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Vor 50 Jahren hat Gabriele Kuhn ihr Maschinenbaustudium an der damaligen Ingenieurschule Gießen abgeschlossen. Die Ruheständlerin, die aus Ruppertsburg stammt, freut sich nun über ihre Urkunde zum "Goldenen Diplom".

Als Ingenieurin ihrer Zeit voraus

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Laubach/Gießen (pm). "Am Anfang war der Flur mal voller Leute, die gehört hatten, dass es eine Studentin gibt, und die ein Auge auf sie werfen wollten. Aber im letzten Semester war das keine Sensation mehr." So antwortet Diplom-Ingenieurin Gabriele Kuhn auf die Frage, wie es ihr in den Sechzigerjahren als Frau an der damaligen Ingenieurschule Gießen ergangen sei. Dort hat sie vor 50 Jahren ihren Abschluss im Studiengang Maschinenbau gemacht - als einzige Studentin in einem "Männerfach".

Ihren Weg in die Technikbranche ging sie zielstrebig. Nach den Volksschuljahren im Laubacher Stadtteil Ruppertsburg wechselte sie zur Handelsschule und begann eine Lehre als Technische Zeichnerin in einem Gießener Unternehmen. Ihr Interesse verstärkte sich noch bei Betriebsbesichtigungen und beim Besuch der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt.

"Das hat mir Spaß gemacht; und ich dachte, das könnte was für mich sein", erklärt die 73-jährige Ruheständlerin im Rückblick. Sie ließ Taten folgen, besuchte neben der Berufsausbildung dreieinhalb Jahre die Abendschule, erwarb dort die Hochschulreife und trat danach zur Aufnahmeprüfung an der Ingenieurschule an. Auch diese Hürde nahm sie und gehörte 1966 als weibliche Exotin dem etwa 30-köpfigen Startsemester an. Konnte man damals an der Hochschule außer Sekretärinnen überhaupt Frauen begegnen? An drei weitere Studentinnen erinnert sie sich, eine in der Elektro-, zwei in der Klimatechnik. "Es wird auch mal Zeit, dass Frauen herkommen", habe einer der Dozenten gesagt und ihr damit sein Einverständnis ausgesprochen. Hat das Geschlecht ihr im Studium einen Bonus verschafft oder zu Nachteilen geführt? Gabriele Kuhn überlegt kurz und antwortet: "Ich fühlte mich behandelt wie meine Mitstudenten auch." Nach jedem Halbjahr gab es ein Zeugnis, mit dem man sich fürs nächste Semester qualifizierte. Wie vorgesehen machte sie nach drei Studienjahren erfolgreich ihren Abschluss.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann, einem Kommilitonen, den sie im Abschlussjahr 1969 geheiratet hatte, wurde sie im selben Jahr als Ingenieurin berufstätig. Nach einer Zwischenstation in Mannheim arbeiteten beide acht Jahre lang in Ludwigshafen am Rhein bei einem Hersteller von Pumpen und Kompressoren. In der Rückschau hebt sie hervor, dass die Chefs dort "eine positive Einstellung zu berufstätigen Frauen" hatten. Ihre Tätigkeit in der Konstruktion von Kompressorteilen, Zylindern, und Kolben sei interessant und ausfüllend gewesen. Ambitionen, in Leitungspositionen aufzusteigen, habe sie keine gehabt; anders als ihr Mann. Als sich ihm eine attraktivere Stelle in Bielefeld bot, wechselte das Ehepaar nach Westfalen. Gabriele Kuhn fand dort nach einiger Suche einen geeigneten Arbeitsplatz bei einem Produzenten großer Verpackungsmaschinen. Als die Firma sechs Jahre später das Bielefelder Werk schloss und sie ins 70 Kilometer entfernte Lengerich versetzt werden sollte, verließ sie das Unternehmen. Lange bevor der Begriff "Work-Life-Balance" aufkam, entschied sie sich für den Ausstieg. Sie blieb zwar noch in freier Mitarbeit für ein Konstruktionsbüro aktiv, nahm die Industrietätigkeit als Ingenieurin aber nicht mehr auf. Zum 50. Jubiläum ihres Examens kehrte die 73-Jährige, inzwischen verwitwet, aus Westfalen nach Gießen an die heutige Technische Hochschule Mittelhessen zurück. Die Zusammenkunft ihres Semesters bereitete ihr Freude. Und sie erhielt dort ein Dokument, das heutzutage im Fach Maschinenbau in Frauenhänden eine absolute Rarität ist: die Urkunde zum "Goldenen Diplom".

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