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Blick zurück mit kritischer Miene: Pöbelnde, hupende, drängelnde Zeitgenossen kennt Fahrlehrerin Anne Hoffmann zu Genüge.

Fahrschule

Immer mehr Autofahrer pöbeln, drängeln, beleidigen

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Erfahrungen, die Fahrlehrer kennen: Pöbelnde, drängelnde Autofahrer, weil der Pkw vor ihnen das Tempolimit einhält, statt die üblichen 20 km/h draufzusatteln. Eine Fahrlehrerin berichtet.

Das muss man wollen" - ein Satz der Laubacherin Anne Hoffmann, der auf viele vergnügungssteuerfreie Berufe anzuwenden ist. Für einen aber immer mehr: Fahrlehrer. Schuld ist keineswegs eine zunehmend schwindende Begabung der Jugend, ein Kraftfahrzeug StVO-gemäß zu steuern. Oder ein Desinteresse an Technik - wohlgemerkt nicht zu verwechseln mit rein anwenderbezogenem Wissen rund ums Smartphone. Schuld ist vor allem die wachsende Aggressivität und Rücksichtslosigkeit auf der Straße, die den Unterricht vom Beifahrersitz aus erschwert. Beispiele kann Hoffmann zur Genüge anführen. Kein Wunder, übt die 59-Jährige doch bereits seit 22 Jahren jenen Beruf aus, "den man wollen muss".

Ausgerechnet bei der Prüfung

Just wenige Stunden vor dem Gespräch mit der Gießener Allgemeinen hat sie ihre 1000. Prüfung (!) hinter sich gebracht. Und das auch noch mit Erfolg für den Teenager, der bei ihr über viele Wochen hinweg das Autofahren in Theorie und Praxis gelernt hat.

Wie sie am Rande bemerkt: Zupass kommt ihr - wie vielen Kollegen -, dass die Ausbildung zum Fahrlehrer heute mehr praxisorientiert ist. Dass Pädagogik zum Lernstoff zählt - bis in der 1990ern undenkbar, als Hoffmann in der Fahrschule von Ehemann Günter einstieg. "Die Weiterbildungsmaßnahme an der PH Schwäbisch-Gemünd", bilanziert sie, "hat sich gelohnt."

Nicht zuletzt, um den Fahranfängern Selbstsicherheit und Gelassenheit zu vermitteln, in Zeiten, in denen sich "immer mehr Autofahrer uns gegenüber aggressiver und getriebener verhalten."

Cool am Stoppschild

Ob ein Grundseminar Pädagogik hilfreich wäre für jenen Autofahrer, von dem Hoffmann nun erzählt? Dem musste sie - und vor allem eine junge Fahrschülerin - ausgerechnet bei einer Prüfungsfahrt begegnen. Vom "Gießener Ring" kommend, hatte die junge Frau vorm Abbiegen nach rechts vorschriftsgemäß das Tempo vermindert. Als plötzlich ein nachfolgender Mann dicht auffuhr und hupte. Hoffmann rief ihr zu: "Bleib ganz ruhig!". Die Fahranfängerin, ziemlich erschrocken, blieb cool und am Stoppschild stehen. "Andernfalls wäre sie durchgefallen. Der Prüfer zeigte zum Glück Verständnis, mir ist es nämlich nicht erlaubt, einzugreifen." Beispiele für weniger verständnisvolle Prüfer gibt es zuhauf. Etwa jenes aus Westfalen: Vorschriftsgemäß hatte eine junge Frau wegen eines Radfahrer rechts neben ihr vor der Ampel abgebremst. Der Mann hinter hupte wütend, weil er fürchtete, nicht mehr rüberzukommen. Dieser Prüfling blieb nicht cool, fuhr weiter, die Ampel zeigte inzwischen rot - durchgefallen.

Um noch zwei Beispiele aus dem reichen Erfahrungsschatz der mittelhessischen Fahrlehrerin Anne Hoffmann zu nennen: Wiederum in Gießen, in der Tempo-20-Zone, Höhe "Kinocenter", bedrängte ein Verkehrsrowdy einer ihrer Schüler. Hupte mehrfach und überholte am Ende gar, mit hoher Geschwindigkeit, obwohl auch noch ein Radfahrer vor dem Fahrschulauto unterwegs war. Die Laubacherin schoss mit dem Handy ein Foto vom Kennzeichen ("das ist erlaubt"!), um an der nächsten Ampel "fürchterlich zusammengesch... zu werden". Begleitet vom Vorwurf: "Sie haben mich doch behindert!".

Immer mehr Rücksichtslosigkeit

Wie sie auf Nachfrage anfügt, achteten sie und ihre Kollegen sehr wohl darauf, nicht den Verkehr zu behindern. Ewiges Einüben im Rückwärtseinparken in ein belebten Straße etwa, das gebe es nicht. Was die dafür "berühmten" Straßen rund um den Schwanenteich angeht, so gebe es dort heute eh keine freien Parkplätze mehr.

"Gern genommen" wird von Autofahrern auch das Parken auf Geh- und Radwegen. Oder das Überfahren von Sperrflächen oder durchgezogener Linien, um unter Missachtung der Straßenverkehrsordnung zu überholen. Momente, in denen Hoffmann heute und oft zum wiederholten Male ihren Schülern klarmachen muss: "Auch wenn viele es tun, es ist verboten!"

Woran es liegt, dass sie vermehrt mit Fehlverhalten, Rücksichtslosigkeit und Machogehabe konfrontiert ist, dass für viele Menschen heute Fahrschulautos ein Rotes Tuch sind? Neben den allgemeinen gesellschaftlichen Ursachen, der zunehmenden Hektik in Beruf und Alltag, hat sie diese Erklärung: "Die Zunahme an Medien in den heutigen Autos, das Achten aufs Smartphone oder das Navi, das lenkt die Autofahrer ab, die Toleranzschwelle sinkt."

Hoffmann ist am Ende eines sehr wichtig zu betonen: "Wir Fahrschulen wollen keine Sonderrechte, wollen nicht anders behandelt werden wie alle anderen. Wir bitten aber die anderen Autofahrer, sich doch daran zu erinnern, wie es ihnen während ihrer Fahrschulzeit ging. Dann haben sie vielleicht mehr Verständnis."

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