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Ein Mammutprozess geht nach knapp elf Monaten zu Ende.

Gewalttat in Gonterskirchen

Brutale Gewalttat in Gonterskirchen: Fünf Männer verurteilt - Begründung für milde Strafe irritiert

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Zu der brutalen Gewalttat in Gonterskirchen im November 2017 sind am Donnerstag die Urteile gegen fünf Angeklagte gesprochen worden. Nach elf Monaten Verhandlung bleibt vor allem ein Satz der Frau in Erinnerung, die das Verbrechen nur mit viel Glück überlebt hat.

Schreie, dumpfe Tritte und Faustschläge dringen in der Nacht des 28. Novembers 2017 aus einem Haus Am Heiligenstock in Gonterskirchen. Eine Bande maskierter Männern prügelt auf einen Mann in dessen Haus ein, bis der 57-Jährige tot auf dem Boden liegt. "Wo ist das Geld?", rufen sie und verlangten die Herausgabe von 100 Kilogramm Marihuana. Zu der brutalen Gewalttat sind am Donnerstag nun die Urteile gesprochen worden.

Ein 35 Jahre alter Mann aus Antwerpen muss für 13 Jahre und sechs Monate hinter Gitter. Es ist das höchste Strafmaß, das die Kammer des Gießener Landgerichts unter Vorsitz von Andreas Wellenkötter in dem Fall verhängte. Der Angeklagte und seine Komplizen schlugen in der Tatnacht 45 Minuten lang auf das Opfer ein, brachen die Rippen und den Kehlkopf des Mannes. Der 57-Jährige - vorbelastet mit einer Herzerkrankung - brüllte vor Schmerzen, wimmerte. Dann herrschte Stille.

Opfer mit Benzin überschüttet

Das gesuchte Marihuana hatte einen Wert von 250 000 Euro. Das Opfer war Drogenkurier. Die Angeklagten warfen ihm vor, das Marihuana unterschlagen zu haben.

Die Frau des Opfers musste damals die Schläge und Tritte anhören, während sie mit Kabelbinder gefesselt im Schlafzimmer gegenüber lag. Die Täter überschütteten dann die Leiche und die 59 Jahre alte Frau mit Benzin, verbarrikadierten die Fenster und zündeten das Haus an, um ihr die Flucht unmöglich zu machen. Mit letzter Kraft kroch sie zum einzigen nicht versperrten Fenster und schrie um Hilfe. Zwei Anwohner retteten sie aus dem brennenden Haus.

Staatsanwalt hatte lebenslange Haft gefordert

Der Hauptangeklagte wurde wegen versuchten schweren Raubs und gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge sowie wegen versuchten Mordes an der Frau und schwerer Brandstiftung verurteilt. Für die selben Taten wurde ein weiterer Mann aus Antwerpen verurteilt. Er kommt allerdings mit einer Strafe von sieben Jahren und sechs Monaten davon, weil er zur Tatzeit 18 Jahre alt war und die Kammer das Jugendstrafrecht gelten ließ. "Sie haben Glück gehabt", sagte ihm der Vorsitzende Richter.

Die Staatsanwaltschaft hatte für den 35-Jährigen lebenslange Haft gefordert. Wellenkötter erklärte in seiner Urteilsbegründung, die Frau sei nicht geknebelt worden und habe daher um Hilfe rufen können. Außerdem hätten die Täter sie nicht selbst in Brand gesetzt. Dies sei mildernd zu werten.

Tränen über das eigene Schicksal

"Wie die Taten strafrechtlich zu bewerten sind, ist für meine Mandantin von untergeordneter Bedeutung", sagte Gabriele Berg-Ritter, die die Frau als Nebenklägerin vertrat. "Sie hofft nur, dass sie endlich zur Ruhe kommt." Hämatome aus der Tatnacht seien längst ausgeheilt. "Die Verletzungen an der Psyche nicht." Sie zitierte einen Satz, den die Frau vor Gericht geäußert hatte - und der bei den Prozessbeteiligten am stärksten in Erinnerung bleiben dürfte: "Ich existiere, aber ich lebe nicht mehr."

Der Angeklagte, der für 13 Jahre und sechs Monate ins Gefängnis muss, versuchte vor der Urteilsverkündung noch, sich zu entschuldigen. Doch am Ende schluchzte er vor allem über sein eigenes Schicksal. "Ich hätte nie gedacht, dass es soweit kommt", sagte er zu der Gewalttat. "Ich habe noch nie etwas gestohlen. Ich hatte noch nie Probleme mit den Behörden. Ich bin kein Mörder." Dann erklärte er unter Tränen, er fühle sich vor Gericht erniedrigt. "Ich habe nichts gemacht, aber bekomme die höchste Strafe."

Tod fahrlässig in Kauf genommen

Für die Kammer war es schwierig festzustellen, wer gegen das Todesopfer die entscheidenden Schläge gesetzt hatte. Auch aufgrund vieler widersprüchlicher Aussagen war eine Verurteilung wegen Mordes nicht möglich, sondern nur wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge. "Alle waren damit einverstanden, dass Gewalt zur Anwendung kommt", sagte der Richter. Die Täter hätten den Tod des Mannes fahrlässig in Kauf genommen.

Ein 42 Jahre alter Mann aus der belgischen Stadt Schelle hatte die Reise der Täter nach Mittelhessen organisiert. Er hatte selbst Drogengeld verloren, wollte es sich in Gonterskirchen zurückholen. Er wurde am Donnerstag zu acht Jahren verurteilt. Einer schwereren Strafe entging er, weil er den Tatort verlassen hatte, bevor in dem Haus Feuer gelegt wurde.

Ein Mammutprozess geht nach knapp elf Monaten zu Ende. Doch es ist zu bezweifeln, dass das  Verfahren wirklich abgeschlossen ist. Auch aufgrund der Kompliziertheit des Falls ist zu erwarten, dass so mancher Angeklagter Revision beantragen wird.

Zwei Friedrichsdorfer verurteilt

Vor Gericht standen auch zwei Männer aus Friedrichsdorf (Taunus), die in der Tatnacht nicht in dem Haus in Gonterskirchen waren. Einer von ihnen allerdings kaufte für die Tat Werkzeug zum Einbrechen sowie zum Fesseln und Knebeln. Der andere holte damals einen der Angeklagten in Laubach ab. Wegen Beihilfe wurden sie zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis sowie zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

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