Thomas Hörold. Der ist das erste Mal in Laubach, und nicht nur er zeigt sich vollends zufrieden (wir kommen später auf ihn zurück).

Den »Winterzauber«, letztes Jahr wie andere Märkte der Pandemie zum Opfer gefallen, gibt es bereits seit 2013. Bei der Premiere firmierte er unter »Schloss-Weihnacht«; der Name in Kombination mit dem Termin noch vorm ersten Advent sorgte für Kritik der Kirchen - und einen neuen Namen.

Krippen auch in der Diaspora gefragt

Als erster vorweihnachtlicher Markt weit und breit, mit einem hochwertigen Sortiment an 110 Ständen, hat sich der »Winterzauber« längst ein Renommee erarbeitet, das weit in die Region ausstrahlt. Dass das Vorziehen der Eröffnung vom Freitag auf den Donnerstag, quasi mitten in der Woche, funktionieren würde, das freilich war nicht unbedingt zu erwarten. Das Kalkül des Veranstalters ist aufgegangen, der Nachholbedarf der Kunden offenbar groß.

Darüber freut sich auch Lisa Cerruci, ist ihr Stand mit »Apostel Kräutern« doch dicht umlagert. Ihre Spezialität ist eine Pflegeserie mit Johanniskraut-Essenzen, frei von chemischen Zusätzen und »ohne dass ein Tier leiden muss«, wie sie versichert. »Wir ernten die Kräuter selbst und mazerieren sie in Olivenöl, ein Hausrezept meiner Oma aus dem Piemont«, fügt die sympathische Frau aus dem Spessart an.

Ein paar Schritte weiter, vorbei an den Ständen mit Jackets aus handgewebtem Harris-Tweed, mit verführerischem Nougat aus der Provence, das erste »Last Christmas« schon im Oktober im Ohr, wartet besagter Thomas Hörold auf Kunden.

Der hat sein »Hobby zur Leidenschaft« ausgebaut, drechselt aus heimischen Hölzern wie Kirsche, Ulme oder Nussbaum exklusive Schreibgeräte. Der »Ferrari« in seiner Auslage ist ein Füller, dessen Hülle aus Holz und Acryl besteht. Kostenpunkt: 250 Euro. »Ich will dazu beitragen, die Freude an der Handschrift neu zu entdecken«, sagt Hörold. Und dass es auch in Zeiten von E-Mail und WhatsApp dafür einen Kundenstamm gebe. »Meine Schreibgeräte animieren, wieder mal einen Brief zu schreiben«, meint der leidenschaftliche Drechsler zum Abschied.

Holz ist auch der Werkstoff von Doris Dölle. Wenn ein Stand auf einem Weihnachtsmarkt richtig ist, dann dieser, kann man hier doch komplette Krippen oder auch einzelne Figuren erstehen. Etwa den »Bub mit Ziege«, den »Kameltreiber« (mit und ohne Bub) und natürlich das »Jesukind«. Im Gespräch wird so ganz nebenbei ein Irrglaube des Reporters beseitigt, wonach Weihnachtskrippen in der hiesigen katholischen Diaspora ein Ladenhüter wären. »Nein, nein«, heißt es da, »die besten Geschäfte machen wir im erzprotestantischen Hamburg.«

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